Russlands Öl-Wirtschaft im Drohnenhagel – Ukraine greift gezielt Raffinerien an
Eine aktuelle Analyse des Thinktanks Carnegie Politika zeigt, dass die direkten Auswirkungen der ukrainischen Drohnenangriffe womöglich nicht so gravierend sind wie gedacht. Das steckt dahinter: Die Kapazität der zuletzt angegriffenen 16 Raffinerien macht tatsächlich 38 Prozent der gesamten russischen Ölproduktion aus. Insgesamt handele es sich hier um 123 Millionen Tonnen von rund 327 Millionen Tonnen pro Jahr.
Wladimir Putin in Sotschi (Symbolfoto). Die Ukraine greift beständig Russlands Raffinerien an. Das trägt angeblich zu Putins Treibstoff-Krise bei. Was steckt dahinter?
Allerdings gibt der Thinktank zu bedenken, dass die Raffinerien womöglich von vornherein gar nicht auf voller Kapazität gelaufen sind. Die Kapazität zur Öl-Raffinierung sei nicht mit dem tatsächlichen Output gleichzusetzen. Mindestens 22 Prozent der gesamten Kapazität seien stets im Leerlauf – wofür es mehrere Gründe gäbe. Unter anderem geht es dabei um veraltetes Equipment.
Außerdem sei nicht vollends bekannt, wie groß die Schäden durch die Drohnenangriffe sind und ob Russland die Schäden schnell reparieren konnte – oder ob sie die Produktion mittel- bis langfristig behindern. Eine Raffinerie in Wolgograd, die die Ukraine am 13. und 14. August beschädigt hatte, habe ihre Produktion zum Beispiel schon am 25. August wieder voll aufnehmen können.
Treibstoff-Krise in Russlands Wirtschaft – lange Schlangen vor den Tankstellen
Daneben hat Moskau ein größeres neues Problem, und zwar die ukrainische Innovation. Ukrainische Drohnen können mittlerweile weit genug fliegen, um auch Raffinerien zu treffen, die viele hundert Kilometer vom aktiven Kriegsgebiet entfernt sind. Während Kiew vorher nur einige Raffinerien in Krasnodar und Rostow regelmäßig angreifen konnte, sind jetzt auch Raffinerien in Rjasan, Saratow und Salawat einem erhöhten Risiko ausgesetzt.
Eines ist dabei jedoch nicht von der Hand zu weisen: Die ukrainischen Angriffe haben innerhalb Russlands für eine Krise am Treibstoffmarkt gesorgt. Russische Normalverbraucher merken das unter anderem an der Tankstelle; die BBC berichtete zum Beispiel von langen Schlangen an den Zapfsäulen. Einige Tankstellen sollen gar den Dienst ausgesetzt haben, um die Krise auszusitzen.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Öl-Sanktionen und Opec+-Entscheidungen – Putins Öl-Sektor von allen Seiten unter Druck
Das ist aber noch nicht alles. Gleichzeitig beschränken westliche Sanktionen den russischen Öl-Export, indem sie ein Preislimit auf diese Rohstoffe festlegen. Ein Barrel (159 Liter) russisches Öl darf nicht mehr als 47,60 US-Dollar kosten, sonst darf damit nicht gehandelt werden. Schiffe, die teureres russisches Öl geladen haben, dürfen außerdem keine Dienstleistungen derjenigen Staaten erhalten, die sich dem Ölpreisdeckel angeschlossen haben. Unter anderem gehören neben den EU-Staaten auch Japan und Kanada dazu.
Der letzte große Störfaktor für die russischen Öl-Exporte liegt bei der Opec+. Das Ölkartell sorgt mit stetigen Produktionssteigerungen für einen vollen Ölmarkt, was verhindert, dass die russischen Produktionsmängel den Preis treiben. Für Russland ist das keine gute Nachricht – das Land ist von seinen Ölexporten abhängig.
Wie eine aktuelle Analyse des Center for Research on Energy and Clean Air (CREA) zeigt, gehen die Einnahmen des Kremls aus dem Verkauf von fossilen Treibstoffen schon seit mehreren Monaten zurück. Im August stehe hier ein Minus um zwei Prozent auf dem Papier. Die großen Ölkonzerne haben im Sommer von gewaltigen Einbrüchen bei ihren Profiten berichtet.
Russlands Wirtschaft „am Rande des Zusammenbruchs“? – Kreml muss sich anpassen
Aber reicht all das, um Wladimir Putin dazu zu bringen, den Krieg zu beenden? Der russische Ökonom und Oppositionspolitiker Wladimir Milow ist hier skeptisch. Er schreibt, dass die russische Wirtschaft nicht „am Rande des Zusammenbruchs“ stehe, zitierte ihn das Handelsblatt. Das große Aber: Die Schwierigkeiten seien trotzdem gravierend, und zwar in einem Ausmaß, dass das bisherige Wirtschaftsmodell „eindeutig nicht tragfähig“ sei. Der Kreml müsse es „zeitnah grundlegend“ anpassen.
Sollten die aktuellen negativen Trends anhalten, sei ein Ende des Ukraine-Kriegs eine „realistische politische Option“. (verwendete Quellen: Carnegie Politika, BBC, Handelsblatt, CREA)