VonLars-Eric Nievelsteinschließen
Russlands Wirtschaft verfügt über Erholungschancen. Eine Rückkehr zur Normalwirtschaft erscheint realistisch. Dafür müssen Voraussetzungen erfüllt sein.
Moskau – Die Schwächen in Russlands Wirtschaft sind bekannt: Der Ölsektor macht nicht mehr die erforderlichen Gewinne, die Automobilindustrie ächzt unter chinesischer Produktflut und jetzt drohen neue Sanktionen aus den USA unter Präsident Donald Trump. Aus dem Kreml selbst kamen bereits Warnungen; die Regierung musste die Wirtschaftsprognose für 2025 nach unten korrigieren. Aber wäre die Rückkehr zu einer normalen Wirtschaft überhaupt noch möglich?
Wirtschafts-Rückzug für Russland – „Staubsaugereffekt“ schwächt den zivilen Sektor
Durchaus, verrät Alexandra Prokopenko, Russland-Expertin bei Carnegie Politika. Sie warnt, dass eine Rückkehr in eine normale Wirtschaft für das Land schwierig sei. Sie unterteilt Russlands Wirtschaft dabei in zwei hauptsächliche Stränge. Der kriegsrelevante Strang hat dabei weniger mit Problemen zu kämpfen, da er bevorzugten Zugang zu knappen Ressourcen erhält.
Dabei geht es sowohl um Rohstoffe und Finanzen als auch um Technologie. Der private Sektor dagegen hat deutlich eingeschränkte Möglichkeiten: Hier schlagen die verschiedenen Störfaktoren nämlich voll zu, erklärt Prokopenko in einer aktuellen Analyse. Kleinere und mittlere Unternehmen im Privatsektor kämpfen mit den Auswirkungen von Sanktionen, mit höheren Steuern und dem nurmehr eingeschränkten Zugang zu Kapital.
Das alles erzeuge einen wirtschaftlichen „Staubsaugereffekt“. Unternehmen in „strategisch wichtigen“ Sektoren erhalten Ressourcen aus den Bereichen, die der Kreml niedriger priorisiert. Der Staat könne so seine Mittel auf Schlüsselbereiche konzentrieren – was wiederum zu strukturellen Ungleichgewichten führe.
Ein Beispiel dafür ist die Metallproduktion. In der Warengruppe Waffen und Munition ist die Produktion seit Kriegsbeginn zweistellig gewachsen, die Produktion nichtmilitärischer Güter sinkt.
Warnung von Ökonomen – Russlands Wirtschaft rutscht von Überhitzung in Abkühlung
Genau davor haben Ökonomen längst gewarnt, da diese Art der Industrieproduktion nicht nachhaltig ist. Der ehemalige Top-Banker und heutiger Harvard-Forscher Craig Kennedy erklärte im Frühjahr 2025 dazu, dass der Kreml genau diese Entwicklung mit einer speziellen Banken-Strategie unterstützt.
Ganz grob erklärt, sorgt diese Strategie dafür, dass Unternehmen in der Rüstungsbranche eine bevorzugte Behandlung mit Krediten erhalten – auch, wenn der Markt das eigentlich nicht hergibt.
Inflation drückt auf Russlands Wirtschaft – Bedingungen für eine Besserung
Das führt uns zum Problemkomplex Inflation. Diese war im August auf 8,1 Prozent gefallen. Erstens treibt sie die Lebenshaltungskosten hoch, zweitens sorgt sie dafür, dass die Zentralbank mit einem hohen Leitzins (aktuell 17 Prozent) reagieren muss, um sie einzufangen. Dieser Leitzins macht wiederum die Kreditaufnahme teurer, was mittel- bis langfristig (so, wie es derzeit in Russland passiert) zu einem Stillstand bei Investitionen führt.
Im Bankensektor hat das bereits dafür gesorgt, dass Gerüchte über eine Rettungsaktion des Kremls umgehen. Die großen Banken fürchten eine Welle von Zahlungsausfällen und nicht bedienter Kredite. Kennedy hat in dem Rahmen vor „toxischen Schulden“ im Sektor für Unternehmenskredite gewarnt, angeheizt von der oben erwähnten Kreml-Strategie.
Prokopenko gab dazu an, dass in Russlands Wirtschaft fünf Bedingungen eingehalten werden müssten, damit es wieder zu einem Aufschwung kommt.
- Externe Bedrohungen müssen verschwinden – mit Sicherheitsgarantien, die Putin selbst zufriedenstellen
- Massendemobilisierung von Zeitsoldaten – diese müssen in die zivile Wirtschaft integriert werden
- Aufhebung von westlichen Sanktionen, um den Zugang zu kritischen Technologien sicherzustellen
- Revolution in der Rüstungsbeschaffung: strenge Leistungskennzahlen statt sinnloser „Budgetauslastung“
- Fokus muss auf „militärisch-industriellem“ Komplex des Volkes liegen (ein Ökosystem kleiner und mittlerer Unternehmen).
Überhitzung durch Kriegswirtschaft – Ökonomen warnen vor nicht-nachhaltigem Wachstum
Ökonomen hatten schon früh davor gewarnt, dass der Schwenk auf Kriegswirtschaft dem Kreml über kurz oder lang Probleme bereiten würde. Zwar lässt sich so kurzzeitig eine erhöhte Produktivität der Industrie dokumentieren, aber die Rüstungsgüter und Munition enden zwangsläufig in der Ukraine, wo sie womöglich mehr oder weniger schnell zerstört werden. Putin opfert also das Wachstum des zivilen Sektors, ohne einen direkten Mehrwert daraus zu erhalten – von ein paar Metern gewonnenen Bodens mal abgesehen.
Mehr noch: Weil die Ukraine derzeit verstärkt zurückschlägt und auf russischem Boden Zerstörungen anrichtet, löst sie damit Verluste in unbekannter Höhe aus. Ein Resultat davon sind Benzin-Engpässe. In mehreren russischen Regionen war kürzlich bekannt geworden, dass ein wichtiger Treibstoff schlichtweg fehlt.
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