Branche macht Druck

Schlechte Aussicht für günstiges Wohnen – Massiver Stellenabbau in der Bauindustrie trotz Wohnungsnot

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Die Wirtschaftskrise ist auch in der Bauindustrie angekommen. Betroffen davon sind Millionen Mieter, Angestellte und die Wirtschaft.

Berlin – Die deutsche Wirtschaft steckt schon lange fest, es droht das dritte Jahr ohne Wachstum. Während etliche Unternehmen aus der Auto- oder Techbranche in großem Umfang Arbeitsplätze reduzierten, hielt die Bauindustrie lange stand, baute keine Stellen ab. Das ist nun vorbei. Obwohl die Wohnungsnot in Deutschland stetig wächst und Neubauten dringend nötig sind, erleben viele Baubetriebe den fünften Frühling in Folge mit Umsatzrückgang. Die Gründe dafür liegen in den widrigen Umständen rund ums Bauen.

Trotz Wohnungsnot zu wenig neue Häuser – Baubranche macht Druck auf Kanzler Merz

Rund 6000 Stellen werden Bauunternehmen dieses Jahr abbauen, prophezeite der Präsident Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB), Peter Hübner, vor Kurzem beim Tag der Bauindustrie. Bisher, so Hübner, vermieden es die meisten Betriebe über Jahre, Stellen abzubauen – obwohl der Umsatz zurückging. Auf Dauer ließe sich das jedoch nicht aufrechterhalten. Die Bauindustrie erwartet für dieses Jahr einen realen Umsatzrückgang von einem Prozent.

In Deutschland werden dringend neue Wohnungen benötigt, aber der Neubau kommt nicht in die Gänge. Die Gründe dafür sind vielfältig. Doch es gibt Lösungsansätze.

Dass dies nicht nur ein Problem für ein paar Bauträger ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Im Baugewerbe sind laut HDB insgesamt 2,6 Millionen Menschen beschäftigt und elf Prozent des gesamten deutschen BIP werden laut Statistischem Bundesamt für Bauinvestitionen verwendet. Geht es der Bauindustrie schlecht, leidet die ganze Republik wirtschaftlich mit. Eine Auswertung der Stellenanzeigen-Datenbank Index zeigt, dass auch die ausgeschriebenen Jobs zurückgehen. So wurden 2020 im verarbeitenden Gewerbe insgesamt noch 1,4 Millionen Stellen ausgeschrieben, 2024 waren es noch 1,2 Millionen. Obwohl Fachkräfte weiterhin gefragt sind, ist auch hier eine Trendwende Richtung Krise erkennbar.

Baubranche in der Krise – Wohnungsnot und hohe Preise für Häuslebauer

Doch wieso geht es der Branche so schlecht? Schließlich ist der Bedarf an neuen Wohnungen, Straßen, Schienen und Stromnetzen so groß wie nie. Für all das braucht es Menschen und Betriebe, die es bauen. Das Problem ist vielschichtig. Zum einen: Die Baupreise sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Das merken nicht nur Häuslebauerinnen und Häuslebauer, sondern auch die Unternehmen.

Allein zwischen 2010 und 2022 sind die Preise für Wohngebäude um 64 Prozent gestiegen, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Die Inflationsrate stieg im selben Zeitraum nur um 25 Prozent. Seit Russlands Angriff und dem Ukraine-Krieg sind besonders Rohstoffe und Energie nochmal deutlich teurer geworden; mögliche Investoren überlegen also mindestens zweimal, ob sich die teure Investition in ein Mehrparteienhaus noch lohnt. Auch der Staat kommt als großer Bauträger seinen Versprechungen seit Jahren nicht nach. Ob unter Merkel oder Scholz, die Bundesregierung hat ihre selbst ernannten Ziele von zuletzt beispielsweise 300.000 neu gebauten Wohnungen pro Jahr stets verfehlt.

Bauprojekte: 85 Prozent gehen für Planung und Genehmigung drauf

Die Politik spielt auch bei den großen Beschwerden der Industrie eine Rolle. Denn die Unternehmen und Verbände sagen bereits seit langem, dass sie günstiger, effizienter und vor allem schneller bauen könnten – wenn man sie nur ließe. So beschweren sich Betriebe über aus ihrer Sicht viel zu umfangreiche bürokratische Hürden und Auflagen ans Bauen. Als Veranschaulichung: Bei größeren Bauprojekten nehmen Planungs- und Genehigungsverfahren derzeit etwa 85 Prozent der gesamten Zeit in Anspruch. Der Bau von Straße, Fabrik oder Haus ist in den restlichen 15 Prozent abgeschlossen.

Besonders angesichts der vielen maroden Brücken sei das in Deutschland nicht nur ein Ärgernis, sondern ein handfestes Sicherheitsrisiko, warnte Verbandspräsident Hübner deshalb. Es sei ein „echtes Wunder, dass nach der Katastrophe der Carolabrücke in Dresden und dem Abbruch der Ringbahnbrücke im Westen Berlins die ganze Situation noch nicht zum Flächenbrand entwickelt hat.“

Kanzler Friedrich Merz (CDU) unter Druck

Neben Brücken will die Industrie auch im Wohnungsbau mehr Freiheiten und kleinteilige Auflagen, etwa an den Umweltschutz, abschaffen. Statt alles bis ins letzte Detail vorzugeben, solle die Politik lieber eine Zielmarke an Umweltvorlagen festlegen und den Unternehmen durch innovative Lösungen selbst überlassen, wie sie diese erreichen.

Das Bauen geht in Deutschland zu langsam voran. Eine Kernaufgabe für Bundeskanzler Friedrich Merz wird sein, die kriselnde Branche wieder auf Kurs zu bringen.

Für die privaten Bauherrinnen und Bauherren fordert der Branchenverband Steuerentlastungen über degressive Abschreibungen und Entbürokratisierung, damit das Bauen günstiger wird. Dazu benötige es eine verlässliche und einheitliche Förderkulisse. Der EH40-Standard für klimagerechtes Bauen (Bauherren sehr energieeffizienter Häuser haben besondere Fördermöglichkeiten) soll der Vergangenheit angehören. Außerdem solle Kanzler Merz zügig klarmachen, wie die Milliarden durch das Sondervermögen für Infrastruktur verteilt werden.

Der Forderungskatalog der Industrie ist lang. Aber auch die Politik hat den Schuss gehört. So versprachen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), ebenso wie seine Bauministerin Verena Hubertz zuletzt, endlich ins „Bauen, Bauen, Bauen“ kommen zu wollen, und das mittels eines „Bauturbos“. Ob den Worten auch Taten folgen, bleibt abzuwarten. Die Bauindustrie betont derweil fleißig, dass sie jederzeit in der Lage wäre, ihre Aktivität (derzeit bei 70 Prozent Auslastung) hochzufahren und endlich mehr Häuser, Wohnungen und Brücken zu bauen – wenn man ihnen nur die Rahmenbedingungen dafür gebe.

Rubriklistenbild: © IMAGO/ Christian Ohde/ photothek

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