„Wir müssen wachsen“

Taurus an Ukraine? – Rüstungsbranche spekuliert über Szenario – mit Appell an Merz

  • schließen

Deutschland muss stärker aufrüsten – und schneller. Doch nicht nur in der Rüstungsbranche wächst die Rolle des Standortes. Wo Merz vor allem anpacken muss.

Berlin – Bedrohung aus Russland, „Kriegstüchtigkeit“ bis 2029 und Stärkung der nationalen Sicherheit: Deutschland will so stark aufrüsten wie noch nie. In den kommenden Jahren sollen neue Milliarden in die Bundeswehr fließen und bei Rüstungsfirmen, wie zum Beispiel Rheinmetall, füllen sich die Auftragsbücher. Auf europäischer Ebene wächst Deutschlands Rolle beim Thema Aufrüstung. Die neue Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz (CDU) muss sich deshalb noch einigen Herausforderungen stellen und muss gegenüber europäischen Rüstungsnationen ein Zeichen setzen.

Deutschland investiert massiv in die Aufrüstung – doch ist das genug?

Im kommenden Haushaltsplan wollen Union und SPD tief in die Kassen greifen, um die nationale Verteidigung zu stärken. Nach etlichen Diskussionen über die Verteidigungsausgaben ist nun sogar eine Grundgesetzänderung vorgesehen. So sollen Verteidigungsausgaben nur noch bis zu einer Grenze von einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts unter die Schuldenbremse fallen.

Eine der europäischen Zukunftswaffen: Der deutsche Taurus-Marschflugkörper könnte in einem möglichen Konflikt mit Russland eine kriegsentscheidende Waffe sein, glauben britische Militär-Analysten.

Rheinmetall-Chef Armin Papperger ging nach einem Treffen mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte am 8. Mai 2025 zudem von einem raschen Anwachsen der Verteidigungsausgaben in dem westlichen Militärbündnis aus. Laut Rutte könnten die Nato-Länder ihre Verteidigungsausgaben auf 3,5 Prozent der jeweiligen Wirtschaftsleistung aufstocken, sagte Papperger. Für Deutschland bedeute das auf mittelfristige Sicht einen Verteidigungsetat von 150 Milliarden Euro jährlich. Er gehe davon aus, dass das Anwachsen vor 2030 geschehen werde.

Deutschland muss stärker aufrüsten – und schneller: „Führungsrolle in Europa übernehmen“

Auch aus Sicht der Rüstungsexpertin Christina Riess wird Deutschland weiterhin in die Aufrüstung investieren müssen. Riess ist die Direktorin bei der Managementberatung Atreus und dortige Verantwortliche für die Bereiche Rüstung & Verteidigung sowie Luft- und Raumfahrt. „Deutschland ist das wirtschaftlich stärkste Land in Europa mit der niedrigsten Verschuldungsquote, also müssen wir weiterhin in die Aufrüstung investieren und unsere Führungsrolle in Europa übernehmen“, sagte Riess im Gespräch mit IPPEN.MEDIA.

Christina Riess ist die Direktorin bei der Managementberatung Atreus und dortige Verantwortliche für die Bereiche Rüstung & Verteidigung sowie Luft- und Raumfahrt.

Ein Appell, der auch von anderen Akteuren aus der Wirtschaft geteilt wird. Besonders die Bedrohungen aus Russland erfordern größere und vor allem schnellere Maßnahmen. Das IfW hatte erst im September 2024 vor dem zu langsamen Aufrüstungstempo gewarnt: Laut dessen Gutachten schafft es die Bundesregierung gegenwärtig nur knapp, die an die Ukraine abfließenden Waffen zu ersetzen. Bei Luftverteidigungssystemen und mobilen Abschusseinheiten (Artillerie-Haubitzen) ist der Bestand sogar deutlich rückläufig. 

Ukraine-Krieg erfordert umfangreiche Aufrüstungspläne – Taurus-Lieferungen zur Debatte

Spätestens seit dem Ukraine-Krieg ist Deutschlands Rolle in der europäischen Aufrüstung gewachsen. Auch von Merz erhofft sich Kiew weiter Unterstützung. Bei einem Hauptanliegen lassen die Ukrainer nicht locker: der Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern. Noch im Dezember 2024 hatte Merz sich offen dafür bereit gezeigt, bei einer Regierungsübernahme auch Taurus-Marschflugkörper zu liefern. Inzwischen hat der gewählte Kanzler klargestellt, dass Debatten über Waffenlieferungen nicht mehr öffentlich stattfinden sollen.

Die Meinungen über die Taurus-Waffe gehen stark auseinander. Immer wieder kommt dabei die Frage auf, ob der Taurus den Ukraine-Krieg entscheiden wird. „Es ist keine Wunderwaffe, aber es hilft der Ukraine enorm“, so Riess. Zugleich wies sie auf ein grundlegendes Problem bei Waffenlieferungen aus Deutschland hin, welches vor allem den Einsatz von gelieferten Waffen betrifft. „Wenn Deutschland den Taurus liefern würde, müssten die Ukrainer allerdings erst darauf geschult werden. Es braucht Zeit, bis gelieferte Waffen zu 100 Prozent einsatzbereit sind. Wir müssen nicht nur an die Beschaffung, sondern auch an die Ausbildung denken und dafür brauchen wir in erster Linie ausgebildetes Personal.“

Was ist der Taurus?

Der Taurus ist ein Marschflugkörper (Luft-Boden) der deutschen Bundeswehr. Der Marschflugkörper vom Typ „Taurus“ fliegt hunderte Kilometer weit und kann Bunker sowie andere gut gesicherte Anlagen wie Munitionsdepots zerstören.

Knackpunkte der deutschen Rüstungsindustrie – Expertin mit klaren Forderungen

Riess schlägt vor, den Fokus bei den Produkten ein wenig zu ändern. „Es wäre einfacher, wenn es standardisiertere Produkte gäbe und die Rüstungsunternehmen den Kunden einheitliche Produkte anbieten können, von Panzer bis Hubschrauber.“ Im Hinblick auf die Produktion von Rüstungsgütern merkt Riess zudem an, dass die Gelder aus dem Sondervermögen hauptsächlich an große Unternehmen fließen würden, weil man in Deutschland den „Generalunternehmer-Ansatz“ bevorzuge. Er benachteilige gleichzeitig aber kleinere, mittelständische Unternehmen oder Start-ups. „In der Verteidigungs- und Rüstungsindustrie sind die Gelder noch nie ad hoc und schnell geflossen“, kritisierte Riess.

Deutschland muss mehr aufrüsten – „Drehscheibe“ für Nato-Länder

Deutschlands künftigen Relevanz als Standort geht auch weit über die Rüstungsindustrie hinaus. Deutschland müsse aus vielerlei Hinsicht die Drehscheibe sein. „Zum Beispiel sind wir auch die Logistik-Drehscheibe, denn alle Nato-Alliierten müssen durch Deutschland, um an die Ostflanke zu kommen“, so Riess.

Auf europäischer Ebene kommt es nun laut der Expertin darauf an, dass neben Deutschland auch die anderen Länder mehr in die Aufrüstung investieren. „Wir müssen aber eine Lösung finden, dass die Kreditkonditionen für alle europäischen Länder gleich sind, ohne dass es eine einheitliche Verschuldung gibt. Es müssen zudem Anreize gegeben sein, die Industrie im eigenen Land nach vorne zu bringen, um durch eine verstärkte Wirtschaft diese Zinsen wieder zahlen zu können. Denn in einer Schuldenunion wird keiner glücklich“, resümierte Riess.

Rubriklistenbild: © IMAGO / ABACA

Kommentare