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Von der Baustelle in die High Heels: So begeistert eine Dachdeckerin als Influencerin für das Handwerk

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Chiara Monteton ist Dachdeckerin und Influencerin. Täglich macht sie sich auf der Baustelle dreckig. Und das, obwohl sie als Influencerin gut verdienen könnte. Warum?

Chiara Monteton kennt sie gut, die Höhenangst. Fast jeden Tag ringen sie miteinander. Immer dann wenn Monteton auf Dächer klettert, Dachrinnen und Stehfalzbekleidungen montiert. Ist wie jeden Tag Schock-Therapie, sagt sie.

Dachdeckerin entschied sich für den Beruf ihres Vaters

Seit acht Jahren arbeitet Monteton im familieneigenen Dachdeckerbetrieb in Wattenscheid bei Bochum. Vater Ingo gründete den Betrieb vor 29 Jahren. Ein Leben ohne den Betrieb kennt die 28-Jährige nicht. Das mag auch ein Grund für ihr starkes Verantwortungsgefühl gegenüber dem Erbe ihres Vaters sein. Monteton studierte zuerst zwei Semester Bauingenieurwesen, dann ein Semester Management. Aber ein Leben, das erst um zehn Uhr mit der ersten Vorlesung beginnt, das war nichts für sie. Sie machte eine Ausbildung zur Bürokauffrau im Betrieb, aber auch das war Monteton nicht genug.

Chiara Monteton zieht es trotz Höhenangst nach oben.

Anpacken, arbeiten, aufräumen, den ganzen Tag draußen an der frischen Luft sein – das ist schon eher das, was Monteton zum Glücklichsein braucht. Sie entschied sich für den Beruf ihres Vaters und machte eine Ausbildung zur Dachdeckerin. Gemeinsam mit ihrem Bruder, der Wirtschaftswissenschaften studierte, wollen die beiden Kinder den elterlichen Betrieb übernehmen. Er kennt sich mit den Zahlen aus, sie mit dem Handwerk. Wenn alles gut geht, darf sie sich in zwei Monaten Dachdeckermeisterin nennen.

Wer erst morgens um halb neun aufwache und sich dann in ein Café in Berlin Mitte zum Arbeiten setze, der könne das Leben von Menschen aus dem Handwerk nicht abbilden, sagt Monteton, lange blonde Haare, Ruhrpott-Schnauze. Deshalb macht sie es eben selbst. 2019 startete Monteton ihren privaten Instagram-Account, im Sommer vor zwei Jahren ging ein Video viral und verdoppelte die damals 50 000 Follower:innen über Nacht. Heute folgen ihr fast 150 000 Menschen allein auf Instagram, auf Tiktok sind es etwas weniger. Gemeinsam mit einer Freundin aus dem Handwerk hat sie einen Podcast, in dem die beiden „allerlei Skurriles und Alltägliches“ vom Bau besprechen.

Von Baustellenkleidung in die High Heels: Chiara zeigt ihr Leben auf Social Media

Monteton macht das, was andere Influencer:innen auch machen – aber stets mit Bezug zu ihrem Beruf. Von dreckiger Baustellenkleidung wechselt sie in ein Abendoutfit mit Highheels, in Do-It-Yourself-Videos zeigt sie ihren Follower:innen, wie man Rollos richtig einbaut, und in schnell zusammengeschnittenen Sequenzen von der Baustelle zeigt sie ihren Arbeitsalltag. Sie baut Memes ein, satirische Bilder oder Videos, die ihre Videos auflockern sollen.

Mit Werbekooperationen für Dämmungen oder Funktionskleidung verdient sie neben ihrem Gehalt als Dachdeckerin ordentlich dazu. Warum konzentriert sie sich nicht ganz auf die lukrative Arbeit als Influencerin? Warum klettert sie stattdessen bei Wind und Wetter auf Dächer? „Ich kann mir ein Leben ohne den Betrieb nicht vorstellen“, sagt Monteton. Social Media sei etwas, was ihr Spaß mache, aber nichts, mit dem sie ihre Lebenszeit fühlen wolle. Die will sie auf der Baustelle verbringen, trotz Höhenangst immer hoch oben auf den Dächern Bochums. Später will sie sich in Richtung Bauleitung orientieren und die Arbeit auf dem Bau für ihre künftigen Mitarbeiter:innen einfacher machen. „Es darf nicht scheitern, weil dann scheitert es für uns alle“, sagt sie.

Sponsoreneinnahmen gehen in den Dachdeckerbetrieb

Und damit es nicht scheitert, pumpen die Geschwister jeden Cent aus Montetons Werbeeinnahmen in den Betrieb. Je nach Kooperationspartner und Jahreszeit können so schon mal 3500 bis 8000 Euro netto pro Monat zusammenkommen, die etwa in neue Ausstattung der Firmenwagen fließt.

In Deutschland fehlen Hundertausende Handwerker:innen. Eine Viertelmillion Stellen sind schätzungsweise unbesetzt, unzählige Ausbildungsplätze bleiben jedes Jahr frei. Welchen Einfluss hat es, wenn man junge Menschen da anspricht, wo sie sich sowieso bewegen – im Internet? Für ihren Social-Media-Auftritt bekam Monteton 2022 den „Goldenen Blogger“ in der Kategorie Berufsbotschafter:innen. Und tatsächlich, sagt Monteton, wenden sich Jugendliche – Jungs und Mädchen – aus dem ganzen Land an sie, stellen Fragen zu Arbeitsbedingungen und Unsicherheiten. Und Monteton antwortet. Die Bochumerin ist Vorbild, ohne sich selbst als solches zu bezeichnen.

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