Neue Studie warnt

Rückschlag für Deutschland: Selbstständige drohen ins Ausland abzuwandern

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Eine Frau sitzt mit einem Laptop am Ufer des Sees Vuohijärvi in Finnland
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Selbständige schätzen ihre Freiheit, haben aber mit Hürden zu kämpfen. Vor allem bürokratischer Art. Laut einer neuen Studie, erwägen immer mehr von ihnen, Deutschland zu verlassen.

Köln – Rund 3,8 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland sind Solo-Selbständige, wie Daten des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2022 zeigen. Hier zugehörig gilt, wer selbständig tätig ist, aber keine Mitarbeiter beschäftigt. Dazu zählen auch Freiberufler – laut dem Informationsportal Freelancer Map gibt es in Deutschland rund 1,47 Millionen von ihnen.

Dennoch aber geht die Zahl der selbständig Erwerbstätigen in Deutschland seit mehr als einem Jahrzehnt zurück. Auch erwägen immer mehr Selbständige, langfristig im Ausland zu leben, wie eine am Mittwoch (19.06.) veröffentlichte Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln zeigt: Insgesamt spielen 36 Prozent der Selbständigen und Solo-Selbständigen mit diesem Gedanken. 27 Prozent der Solo-Selbständigen erwägen sogar, ihre Selbstständigkeit wieder aufzugeben.

Immer weniger abhängig Beschäftigte wechseln in die Selbständigkeit

Im Rahmen der Studie hat das IW zu Köln zwischen dem 24. Juli und 18. September 2023 6.300 Selbständige zu ihrer beruflichen Gesamtsituation befragt. Zu wichtigen Faktoren gehörte dabei der unternehmerische Handlungsspielraum der Studienteilnehmer, das ihnen verfügbare Maß an sozialer Absicherung sowie das Verständnis ihrer unternehmerischen Tätigkeit. 

Durchgeführt wurde die Studie im Auftrag der Vereinigung der Bayrischen Wirtschaft e.V., des Verbandes der Gründer und Selbständigen Deutschland (VGSD) e.V. und des Bundesverbandes für Selbständige Wissensarbeit e.V. als Online-Befragung, wie das IW in der Pressemitteilung auf der institutseigenen Website mitteilt.

Neben dem abnehmenden Trend hinsichtlich der Zahl Selbständiger und Solo-Selbstständiger in Deutschland zeigt die IW-Studie aber auch schwindenden Zugang in eine selbständige berufliche Tätigkeit an. So entschieden sich der Studie zufolge zuletzt immer weniger abhängig Beschäftigte, also Festangestellte, für einen Wechsel in die Selbständigkeit oder Solo-Selbständigkeit. Ein Zeichen dafür, dass Selbständigkeit als Erwerbsform gegenüber einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis an Attraktivität verloren hat. 

Bürokratischer Aufwand und Hürden lassen Selbständigkeit unattraktiv werden

Auffällig ist laut der Erhebung des IW Köln, dass dies vor allem auf hoch qualifizierte IT-Spezialisten zutrifft. Als Hauptursache für den Wunsch, ins Ausland zu ziehen oder die Selbständigkeit einzustellen, gaben die Befragten bürokratische Hürden und einen zu hohen Aufwand in dieser Hinsicht an. 

Als solcher zählt für selbständig Tätige unter anderem das Statusfeststellungsverfahren. Das in Paragraf 7a Absatz 1 Satz 1 des SGB IV festgeschriebene Gesetz ist die rechtliche Grundlage dafür, zu prüfen, ob eine Person scheinselbstständig ist. Durchgeführt wird das Verfahren von der Clearingstelle der Deutschen Rentenversicherung, die seit 1. April 2022 aber noch über den Erwerbsstatus der Beteiligten entscheidet und nicht mehr, ob in den verschiedenen Zweigen der Sozialversicherung Versicherungspflicht besteht (Elementenfeststellung).

Fast 60 Prozent der Selbstständigen, die ein Statusfeststellungsverfahren durchlaufen, geben an, dass sie wesentlich mehr Aufwand betreiben müssen, um neue Aufträge einzuholen; etwa ein Drittel verliert sogar Aufträge. Von allen befragten Selbstständigen gab gut ein Fünftel an, bereits einmal von einem Statusfeststellungsverfahren betroffen gewesen zu sein. Am häufigsten wurde das Verfahren bei Selbstständigen mit Beschäftigten durchgeführt, am seltensten bei gewerbetreibenden Soloselbstständigen.

Besonders Selbständige der IT-Branche erwägen, ins Ausland auszuwandern

Dennoch steht Autonomie bei Selbständigen und Solo-Selbständigen hoch im Kurs: Für über 90 Prozent der Befragten ist das selbstbestimmte Arbeiten bei ihrer Tätigkeit besonders wichtig. Eine freie und flexible Zeiteinteilung ist laut dem IW Köln für 84 Prozent der Befragten von besonderer Bedeutung. Die befragten Selbstständigen fänden diese Autonomie in ihrem Berufsalltag auch vor. Bezüglich der Wahl der Arbeitszeit, des Arbeitsortes und der allgemeinen Leistungsgestaltung, ist der Freiheitsgrad der Befragten sehr hoch, betont das IW. Auf einer Skala von 0 (nicht frei) bis 100 (frei) stufen sich so mehr als die Hälfte der Selbstständigen bei 80 oder höher ein.

Nichtsdestotrotz aber gehen Selbständige und Solo-Selbständige im Vergleich zu Angestellten eines Unternehmens oder Selbständigen, die Mitarbeiter beschäftigten, ein grundlegend erhöhtes Risiko ein. Nicht nur müssen sie die Krankenversicherung eigens bezahlen – im Zusammenspiel mit einer schwachen Konjunktur und erhöhten Inflation ist der Grundstein für eine schwierige ökonomische Lage dazu ohnehin schnell gelegt – zumal gerade Solo-Selbständige bei der Kompensation von Dienstausfällen in eine schwierige Lage geraten.

„Die enorme Bürokratiebelastung und die damit einhergehende Rechtsunsicherheit stellen für viele Selbstständige eine erhebliche Hürde dar, ihre Tätigkeit in Deutschland fortzusetzen. Diese Entwicklung könnte insbesondere für die IT-Branche mit einem hohen Fachkräftebedarf gravierende Folgen haben und die Innovationsfähigkeit des Landes gefährden“, warnt IW-Direktor Michael Hüther deshalb. In diesem Sinne rät er dazu, bürokratische Hürden dringend abzubauen, um die Attraktivität Deutschlands als Standort für hoch qualifizierte Fachkräfte zu erhalten. (fh)

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