Analyse zum Bundeshaushalt

Merz-Regierung missbraucht Sondervermögen: Top-Ökonomen zeigen fünf Fälle

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Merz-Regierung nutzt 500-Milliarden-Sondervermögen für Haushaltslöcher. IW-Ökonomen decken fünf Fälle auf. Zusätzlichkeit wird gebrochen.

Köln/Berlin – Die schwarz-rote Bundesregierung unter Friedrich Merz steht erneut in der Kritik: Statt zusätzliche Investitionen zu finanzieren, nutzt sie das 500 Milliarden Euro schwere Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität (SVIK), um Löcher im regulären Bundeshaushalt zu stopfen. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat fünf konkrete Fälle identifiziert, die das Versprechen der „Zusätzlichkeit“ brechen.

Der gravierendste Fall betrifft die Deutsche Bahn. Laut IW-Analyse sind aus dem SVIK 18,8 Milliarden Euro für die Eisenbahn eingeplant. Gleichzeitig sinken die Schieneninvestitionen im Bundeshaushalt um 13,7 Milliarden Euro. Nach Herausrechnung der Eigenkapitalerhöhung der Deutschen Bahn hat sich die Regierung dadurch 8,2 Milliarden Euro Spielraum im Haushalt verschafft.

Autobahnbrücken und Breitbandausbau: Sanierung auf Kosten anderer Projekte

Bei der Sanierung der Autobahnbrücken zeigt sich ein ähnliches Muster. Für 2026 sollen laut IW-Kurzbericht 2,5 Milliarden Euro aus dem SVIK fließen. Parallel werden jedoch die Investitionen für Bundesfernstraßen im Kernhaushalt gegenüber 2024 um 1,7 Milliarden Euro gekürzt. Besonders dreist ist das Vorgehen beim Breitbandausbau. Wie die IW-Experten aufdecken, taucht dieser 2026 mit 2,3 Milliarden Euro im SVIK auf. 2024 wurde er noch mit 1,8 Milliarden Euro im Kernhaushalt geführt, dort ist er künftig nicht mehr zu finden.

Auch im Gesundheitswesen wird getrickst. Die vorgesehenen sechs Milliarden Euro für Krankenhäuser sollten ursprünglich je hälftig von Gesundheitsfonds und Ländern getragen werden, berichtet das IW. Nun sind diese Ausgaben im SVIK zu finden – eine klare Entlastung der eigentlich zuständigen Kostenträger.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Klima- und Transformationsfonds: Verkehrsminister Schnieder beklagt 15 Milliarden Euro Finanzlücke

Der fünfte Fall betrifft den Klima- und Transformationsfonds (KTF). Dieser erhält ab 2025 jährlich zehn Milliarden Euro aus dem SVIK. Doch wie die IW-Analyse zeigt, fließt das Geld höchstens geringfügig in zusätzliche Investitionen. „Rechnerisch werden mit den Mitteln aus dem SVIK damit größtenteils keine zusätzlichen Investitionen in die Klimaneutralität finanziert“, stellen die Ökonomen fest.

Trotz der Rekordinvestitionen beklagt Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) öffentlich, dass ihm „insgesamt 15 Milliarden Euro bis zum Jahr 2029 fehlen, um die Fernstraßen bauen zu können, die endlich fertig geplant sein werden“, wie die FAZ berichtet. Die FAZ hat aufgedeckt, dass Schnieders Einzelplan spürbar sinkt: „Waren für das Verkehrsministerium vergangenes Jahr noch 44 Milliarden Euro eingeplant, sind es dieses Jahr 38 Milliarden Euro. Für 2026 stehen im Regierungsentwurf 28 Milliarden Euro.“ Eine drastische Verschiebung der Verkehrsinvestitionen ins Sondervermögen.

Tricksereien beim Sondervermögen: Bundesfinanzministerium rechtfertigt Verschiebungen

Auf Anfrage von IPPEN.MEDIA weist das Bundesfinanzministerium die Vorwürfe zurück. Eine Sprecherin betont, dass mit dem Regierungsentwurf für 2026 „eine weitere Steigerung der Investitionen auf 126,7 Milliarden Euro vorgesehen“ sei. Das Ministerium rechtfertigt die Verschiebungen mit der Bundeshaushaltsordnung: „Ausgaben für denselben Zweck nicht bei verschiedenen Titeln veranschlagt werden“ dürfen.

Das Finanzministerium widerspricht auch den IW-Vorwürfen bei den Verkehrsinvestitionen. Für Bundesfernstraßen bedeute das „1,5 Milliarden Euro mehr als im Vorjahr“ mit zehn Milliarden Euro 2025. Bis 2029 wachse der Betrag auf 10,6 Milliarden Euro. Zusätzlich werde der Rückgang der Mauteinnahmen um „einen Milliardenbetrag“ aus Bundesmitteln kompensiert.

Finanzministerium schiebt Verantwortung auf Altlasten der Vorgängerregierung

Beim Klima- und Transformationsfonds verweist das Ministerium auf Probleme der Vorgängerregierung. Die Planung der alten Bundesregierung habe „hohe ungedeckte globale Minderausgaben und ab 2027 Abführungen an den Kernhaushalt für die EEG-Umlage in Höhe von rund sieben Milliarden Euro“ vorgesehen, erklärte eine Sprecherin. Die zehn Milliarden Euro jährlich aus dem SVIK erlaubten es, „die globalen Minderausgaben auf ein normales Maß abzusenken“. Zur umstrittenen Krankenhausfinanzierung erklärt das Ministerium, die Darlehen würden „den Beitragssatzanstieg in der GKV und SPV“ abfedern. Gleichzeitig bleibe „der Druck für zeitnahe (Struktur-)Reformen“ aufrechterhalten. Eingesetzte Kommissionen sollen Vorschläge zur „strukturellen Einnahmen-Ausgaben-Problematik“ erarbeiten.

Unterm Strich sieht sich das Ministerium verfassungsrechtlich abgesichert. Der Entwurf für das SVIK-Gesetz setze „die verfassungsrechtlichen Vorgaben vollständig um“ und enthalte „eine Regelung zur Zusätzlichkeit“. Die 10-Prozent-Investitionsquote sei vom „verfassungsändernden Gesetzgeber“ in der Begründung zur Grundgesetzänderung [auf Seite 23] festgelegt worden.

Die Merz-Regierung bricht ihr zentrales Versprechen der „Zusätzlichkeit“ und stopft Haushaltslöcher auf Kosten künftiger Generationen, die die 500 Milliarden Euro zurückzahlen müssen.

Perverse Logik: Sanierung über Kredite, Neubau aus Kernhaushalt

Die unterschiedlichen Aussagen von Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) und Verkehrsminister Schnieder sorgen für Spannungen in der Koalition. Laut Informationen der FAZ schrieb Finanzminister und Vizekanzler Klingbeil seinem CDU-Kabinettskollegen einen „geharnischten Brief“. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann soll „ausgesprochen unglücklich über den Gang seines Parteifreundes an die Öffentlichkeit“ sein.

Die FAZ zeigt zudem eine weitere Ungereimtheit auf: Das Sondervermögen wird hauptsächlich für Sanierungen verwendet, während Neubau aus dem schrumpfenden Kernhaushalt finanziert werden muss. „Diese Rollenverteilung bei den Investitionsmitteln widerspricht üblichen Vorstellungen“, kritisiert die Zeitung. Normalerweise seien höhere Kredite für Neubauten vertretbar, da künftige Generationen davon profitieren.

Haushaltsexperte übt Kritik: „Schweres Foulspiel“ der Bundesregierung

„Die Bundesregierung verspielt mit diesem Vorgehen viel Glaubwürdigkeit“, kritisiert IW-Haushaltsexperte Tobias Hentze. „Statt neuer Brücken finanziert Deutschland mit dem Sondervermögen jetzt auch die Mütterrente. Das ist ein schweres Foulspiel.“ Auch die Grünen halten das Vorgehen der Regierung für „fehlerhaft“. Es sei „nicht zu erklären, warum Investitionen innerhalb der Bereichsausnahme berücksichtigt würden, obwohl die Ausgaben der Bereichsausnahme explizit keine Berücksichtigung finden sollten“, heißt es in der FAZ.

Trotz der verfassungsrechtlichen Zweifel sei eine erfolgreiche Klage vor dem Bundesverfassungsgericht unwahrscheinlich. Wie die FAZ analysiert, sei „das Risiko aus zwei Gründen gering. Erstens hat man das Grundgesetz selbst geändert. Zweitens gibt es kein Lager in der Opposition, das groß genug wäre, um mit einem Normenkontrollantrag nach Karlsruhe gehen zu können.“ (ls)

Rubriklistenbild: © IMAGO / dts Nachrichtenagentur

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