Sozialverband weist „Boomer-Soli“ zurück – Superreiche sollen stattdessen für Rente zahlen
VonCarmen Mörwald
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Wegen des demografischen Wandels soll das Rentensystem neu gestaltet werden. Statt „Boomer-Soli“ fordert der Sozialverband VdK eine Vermögenssteuer.
München – Das Rentensystem steht vor dem Kollaps. Wie eine Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, gehen bis zum Jahr 2036 fast 20 Millionen Babyboomer in den Ruhestand. Darauf folgen aber nur 12,5 Millionen jüngere Beschäftigte. Während die Regierungen in erster Linie mit kurzfristigen Lösungen versuchen, die Rente zu stabilisieren, will das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) einen Schritt weiter gehen und den „Boomer-Soli“ einführen.
Mit der Sonderabgabe sollen wohlhabendere Rentner finanziell schwächer aufgestellte im Ruhestand unterstützen. Konkret handelt es sich um eine zusätzliche Besteuerung aller Alterseinkünfte. Die Einnahmen sollen dabei nicht in den Bundeshaushalt, sondern in ein Sondervermögen fließen. Kritik an dem Vorschlag des DIW kommt unter anderem von dem Sozialverband VdK Deutschland. Der Gegenvorschlag dürfte aber mindestens genauso für Wirbel sorgen.
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Reiche zur Kasse bitte: So soll der „Boomer-Soli“ die Rente stabilisieren
Doch von vorn: Das DIW hat in einer Studie zwei Reformansätze untersucht: die Umverteilung innerhalb der deutschen Rentenversicherung (Rentenprogression) und den „Boomer-Soli“. Im Gegensatz zu Letzterem, betrifft die Rentenprogression nur gesetzlich Versicherte, also Menschen, die in die gesetzliche Rentenkasse eingezahlt haben. Der „Boomer-Soli“ hingegen erfasst alle Alterseinkünfte – auch betriebliche und private Renten sowie Pensionen und Versorgungsbezüge.
Warum schadet der demografische Wandel dem Rentensystem?
In Deutschland finanziert die arbeitende Generation über den sogenannten Generationenvertrag die Renten der älteren. Doch durch den demografischen Wandel kommen immer mehr Ruheständler auf immer weniger Beitragszahler. Nach Informationen des Demografieportals des Bundes und der Länder stehen schon heute einem Rentner nur noch zwei Beitragszahler gegenüber. Das bringt das umlagefinanzierte System an seine Grenzen.
Beim „Boomer-Soli“ soll zudem auch das Vermögenseinkommen einbezogen werden können. Einkünfte oberhalb eines Freibetrags von 1048 Euro monatlich sollen belastet werden, um vor allem einkommensstärkere Rentnerhaushalte zur Kasse zu bitten. Laut dem DIW gibt es nur diese zwei Optionen: Entweder werden jüngere Menschen in der Gesellschaft finanziell stärker belastet, oder ältere Menschen werden mit dem Risiko von zu geringen Renten und Altersarmut konfrontiert.
„Kluge, faire und solidarische Abgaben“: Sozialverband macht Gegenvorschlag zu „Boomer-Soli“
Eine Option hat das DIW dabei außer Acht gelassen: „Statt über einen Renten-Soli zu sprechen, wäre eine gerechte Beteiligung der Superreichen an der Finanzierung des Sozialstaats das Gebot der Stunde“, erklärt VdK-Präsidentin Verena Bentele der Augsburger Allgemeinen. Der Sozialverband fordert eine stärkere Belastung von Vermögen und Erbschaften, um die Finanzierungslücke im deutschen Rentensystem zu schließen – zulasten von Menschen, die es sich leisten können.
Bentele zufolge könne ärmeren Rentnern „durch kluge, faire und solidarische Abgaben auf Vermögen und Erbschaften“ besser unter die Arme gegriffen werden. Angesichts der demografischen Entwicklung mit einer zunehmend alternden Gesellschaft müsse das Rentensystem grundlegend reformiert werden.
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Expertin kritisiert Merz-Regierung und spricht von „strukturellen Ungleichheiten“
Die VdK-Chefin wirft der schwarz-roten Koalition vor, notwendige Maßnahmen wie höhere Erbschaftssteuern oder Vermögensabgaben zu verschleppen, obwohl die Finanzierungslücke im Rentensystem stetig wachse. Die bisher eingeführten Instrumente zur Abfederung sozialer Härten reichten bei weitem nicht aus, sagt sie. Ähnlich kritisierte DIW-Präsident Marcel Fratzscher im April 2025, CDU/CSU und SPD würden Zumutungen für ihre Wähler scheuen.
„Wer wenig verdient, krank ist, Angehörige pflegt oder Kinder großzieht, zahlt im heutigen Rentensystem doppelt: erst mit einer lückenhaften Erwerbsbiografie – und dann mit einer mageren Rente“, so Bentele. Weder die Grundrente noch Rentenpunkte für Pflegezeiten könnten die strukturellen Ungleichheiten im Alter ausreichend kompensieren. (cln/dpa)