Arbeit

Soziologe Klaus Dörre: „Wir müssen Arbeit und Klasse wieder zum Thema machen“

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Eine Montagehalle von Volkswagen in Zwickau. Viele Beschäftigte in der Industrie wählen inzwischen die AfD.
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Soziologe Klaus Dörre über den Abschied von der Lehre, Zweifel am Sinn seines Tuns und die Schwäche der Gewerkschaften.

Als der Soziologe Klaus Dörre vor mehr als 30 Jahren seine Tätigkeit begann, hoffte er, die Arbeitswelt zu „humanisieren“. Heute stellt er fest: Nur wenig wurde erreicht. Bei unserem Gespräch wirkt der 66-jährige Streikforscher so pessimistisch wie nie zuvor. Immer weniger Betriebe mit Tarifbindung, immer weniger Mitbestimmung: So seine Bilanz vor seiner Abschiedsvorlesung an der Schiller-Universität Jena am 27. Juni. Schon 2016 warnte er vor einer „faschistischen Gefahr“ und erntete Kopfschütteln. Heute wählen viele Industriearbeiter:innen gerade im Osten die AfD.

Herr Dörre, während Ihres Studiums in Marburg bei Frank Deppe waren Sie entschlossen, Berufsrevolutionär zu werden. Stattdessen haben Sie dann mehr als 30 Jahre lang die Soziologie der Arbeitswelt erforscht. Wie ist es dazu gekommen?

Nach dem Ende des Studiums war ich an einem Tiefpunkt. Ich war arbeitslos, meine Dissertation war nicht fertig. Es war unklar, wie es weitergeht in meinem Leben. Ich hatte allerdings schon für das Team der damaligen Shell-Jugendstudie gearbeitet. Und ich kam in Kontakt mit dem Sofi, dem Soziologischen Forschungsinstitut der Universität Göttingen, das damals in der Arbeitssoziologie führend war. Das bedeutete einen Wendepunkt.

Jetzt steht an der Universität in Jena, wo Sie seit 2005 den Lehrstuhl für Arbeitssoziologie innehaben, ihre Abschiedsvorlesung an, die Sie unter den Titel „What’s left“ gestellt haben. Zugleich deuten Sie an, dass Sie von Selbstzweifeln geplagt werden.

Ja, die Zeitumstände sind geeignet, dass ich am Sinn meines Tuns zweifele. Die Arbeitswelt ist gravierenden Veränderungen unterworfen. Von der Hoffnung, die wir damals hatten, gemeinsam die Arbeitswelt zu humanisieren, ist wenig geblieben. Was sich in der Industrie durchgesetzt hat, ist durchgetaktete Fließbandarbeit. Wir haben damals die Frage nach der Machtverteilung in den Betrieben gestellt. Diese Frage, die direkte Mitbestimmung am Arbeitsplatz, spielt heute im öffentlichen Diskurs keine Rolle mehr. Die Arbeitssoziologie hat eine Abwertung erlebt, sie wird im Fach an den Rand gedrängt. Ein neoliberales Denken hat sich breitgemacht, das alles aus der Kundenperspektive betrachtet und Produktion wie Produzenten zum Verschwinden bringt.

Verteilungsfragen sind Machtfragen?

Ja, natürlich. In der Gesellschaft ist zu beobachten, dass der linke Protest gegen das kapitalistische System, dass kapitalismuskritische Positionen gesellschaftlich an Unterstützung verlieren. Das war vor wenigen Jahren noch anders. Denken wir an die weltweite Occupy-Blockupy-Bewegung gegen einen entfesselten Finanzkapitalismus nach 2009. Denken wir an den Arabischen Frühling, der dann niedergeschlagen wurde. An den Aufbruch für einen Sozialismus des 21. Jahrhunderts, den es in Lateinamerika gegeben hat. Oder an die kapitalismuskritische Haltung der Labour Party unter ihrem damaligen Vorsitzenden Jeremy Corbyn. An die linken Aufbrüche in Griechenland, Spanien und Portugal. Das ist alles vorbei.

Was ist geschehen, dass die Linke so sehr in die Defensive geraten ist?

Diese Frage stelle ich mir auch. Die Versprechen der Linken für eine bessere Gesellschaft sind nirgendwo eingelöst worden. Das gilt ironischerweise für Griechenland genauso wie für das Bundesland Thüringen mit einem linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow. In Thüringen hat sich in der Regierungszeit der Linken an Erwartungen der Wähler gemessen nicht viel verändert. Die Themen Arbeit und Wirtschaft werden in der konkreten Arbeit der Landesregierung weit weniger planvoll angegangen als noch zu Zeiten eines sozialdemokratischen Superministers Matthias Machnig.

Ist es nicht so, dass der Kapitalismus sich sehr wandlungsfähig gezeigt hat? Die Linke hat schon unzählige Male das Ende des Kapitalismus vorausgesagt, stattdessen hat das System sich gewandelt und angepasst.

Das ist richtig. Die kritischen Impulse des Protests wurden von den kapitalistischen Eliten zunächst bekämpft, dann aber aufgesogen. Das beste Beispiel ist der Green Deal der Europäischen Union, also die ökologische Reform der EU, die jetzt wieder infrage gestellt wird.

Schaut man sich die Verhältnisse in der deutschen Wirtschaft an, dann sieht man, dass es in immer weniger Betrieben eine echte Mitbestimmung gibt. Dass in immer weniger Firmen noch Tariflöhne gezahlt werden.

Das ist völlig richtig. Das Tarifsystem in der deutschen Wirtschaft erodiert. Die Gewerkschaften haben dem noch wenig entgegenzusetzen, denn es fehlt Unterstützung aus der Politik. Die sozialen Ungleichheiten in der Gesellschaft nehmen zu, aber die Gewerkschaften haben es so schwer wie noch nie.

Das ist in der Außendarstellung der Gewerkschaften aber völlig anders. Sie feiern sich für erfolgreiche, hohe Tarifabschlüsse und gelungene Streiks.

Es ist klar, dass die Gewerkschaften das tun müssen, und tatsächlich hat es in jüngster Zeit heftige Arbeitskämpfe gegeben. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad lag 2023 netto bei weniger als 18 Prozent der abhängig Erwerbstätigen. Das heißt: Nur noch eine Minderheit ist gewerkschaftlich organisiert.

Zur Person

Klaus Dörre (66) studierte Politikwissenschaft, Soziologie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Volkswirtschaftslehre in Marburg. Seit 2005 ist er Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Schiller-Universität in Jena. Zu seinen Forschungsgebieten gehören der Finanzmarktkapitalismus und die soziale Unsicherheit in reichen Gesellschaften. Er ist Gründungsmitglied des Instituts Solidarische Moderne. jG/Bild: Privat

Zur gleichen Zeit befindet sich die Wirtschaft aber in einem grundlegenden ökologischen Umbau, in einer Transformation.

Und in diesem dramatischen Umbruch bräuchte es starke Gewerkschaften. Tatsächlich haben die Arbeitskämpfe der zurückliegenden Monate den Gewerkschaften erstmals wieder viele neue Mitglieder beschert. Allein Verdi begrüßte 2023 etwa 193 000 neue Mitglieder. Die Streiks haben aber nicht dazu geführt, dass die Teuerung ausgeglichen wurde. Es gibt für die Beschäftigten Reallohnverluste. Und beim ökologischen Umbau der Wirtschaft droht eine De-Industrialisierung in der EU und in Deutschland. Nehmen wir das Beispiel der deutschen Autoindustrie. Der angestrebte Umstieg von Benzinern auf Elektroautos scheint überhaupt nicht zu funktionieren. In Deutschland ist der Verkauf von Elektroautos dramatisch eingebrochen, die von der Politik ausgegebenen Ziele, Millionen von Elektroautos auf die Straße zu bringen, sind wohl unerreichbar. Es drohen drastische Strafen, wenn die Dekarbonisierungsziele nicht erreicht werden. Gleichzeitig ist aber auf den Leitmärkten China und USA die Entscheidung schon gefallen, auf Elektroautos umzusteigen. In Deutschland hat die Autoindustrie einseitig auf Luxusfahrzeuge gesetzt. Sie ist nicht in der Lage, wie der chinesische Hersteller BYD Elektrofahrzeuge für 25 000 Euro anzubieten. Aber es geht nicht nur um den Preis, bei dem chinesische Elektroautos den deutschen den Rang ablaufen. Die chinesischen Autos sind auch technisch überlegen. Gleichzeitig fordern Politiker wie der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz jetzt das Aus vom Verbrenner-Aus. Das hätte dramatische Folgen.

Arbeitssoziologe Klaus Dörre: „Wir müssen dem Druck widerstehen, uns nach rechts anzupassen.“

Welche?

Nehmen wir die Automobilindustrie in Sachsen zwischen Chemnitz und Zwickau. Die Abkehr vom Elektroauto bedeutete für die Werke dort ein Desaster. Eine Abkehr vom Verbrenner-Aus wäre verhängnisvoll. Zwar hat Mercedes seine Pläne für den Ausbau der Elektroproduktion schon korrigiert, VW aber nicht. Zurück zum Verbrenner hieße, Investitionen in die Ladeinfrastruktur, in die Verbesserung von Batterien und Motoren erst gar nicht zu tätigen. Wir verbrennen dann weiter fossile Energieträger. Was Deutschland tatsächlich bräuchte, wäre ein verzahntes System nachhaltiger Mobilität. Die Bahn und der öffentliche Nahverkehr müssten Hand in Hand arbeiten mit der Automobilindustrie. Wenn jetzt die Politik vom Verbrenner-Aus abrückt, bestätigt das nur die Menschen, die keine Veränderung wollen. Und es stärkt die rechtsextreme AfD.

Ließ sich das bei der Europawahl ablesen?

Ja. 33 Prozent der Arbeiter haben AfD gewählt. Bei den kleinen Angestellten dürfte es ein ähnlich hoher Prozentsatz sein.

Im September stehen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg Landtagswahlen an. Kann es noch gelingen, einen starken Zuwachs der AfD zu verhindern?

Das kommt darauf an, wie erfolgreich die Gegenstrategie in den Betrieben ist. Ich plädiere dafür, den Beschäftigten, die noch zu erreichen sind, auf Augenhöhe zu begegnen und nicht von oben herab. Man darf nicht sofort das gesamte Weltbild von AfD-Wähler:innen infrage stellen. Mein Beispiel ist nach wie vor die queere Betriebsrätin, die ihren Kolleginnen und Kollegen sagt: Wenn ihr mich mögt, könnt ihr nicht für die AfD stimmen. Man muss endlich die Bevormundung der Menschen sein lassen.

Woher rühren Ihre Zweifel am Sinn Ihrer Arbeit?

Nun, ich beobachte schon seit 35 Jahren rechtsradikale Tendenzen in Betrieben. Ich habe bereits im 2016 mit Blick auf Pegida vor einer neuen faschistischen Gefahr gewarnt. Das hat damals Kopfschütteln ausgelöst. Trotz aller Studien, die wir gemacht haben, trotz aller Warnungen, trotz aller Vorträge erreicht die AfD in meiner Wahlheimat Thüringen 30 Prozent. Die Frage nach dem Sinn meiner Arbeit werde ich auch in meiner Abschiedsvorlesung „What’s left“ stellen. Der italienische Philosoph Norberto Bobbio hat vor 30 Jahren geschrieben, die Linke und ihre Zweifel seien ein für ihn gemachtes Thema, denn Zweifel habe er viele – an den Linken wie an sich selbst. Ich würde hinzufügen: Soziologie beginnt mit dem Zweifel, dass die gegenwärtigen Verhältnisse naturgegeben sind. Wir müssen die Soziologie der Arbeitswelt neu begründen. Wir müssen Arbeit und Klasse wieder zum Thema machen. Wir müssen das Soziale mit dem ökologischen Umbau verbinden.

Warum ist die Linke bei den Europawahlen so eingebrochen?

Das wichtigste Thema für viele Menschen war die Frage von Krieg und Frieden, war der Krieg in der Ukraine. Eigentlich ein klassisches Thema für die Linke. Sie hat sich aber dazu nicht geäußert. Sie hat sich auch nicht vernehmbar zu der Rolle des größten deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall geäußert. Wenn ich all das nicht tue, brauche ich mich nicht zu wundern, dass ich abstürze bei den Wahlen. Das Bündnis Sahra Wagenknecht hat es klüger gemacht. Natürlich war die Frage „Krieg oder Frieden?“ auf den Plakaten sehr populistisch. Aber es hat bei vielen Menschen einen Nerv getroffen. Sie fühlen, dass ihnen ein Krieg aufgezwungen wird, den sie nicht gewollt haben. Sie wollen keine Rüstungsexporte und nicht unter Kriegsfolgen leiden, die sie nicht zu verantworten haben.

Wie sehen Sie Ihre eigene Rolle im öffentlichen Diskurs?

Ich muss Selbstkritik üben. Ich gehöre ja keiner Partei an. Aber ich habe bei Vorträgen häufig dazu tendiert, das Thema Krieg und Frieden außen vor zu lassen. Weil es mir zu komplex erschien. Ich wende mich scharf dagegen, beim Thema des Ukraine-Krieges das alte Feindbild vom US-Imperialismus wieder aufzugreifen. Das ist eine zu grobe, vereinfachende Sichtweise. Die eines neuen Weltkrieges, der mit nuklearen Massenvernichtungswaffen geführt wird, muss dennoch zum Thema werden. An der Universität von Jena hat vor 235 Jahren Friedrich Schiller seine Antrittsvorlesung als Professor der Geschichte vor mehr als 600 begeisterten Studenten gehalten. Er rief die Studenten dazu auf, zu Wahrheit und Freiheit ihren persönlichen Beitrag zu leisten. Jeder könne zum Kampf um diese Werte etwas beitragen. Und er wandte sich verächtlich gegen die „Brotgelehrten“, denen er den „philosophischen Kopf“ gegenüberstellte. Es ist zwingend notwendig, den revolutionären Geist Schillers wiederzubeleben. Wir müssen dem Druck widerstehen, uns nach rechts anzupassen. Man kann vor Schiller nur den Hut ziehen.

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