Fehlende Familienpolitik

„Man wird dafür bestraft, Kinder zu haben“: Wie der Staat Familien immer wieder im Stich lässt

Der Soziologe Stefan Schulz spricht im Interview über vernachlässigte Familienpolitik und wieso er eine Billion Euro für unbezahlte Care-Arbeit fordert.

Deutschland hat ein Demografie-Problem. Doch unter welchen Umständen bekommen Menschen gerne Kinder? Der Soziologe Stefan Schulz widmet der Familienpolitik ein Buch – mit radikalen Gedanken.

Herr Schulz, Sie sagen, in Deutschland gibt es zwar Familienpolitik, aber nur für Milliardäre. Wie meinen Sie das?
2016 hat die Bundesregierung entschieden, dass wir dringend eine Bundestagsmehrheit für die Verschonungsbedarfsprüfung bräuchten, falls ein Milliardär seinem Kind eine Milliarde vererbt und keine Steuern drauf zahlen will. Und dann hat der Bundestag gesagt, „super Idee“. Wir erlauben dem Erbempfänger dieses Einkommen, ohne einen einzigen Euro Steuern dafür zahlen zu müssen. Also es gibt noch Familienpolitik – allerdings nur für die obersten 0,1 Prozent.
Und für den Rest?
Das Familienministerium hat 13 Milliarden Euro Budget. Davon geht der Großteil in all die Unterstützungen, die Arbeitgeber bei der Lohnzahlung entlasten und Vermietern das Einkommen absichern.
Ist im neuen Koalitionsvertrag von SPD und Union etwas vereinbart, das die Situation der Familien entscheidend voranbringt?
Der neue Koalitionsvertrag beinhaltet keine großen Würfe für Familien, so wie es die Ampel vorhatte. Aber wenigstens soll der Papierkrieg durch konsequente Digitalisierung endlich beendet werden. Außer ein bisschen mehr Geld steht aber sonst nichts für Familien drin. Mal sehen, wie viel davon wirklich fließt.
Einer Ihrer Vorschläge ist, Haushalte mit zwei Kindern würden 100 000 Euro im Jahr ausgezahlt bekommen – vom Staat. Sehen Sie die Reaktion von Fachleuten, die sagen: „Niemals, das ist doch nicht zu bezahlen?“
Experten sagen immer: „Niemals, das ist nicht zu bezahlen“. Bis der politische Moment da ist. Jetzt haben wir zwei große Zäsuren. Wir müssen zum einen das CO₂ herunterbringen und mit der schrumpfenden Bevölkerung klarkommen. Eigentlich hätte ich gedacht, irgendwann kommt der Moment, in dem es mal richtig einschlägt. Wenn eine Bundesregierung feststellt: Sorry, das halten wir kein Jahr länger so durch. Diesen Moment scheint es aber beim Thema Familie nicht zu geben.
Welche Missstände beklagen Sie?
Familie wird politisch verunmöglicht. Die derzeitige Situation überfordert viele Familien – man sieht es an Scheidungs- und Depressionsraten. Wir können nicht 30 Prozent der Studenten einmal in ihrer Studienzeit durch eine depressive Phase laufen lassen. Wir können nicht Familiengründungen fordern, während Unternehmen gerne nur befristet anstellen und dann ziehen sie das bis zum 35. Lebensjahr der Angestellten durch. Irgendwann gibt es vielleicht doch mal so einen Moment, wo man feststellt, wir müssen jetzt politisch etwas tun.
Stefan Schulz ist gebürtig aus Jena in Thüringen. Er studierte Soziologie an der Universität Bielefeld und absolvierte ein journalistisches Volontariat bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Heute ist er freier Podcaster und Autor.
Sie selbst sind auch Familienvater.
Ich kann im Gegensatz zu anderen den ausfallenden Staat bei mir recht gut ausgleichen. Ich habe nicht die finanziellen Probleme, die ich überall sehe. Nur dadurch hatte ich den Kopf frei, mir über Familie grundsätzlich Gedanken zu machen.
Alternativ zu den 100 000 Euro jährlich für zwei Kinder fordern Sie, eine Billion Euro in die Infrastruktur zur Versorgung der Kinder zu investieren. Wie soll das gehen?
Ich will es kurz in den Kontext setzen. Die deutsche Volkswirtschaft hat einen Umsatz von vier Billionen Euro. Ich sage jetzt, es sollten fünf sein. Die Familie wurde bisher außerhalb der Volkswirtschaft verrechnet. Volkswirte sagen: Die Familien leisten unbezahlte Care-Arbeit in Höhe von einer Billion Euro. Ähnlich wie bei externalisierten Kosten beim Klima. Ich will, dass wir uns ehrlich machen und diese Billion Euro in unsere volkswirtschaftliche Rechnung mitaufnehmen.
Und dafür braucht es wirklich eine Billion Euro?
Ja. Schauen wir uns die Demografie an. Wenn wir sagen, dass wir die nächsten Jahrgänge demografisch brauchen und in sie investieren müssen, sollten wir genau das tun. Es ist eine Infrastruktur, die wir ja schon historisch getestet haben. Schule, Kinderbetreuung, Krankenhäuser. Über die historische Erfahrung, dass diese Institutionen gute Ideen sind, würde ich gerne hinausgehen: Babysitter-Dienste rund um die Uhr wären eine super gute Idee. Eltern brauchen ihre Freiheit. Es geht nicht, dass man tagsüber in der Erwerbsarbeit steckt und dann abends in die Care-Arbeit nach Hause kommt und dann zwischen 22.30 Uhr und 23 Uhr nochmal einen kurzen Moment für sich hat, um einfach mal durch YouTube zu scrollen.
Und diese Investition würde sich volkswirtschaftlich rechnen?
Ja. Das würde gute volkswirtschaftliche, verrechenbare Synergieeffekte organisieren. Wir hätten eine Win-win-win-Situation.
Sie wollen Familie volkswirtschaftlich durchkapitalisieren, sagen Sie. Die Familie müsse man wie ein Unternehmen begreifen. Wo bleibt da Liebe und Romantik?
Die wird überhaupt erst durch die Billion Euro hergestellt. Ein Kind aufzuziehen, und ich habe selber drei, ist nun mal anstrengend. Das ist Arbeit. Und jeder, der sagt, nee, das ist keine Arbeit, das löst die Liebe alleine, lügt. Jeder. Erst wenn ich die Familie finanziell entlaste, haben diese Eltern plötzlich etwas, was sie nicht hatten. Dass man ganz spontan abends sagen kann, wir gehen noch vor die Tür, holen uns noch an der Bar einen Cocktail. Dann gibt es auch wieder mehr Romantik.
Sie sprechen in Ihrem Buch von Investitionen, steuerlicher Rendite, Amortisationszeit. Ist das nicht makaber, so in Zahlen über Kinder zu sprechen?
Nur wenn man die alte Ideologie à la „Die Mutter wird es schon richten“ aufrechterhält. Das machte zuletzt die FDP ganz tapfer. Es gab Wahlprogramme, in denen es hieß, „staatliche Zuwendung stiftet keine Herzenswärme“ und Ähnliches. Aber ich behaupte das Gegenteil. Die staatliche Zuwendung stiftet Herzenswärme, weil die Eltern wissen, wo es gute Cocktails gibt. Die haben nur kein Geld dafür und keine Zeit.
Haben Sie sich gefreut, dass die FDP nicht in den Bundestag gekommen ist?
Sehr, aber eher aus meinen politisch-privaten Gründen. Also für Familien ist es auf jeden Fall super, aber es ist auch für die Unternehmen super. Es ist für alle super. Die FDP hat in der Politik nichts verloren - ich verstehe mich ja als Ultraliberaler. Ich möchte, dass alle Menschen alle Freiheiten bekommen. Aber mit dem entscheidenden Zusatz „koste es, was es wolle“. Und diese Beträge müssen dann volkswirtschaftlich bezahlt werden. Ganz im Gegenteil zur FDP, die einfach sagt, jeder ist auf sich gestellt. Das ist FDP-Liberalismus.
Presse und Politik schauen weg bei der Familienpolitik, behaupten Sie. Wie erklären Sie sich das?
Viele in der Politik-Elite haben keine Kinder. Das schlägt sich dann auch politisch nieder.
Sie sagen auch, die Liebe von Eltern zu ihren Kindern wird politisch missbraucht.
Es gab einen Gründungsmoment für die Ideologie à la: „Die Familie wird es schon richten.“ Das ist die Präsidentschaft von Ronald Reagan in Amerika, der einfach sagt, der Bund in der Familie – in den dürfen wir uns politisch nicht einmischen. Wir dürfen Gott bei seiner Arbeit dort nicht stören. Aber es ist eine Ideologie, die vor allem die Aufgabe hat, den Staat davon zu befreien, sich der Verantwortung anzunehmen. Diese Idee ist gefährlich und dumm. Und sie muss ein Ende finden. Wir können es demografisch nicht darauf ankommen lassen, dass auch nur ein Einziger im kommenden Jahrgang nicht auf der Höhe der Zeit ist. Wir brauchen jeden Einzelnen. Wir haben nur 700 000 Geburten, während 1,3 Millionen Menschen in Rente gehen im selben Zeitraum.
Sie kritisieren den althergebrachten Familienbegriff. Wie definieren Sie denn Familie?
Abends kommt man nach Hause. Und zu Hause, also in diesem privaten Lebensbereich, in dem man unvermittelt miteinander spricht. Also da, wo Nähe herrscht. Das ist Familie. Das hat für mich ganz wenig mit Geburtenfolge zu tun.
Ihre Kurzbilanz zur Familienpolitik der Ampel?
Auf dem Papier war die Ampel eine echte Fortschrittskoalition. In einem Ausmaß, das wir uns nicht vorstellen können. Wenn man es verwirklicht hätte, wären wir die Vorreiter auf der Welt gewesen. Solomutterschaft geregelt, Verantwortungsgemeinschaft geregelt, Elternschaftsvereinbarung und so weiter. Aber es ist alles am Geld gescheitert.
Ein großer Anlauf in der letzten Legislaturperiode war die Kindergrundsicherung, mit der Lisa Paus scheiterte. Wie lässt sich dieser gordische Knoten durchschlagen?
Politisch gar nicht. Das muss von außen auf die Politik einwirken. Vielleicht auch mit medialen Ereignissen, zum Beispiel mit der Serie „Adolescence“ auf Netflix. Eine Serie, die alle Rekorde bricht, und jeder, der diese vier Stunden gesehen hat, denkt darüber nach. Aber kaum einer redet darüber, weil es nichts zu reden gibt. Man hat gesehen, in welchem trostlosen Zustand die Welt der Familien so ist.
Ein oft zitierter Satz bei Ihnen ist: Gegen Armut hilft Geld. Aber es gibt Vorurteile gegenüber Eltern, dass die das Geld verprassen würden und es den Kindern gar nicht zugutekommt.
Das ist Quatsch. Und dass es Quatsch ist, ist längst wissenschaftlich bekannt. Familien machen alles, um in die Zukunft ihrer Kinder zu investieren.
Margaret Thatcher sagte: „There is no such thing as society. There are individual men and women, and there are families.“ Und bei Ihnen im Buch könnte man das Gefühl bekommen, Familie und Individuen spielen eigentlich keine Rolle mehr. Und es gibt ganz viel Society.
Das ist ein Spruch aus Großbritannien. In Deutschland müsste man von diesem Bild der Deutschland AG ausgehen - hier kümmert man sich umeinander, hier ist die Marktwirtschaft eine soziale Marktwirtschaft. Die großen Sätze wie der von Thatcher spiegeln auch immer einen Gemütszustand. Und Familie bedeutet in Gefühle übersetzt Sicherheit. Aber nur durch das Backup, das der Staat und die Wirtschaft als gute Arbeitgeber zur Verfügung stehen. Aber auch diese Gewissheiten zerbröseln. Die Autoindustrie als ehemals beliebtester Arbeitgeber liegt danieder. Es ist im Grunde, was den allgemeinen Gemütszustand angeht, ein freier Fall. Und der lässt sich, wie ich vorschlage, mit „mehr Gesellschaft“ auffangen.
Stefan Schulz: „Die Kinderwüste. Wie die Politik Familien im Stich lässt“, Hoffmann und Campe, 2025, 160 Seiten, 22 Euro.
Sie schreiben, ein Gender-Pay-Gap ist eigentlich der Child Penalty. Warum?
Ein Gender-Pay-Gap gibt es in Deutschland einfach nicht. Wo kommt denn der her? Sobald die Frauen Kinder bekommen, wird es kritisch. Dann ist die ökonomische Biografie abgeschlossen. Frauen, die Kinder bekommen, haben 50 Prozent Verdiensteinbußen – eine Halbierung der ökonomischen Lebensleistung. Wir haben es mit einer Child Penalty zu tun. Man wird dafür bestraft, Kinder zu haben, nicht Frau zu sein.
Sie attestieren dem Journalismus, die Familienpolitik nicht ordentlich zu besprechen.
Ich habe kürzlich in der Frankfurter Rundschau eine Überschrift gesehen: „Der Mietmarkt in Frankfurt erholt sich“, weil die Mieten jetzt wieder steigen. Ich frage mich: Das ist nicht der FR-Leser, der da angesprochen wird, oder? Das ist total absurd, was ist das für ein Quatsch?
Wer wird da sonst angesprochen in dem Moment?
Na, nur der Vermieter. In Frankfurt ist es das ähnlich wie in Berlin. Dort mieten 80 Prozent der Einwohner ihre Wohnung. Die Vermieter sind ein paar Großinvestoren, die einfach nur die Miete einsammeln und das dann beim Skifahren in Japan verbraten. Warum wird eine Jubelmeldung geschrieben, dass die Mieten steigen? Also für die 80 Prozent der Stadtbevölkerung ist das keine Jubelnachricht. Es ist totaler Nonsens, was journalistisch stattfindet.
Sie fordern ein Familienwahlrecht. Diskriminiert das nicht Kinderlose?
Nein. Es diskriminiert nicht die Kinderlosen, sondern es beachtet die Kinder. Denn – Achtung, wichtige Botschaft – Kinder sind Menschen. Und soweit ich weiß, ist Wählen ein Menschenrecht. Die Frage ist, warum ein 17-Jähriger in Deutschland bei einer Bundestagswahl nicht wählen darf, während er gleichzeitig ein Matheabitur schreibt. Wir verlangen den Kindern da enorm viel ab. Und am nächsten Tag sagen wir ihnen: Sehr gut für dich, du hast jetzt Wochenende, aber du bist zu doof zum Wählen.
Immer wieder heißt es, die Schule, der Staat kann nicht alles leisten. Eltern kämen nicht zum Elternabend, würden bei Hausaufgaben nicht helfen.
Aus meiner Sicht können Eltern gar nicht an der Bildungskarriere ihrer Kinder scheitern, weil Eltern dafür nicht zuständig sind. Dafür haben wir Schule und die Schulpflicht. Und wenn wir jetzt sogar die Schule aus dem Spiel nehmen und sagen, es ist die Aufgabe der Eltern, dann haben wir keine Zukunft in Deutschland.

Rubriklistenbild: © Anastasiya Amraeva/Imago

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