VonSteffen Herrmannschließen
Grüne Berufe nehmen auf dem Arbeitsmarkt mittlerweile eine größere Position ein. Jedoch dämpft die träge Konjunktur das Wachstum.
Auf dem Arbeitsmarkt ist einiges in Bewegung. Bosch, Mercedes, DB Cargo – die Liste der Unternehmen, die Jobs abbauen wollen, ließe sich fortsetzen. Ein Auslöser für den Stellenabbau ist die schwächelnde Konjunktur. Hinzukommen die grundlegenden Herausforderungen der vier D: Digitalisierung, Demografie, Deglobalisierung und Dekarbonisierung.
Grüne Jobs werden wichtiger: Sanierung von Gebäuden im Fokus
Vor allem mit Blick auf die Dekarbonisierung – und das Ziel, Treibhausgasemissionen zu verringern – werden sogenannte grüne Jobs immer wichtiger. Also zum Beispiel Berufe, die mit der Dämmung oder Sanierung von Gebäuden zu tun haben. Es geht um Umweltschutz und ökologischen Umbau, es geht um die Dachdeckerin, die inzwischen auch Fotovoltaik installiert. Auch Straßenbahnfahrer oder Expertinnen für Erneuerbare Elektrotechnik zählen dazu.
In den vergangenen Jahren hat sich bei grünen Berufen einiges getan. Sie machen laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) inzwischen rund 20 Prozent aller Berufe aus – und die grünen Jobs wachsen. „Vor allem bei neuen Berufen wie etwa dem Windkrafttechniker haben wir in den vergangenen zehn Jahren ein starkes Wachstum gesehen“, sagt OECD-Forscher Jonas Fluchtmann am Dienstag (17. Dezember) in einem Webinar der Organisation. Beschäftigte in diesen neuentstandenen Berufen seien häufig hochqualifiziert, ihre Arbeitsplätze oft in urbanen Räumen.
Heizungsbauer schulen bei Wärmepumpen nicht schnell genug um
Langsamer wachsen laut Fluchtmann dagegen „bestehende Jobs“ – also zum Beispiel Installateure, die nun auch Wärmepumpen einbauen. Diese Jobs seien stärker im ländlichen Raum zu finden, das Qualifikationsniveau sei im Schnitt niedriger.
Positiv: Emissionsintensive Berufe sind in den 38 Mitgliedsstaaten der OECD auf dem Rückzug. Allerdings liege darin auch ein großes Risiko für Arbeitslosigkeit, stellt Forscher Fluchtmann fest.
Ronald Bachmann, Leiter des Kompetenzbereiches „Arbeitsmärkte, Bildung, Bevölkerung“ am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), hat sich den deutschen Arbeitsmarkt genauer angeschaut. „Die gute Nachricht ist: Der Arbeitsmarkt wird grüner über die Zeit“, sagt Bachmann, der mit drei Kolleginnen und Kollegen gerade eine Studie zu dem Thema veröffentlicht hat. Demnach haben umweltfreundliche Jobs zwischen 2012 und 2022 um elf Prozent zugelegt. Die „braunen“ Jobs sind im gleichen Zeitraum um sieben Prozent zurückgegangen.
Umweltschädliche Jobs haben hohes Risiko für Arbeitslosigkeit – oft sind Migranten betroffen
Laut Bachmann sind geringqualifizierte Menschen in umweltschädlichen Berufen überrepräsentiert. Auch Ausländerinnen und Ausländer arbeiten überdurchschnittlich oft in braunen Jobs. Hier sieht der Arbeitsmarktexperte große Risiken mit Blick auf die Transformation, denn bislang gelinge der direkte Wechsel in grüne Jobs nur sehr selten.
Sein OECD-Kollege Jonas Fluchtmann verweist deshalb auch auf fehlende Weiterbildungsangebote in Deutschland. Während hierzulande nur 2,3 Prozent der Angebote auf grüne Themen zugeschnitten seien, seien es in Australien zum Beispiel bereits 14 Prozent.
Auch grüne Jobs sind nicht vor schwacher Wirtschaft gefeit
Auch auf der Online-Jobbörse Indeed spielen grüne Jobs inzwischen eine große Rolle. In den vergangenen fünf Jahren ist das Segment mit Jobs rund um Wasserstoff, Solar, Wärmedämmung oder E-Mobilität um 225 Prozent gewachsen, wie eine Analyse der Indeed-Fachleute zeigt. „Grüne Jobs stellen langfristig ein bedeutendes Wachstumssegment dar“, sagt Indeed-Ökonomin Lisa Feist der FR.
„Allerdings ist auch dieser Teil des Arbeitsmarktes nicht immun gegen konjunkturelle Schwankungen und die aktuelle wirtschaftliche Schwächephase.“ In den vergangenen zwölf Monaten seien Stellenanzeigen für grüne Jobs um 16 Prozent zurückgegangen, so Feist. „Das verdeutlicht, dass das Angebot an grünen Jobs eng mit der allgemeinen konjunkturellen Entwicklung verknüpft ist, trotz ihrer großen Bedeutung für die Energiewende und die Transformation der Wirtschaft.“
Allerdings seien nachhaltige Praktiken mittlerweile so tief in viele Wirtschaftszweige integriert, dass die Grenze zwischen grünen und nicht-grünen Jobs etwas verschwimme, ergänzt die Indeed-Ökonomin Feist. „Letztlich ist die Konjunkturabhängigkeit dieser grünen Jobs - also Stellenausschreibungen, in denen etwa umweltschonende Technologien genannt werden -, auch ein Beleg für diese Entwicklung. Früher, als grüne Jobs noch stärker im Umweltschutz oder in Behörden angesiedelt waren, wäre dieser Zusammenhang wohl nicht so deutlich zu Tage getreten.“
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