- VonBettina Menzelschließen
Griechenland wollte eine Schlüsselrolle bei der LNG-Versorgung Südosteuropas spielen. Doch die Pläne zum Bau von LNG-Terminals liegen auf Eis – zugute kommt das vor allem Moskau.
Moskau – Die Vorzeichen haben sich geändert. Griechenland wollte zu einem wichtigen Umschlagplatz für das Flüssiggas LNG in Südosteuropa werden. Die geplante Infrastruktur sollte mit 25 Milliarden Kubikmetern etwa die vierfache Kapazität des griechischen Eigenbedarfs haben, wie Handelsblatt berichtete. Doch derzeit ist nicht einmal Griechenlands bislang einziges LNG-Terminal voll ausgelastet – Tendenz sinkend. Gegen die Gas-Abhängigkeit von Russland hat Europa noch nicht das passende Mittel gefunden.
Russisches Gas flutet Osteuropa: Griechenlands LNG-Pläne auf der Kippe
Unlängst verabschiedete die Europäische Union das 14. Sanktionspaket gegen Russland. Erstmals wird bei den Wirtschaftsbeschränkungen auch der Handel mit Flüssigerdgas (LNG) erwähnt, von Erdgas hingegen weiterhin kein Wort. EU-Länder können also so viel des Energieträgers aus Russland importieren wie sie wollen. In Österreich sind es über 90 Prozent, in Ungarn mehr als 80 Prozent, in Griechenland waren es in den ersten sechs Monaten des Jahres über 50 Prozent, andere Quellen wie etwa der Gasversorger Desfa sprechen sogar von über 60 Prozent – vor Beginn des Ukraine-Kriegs lag der Import-Anteil Griechenlands bei rund 45 Prozent.
Bei der Abkehr vom russischen Erdgas wollte Griechenland eigentlich eine Schlüsselrolle spielen. Und der Plan ging so: Die Regierung in Athen plante den Bau von fünf LNG-Terminals sowie mehreren Pipelines, um Griechenland so zur Drehscheibe für die Gasversorgung Südosteuropas zu machen, wie Handelsblatt berichtete. An den Anlagen sollte LNG per Schiff angeliefert und über Pipelines in Staaten in Südosteuropa transportiert werden. Das sollte die Unabhängigkeit von russischem Gas fördern – sich aber natürlich auch wirtschaftlich lohnen.
„Unsere Länder sind gemeinsam bereit, eine neue entscheidende Rolle in der neuen Energiekarte Europas zu übernehmen“, sagte der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis laut der Nachrichtenagentur Reuters im Jahr 2022 über das LNG-Projekt in der Stadt Alexandroupolis, das auch Bulgarien unterstützte. „Die jüngsten Erpressungen Moskaus in Bezug auf Erdgas machen diese Zusammenarbeit nicht nur notwendig, sondern auch dringend erforderlich“, hieß es von Mitsotakis weiter. Zwei Jahre später sieht die Realität anders aus: Der staatliche russische Konzern Gazprom überschwemmt Südosteuropa mit billigem Gas, was den Bau der griechischen Terminals gefährdet.
Interesse an Süd-Nord-Pipeline gering: Russland versorgt Balkanländer mit billigem Gas
Dass der Bedarf an LNG bei Griechenlands potenziellen Kunden niedrig ist, bestätigte im Juli auch ein Markttest von Gasnetzbetreiber aus Bulgarien, Griechenland, Moldawien, Rumänien, der Slowakei und der Ukraine, so ein Bericht von RND. Demnach war das Interesse am Markt an der neuen Süd-Nord-Pipeline gering, da Russland die Länder bereits mit billigem Gas versorgte. Eine Investition in die Infrastruktur lohnt sich daher wirtschaftlich derzeit nicht.
Im Vergleich zum Vorjahr exportierte Griechenland demnach im ersten Quartal 2024 um 95 Prozent weniger Gas in die Balkanländer. Der Bau der LNG-Terminals in Griechenland liegt nun erstmal auf Eis. Neben der geringen Wirtschaftlichkeit gibt es dafür auch politische Gründe. Beispielsweise regte sich Widerstand in der Bevölkerung gegen ein geplantes Terminal nahe der griechischen Küstenstadt Volos, wie Handelsblatt berichtete.
Gazprom erstmals mit Nettoverlusten: Wie stark treffen Russland die Sanktionen?
Die Abkehr von russischem Gas und die Sanktionen des Westens dienen vor allem einem Ziel: Die Kriegskassen des russischen Präsidenten Wladimir Putin auszutrocknen. Auf den ersten Blick scheint es einen Effekt zu geben: Erstmals seit 1999 verzeichnete Gazprom im Jahr 2023 Nettoverluste. Das Minus belief sich auf 6,4 Milliarden Euro. Für die Finanzierung des Angriffskriegs ist das ein Problem, denn Öl- und Gasverkäufe machen rund 40 Prozent der russischen Staatseinnahmen aus. Zahlen des russischen Finanzministeriums zeigten, dass die Einnahmen aus Öl- und Gasgeschäften im Mai im Vergleich zum Vormonat um sechs Prozent gefallen waren. Allerdings: Im Vergleich zum Vorjahresmonat verzeichnete Russland ein Plus von 90 Prozent, wie Reuters im Mai unter Berufung auf die Daten aus dem Finanzministerium berichtete.
Bislang erzielte der Kreml mit dem Verkauf der Energieträger in den ersten fünf Monaten 2024 bereits 30 Prozent mehr Einnahmen als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr. Zudem findet Moskau immer neue Wege, um die Sanktionen des Westens zu umgehen. Bei LNG-Exporten setzt Russland Bloomberg-Recherchen zufolge auf eine Schattenflotte. Zudem könnten die Importe aus Russland vielerorts künftig eher steigen als fallen: Gazprom verkaufte sein Gas zuletzt etwa acht bis zehn Euro pro Megawattstunde (MWh) unter den Preisen, die Käufer am virtuellen Handelsplatz TTF in den Niederlanden zahlen, wie RND berichtete.