- VonMax Schäferschließen
Das Bürgergeld-System erschafft permanent neue Empfänger. Kinder „scheitern am System“, beklagt die Arche. Bestehende Hilfsangebote zeigen wenig Wirkung.
Berlin – „Wir kennen viele Kinder, die unsere 35 Einrichtungen in Deutschland besuchen, die noch nie ihre Eltern haben zur Arbeit gehen sehen“, berichtete Wolfgang Büscher, Sprecher der Arche Kinderstiftung, IPPEN.MEDIA. „Die Kinder lernen ‚Bürgergeld‘.“ Dabei seien Kinder die „einzigen Ressourcen, die wir in Deutschland haben“. Das Bewusstsein für deren Bedeutung fehlt Büscher. „Viele von ihnen werfen wir einfach auf den ‚sozialpolitischen‘ Müllhaufen, ohne uns in sie zu investieren.“
Kinder im Bürgergeld haben kaum Chancen: „Ein Scheitern ist vorprogrammiert“
„Ein Großteil der Kinder geht ohne ein Frühstück in die Schule, weil die Eltern nicht in der Lage sind, sie entsprechend zu versorgen. Somit können sie sich während des Unterrichts nicht konzentrieren“, beschreibt der Arche-Sprecher die Folgen der Politik. „Ein Scheitern ist vorprogrammiert.“
Besonders problematisch ist die Situation der Alleinerziehenden. „Oft sind Alleinerziehende mit ihren Kindern von der Gesellschaft allein gelassen“, erklärt Büscher. „Bildung, Bücher, Reisen, Klassenfahrten, Kleidung und Gesundheit kosten Geld, das die Alleinerziehenden häufig nicht haben.“ Das habe Folgen für die Kinder. „Die Kinder ernähren sich ungesund, sind häufiger krank, haben Allergien und schlechte Zähne.“
Förderung fehlt: Kinder aus Bürgergeld-Familien „scheitern am System“
„Sie (die Kinder, Anmerkung der Redaktion) scheitern am System“, warnte Büscher. Zehntausende Kinder verlassen die Schule jährlich ohne Abschluss. „Die meisten Eltern dieser Kinder beziehen Bürgergeld“, sagte Büscher. Konkret gibt es laut Bundesagentur für Arbeit 529.000 Alleinerziehende in der Grundsicherung. „Zahlreiche Familien sind bildungsfern und können ihre Kinder nicht fördern“, so die Erfahrung des Arche-Sprechers.
Das Bürgergeld-System zieht sich die neuen Empfänger selbst heran. Diesen Eindruck bestätigt eine neue Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Wenn Eltern länger als ein Jahr Grundsicherung beziehen, beginnen Jugendliche seltener eine Berufsausbildung, als wenn sie kürzer erwerbslos sind, so das Ergebnis.
Bürgergeld-Bezug der Eltern erhöht Wahrscheinlichkeit der Arbeitslosigkeit der Kinder
Das hat auch Folgen für das weitere Erwerbsleben. „Ein längerer Leistungsbezug im Elternhaushalt geht also mit einer niedrigeren Beschäftigungsquote der nächsten Generation einher“, erklärte das IAB. Das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit verwies jedoch darauf, dass die Analyse zwar einen Zusammenhang zeigt. Die Bürgergeld-Bezugsdauer alleine könne den Unterschied nicht erklären. Weitere Faktoren könnten fehlende Berufsausbildungen der Eltern oder eine ausländische Herkunft sein.
Um armutsbetroffene Kinder zu fördern, hat die Bundesregierung 2011 die Leistungen für Bildung und Teilhabe eingeführt. Nicht nur Bürgergeld-Empfänger können sie bekommen, sondern auch Bezieher von Wohngeld oder Kinderzuschlag. Doch die Maßnahmen reichen nicht. „Viele Eltern bringen nicht die Kraft auf, finanzielle Leistungen zu beantragen“, erklärte Arche-Sprecher Büscher. „Weiterhin stehen für z.B. Nachhilfeunterricht für diese Kinder 120 Euro pro Jahr zur Verfügung.“ Das reiche „hinten und vorne nicht“.
Arche fordert Kindergrundsicherung für mehr Chancengleichheit
Zur Unterstützung von armen Familien fordert die Arche eine Kindergrundsicherung von monatlich 600 Euro. Das Konzept sieht vor: 300 Euro fließen direkt ins Schulsystem für Personal und Ausstattung, 150 Euro werden per App für Klassenfahrten, Schulmaterial und Vereinsbeiträge verwendet, weitere 150 Euro gehen zweckgebunden auf Kinderkonten.
Gleichzeitig drängt die Organisation auf umfassende Bildungsreformen. Schulen benötigen mehr Personal – Erzieher, Psychologen, Ergänzungslehrer – für individuelle Förderung und kostenlosen Nachhilfeunterricht. Brennpunktschulen müssen entzerrt und „verhaltensauffällige“ Kinder gleichmäßig verteilt werden.
„Bildung kostet Geld“, räumte Büscher ein. Doch er warnte auch: „Wenn wir als Gesellschaft diese Kinder nicht fördern, werden sie später auch von Bürgergeld leben müssen.“
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