- VonHermannus Pfeifferschließen
Die Geschäfte von Thyssenkrupps U-Boot-Sparte TKMS laufen. Der Stahlkonzern sucht nun Käufer. Offenbar ist gibt es auch Gespräche mit der Bundesregierung.
Deutschlands größter Stahlkocher Thyssenkrupp ist weltberühmt. Seine maritime Rüstungssparte geht dagegen höchstens als Hidden Champion durch, als unbekannter Weltmarktführer. Doch außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung hat sich Thyssenkrupp Marine Systems, kurz TKMS, zu einem „weltweit führenden Marineunternehmen“ entwickelt, so das berechtigte Selbstbild der Werftengruppe aus Kiel. Nun zeichnet sich ab, dass der angeschlagene Mutterkonzern in Essen seine lukrative Tochtergesellschaft verheiraten will. Als Brautführer stehen nun die US-Investmentgesellschaft Carlyle und die Bundesregierung bereit.
Kürzlich stellte TKMS-Chef Oliver Burkhard seine Verkaufskandidatin offen ins Schaufenster. Wie schick sie sei, zeige der jüngste Erfolg in Brasilien, die Kiellegung einer Tarnkappenfregatte. Die Veranstaltung fand Anfang Juni auf der Werft Thyssenkrupp Estaleiro Brasil Sul in Itajaí statt. Dort arbeiten mittlerweile 1300 Schiffbauer und -bauerinnen. Der Standort sei von „besonderer strategischer Bedeutung“ – TKMS will die Werft zu einem „Hub“ für ganz Südamerika ausbauen.
Das brasilianische Fregattenprogramm sieht insgesamt vier Einheiten der Meko-Klasse vor. Meko ist eine Marke von TKMS, die bereits seit den 1970er Jahren erfolgreich läuft und einen modularen Schiffbau erlaubt: Der Kunde stellt quasi aus einem Katalog sein gewünschtes Kriegsschiff zusammen.
Thyssenkrupp-Tochter TKMS wirtschaftlich „für die nächsten Jahre gut aufgestellt“
„Wir freuen uns, auch im Überwasserbereich einen weiteren Erfolg feiern zu können“, lässt sich Oliver Burkhard zitieren. Man knüpfe damit an die Erfolge des vergangenen Jahres an: So war Ende 2023 die dritte Hochleistungsfregatte für die ägyptische Marine einsatztauglich abgeliefert worden. Die vierte Fregatte lief Anfang Dezember vom Stapel und wird derzeit von TKMS in Ägypten ausgerüstet.
TKMS mit seinen Standorten unter anderem in Kanada und Hamburg ist der einzige deutsche Anbieter, der neben dem Über- auch den Unterwasserbereich unter einem Dach vereint, inklusive dem Torpedospezialisten Atlas Elektronik. In Kiel bauen allein über 3000 fest angestellte Beschäftigte auf der größten Werft in Deutschland Unterseeboote. TKMS gilt in der maritimen Industrie als Weltmarktführer beim Bau konventioneller U-Boote.
Und auch unter Wasser laufen die Geschäfte rund. In den letzten Monaten begann die Produktion der 212CD-U-Boote für Deutschland und Norwegen – der größte Auftrag in der 185-jährigen Firmengeschichte. Ende April wurde in Kiel die „Inimitable“ getauft, das vierte U-Boot für Chinas Nachbarn Singapur. Es seien die modernsten konventionellen U-Boote, „die die Welt je gesehen hat“, feuerte Burkhard eine Marketing-Breitseite ab.
Thyssenkrupps Marineschiffbau profitiert von Allzeithoch der weltweiten Militärausgaben
Insgesamt betrug der Auftragsbestand am Jahresende 2023 rund 13 Milliarden Euro. Seitdem sei mit der Regierung von Premierminister Narendra Modi kurz vor der Wahl in Indien eine Absichtserklärung zum Bau neuer U-Boote unterzeichnet worden. Darüber hinaus ist die Mannschaft von TKMS nach eigenen Aussagen im Gespräch mit weiteren potenziellen Kunden im Über- und Unterwasserschiffbau. Wirtschaftlich, so Burkhard, sei das Unternehmen „für die nächsten Jahre gut aufgestellt“.
Angesichts vieler Kriege und Konflikte sind die weltweiten Militärausgaben im vergangenen Jahr auf ein Allzeithoch geklettert. In der Rangliste des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri landet Deutschland auf Platz sieben. 2024 dürfte sich die Rüstungsspirale noch weiter nach oben drehen. Davon profitiert besonders der Marineschiffbau. Fregatten für die Abwehr „unsichtbarer“ U-Boote und die Luftabwehr über Land, deren Stückpreise bei einer Milliarde Euro plus X liegen können, erfreuen sich wegen ihrer nahezu grenzenlosen Einsetzbarkeit und der politisch-militärischen Machtprojektion bis in die fernsten Regionen der Welt ungeheurer Beliebtheit unter Militärs und Regierungen.
Thyssenkrupp verhandelt mit US-Investor und Bundesregierung über Teilverkauf
Auf dieser Bugwelle will Miguel López reiten, um Thyssenkrupp wieder flottzumachen. Deshalb visiert der Boss der Konzernmutter Thyssenkrupp einen „Verselbstständigungsprozess“ seiner Marinedivision an. Mit im Boot sitzt die Investmentgesellschaft Carlyle in Washington. Beide Unternehmen verständigten sich auf eine vertiefende Prüfung und Bewertung, meldete TKMS vergangene Woche. Angestrebt wird ein Teilverkauf an Carlyle. „Zeitgleich“, so TKMS, „laufen Gespräche mit der Bundesregierung zur Beteiligung des Staates“. Eine Sprecherin von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) wollte dies allerdings nicht kommentieren.
Die IG Metall unterstützt den Weg zur Verselbstständigung dagegen offen. Aber nur, „wenn auch die Bundesregierung einsteigt und wir in einer Vereinbarung Standorte, Beschäftigung und Tarifverträge langfristig absichern“, zieht der Schiffbauexperte der Gewerkschaft, Heiko Messerschmidt, im Gespräch mit der FR eine rote Linie. Mit dem Investor Carlyle sei man bereits im Gespräch.
IG Metall fordert Bundesregierung im Marineschiffbau zum Handeln auf
Die Bundesregierung muss nach Auffassung der IG Metall im Marineschiffbau eine aktive Rolle einnehmen. Sie dürfe die Zukunft der Branche aus strategischen und industriepolitischen Gründen nicht alleine dem Markt überlassen, so die Gewerkschaft. Bereits im vergangenen Jahr hatte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) maritimes Neuland angesteuert, als er die traditionsreiche, nun staatliche Warnowwerft in Rostock als Marinearsenal der deutschen Marine einweihte. Sie ist für die Wartung der Flotte in der Ostsee verantwortlich. Im November gab Pistorius dann einen Teil der Werftfläche für den zukünftigen Bau von Offshore-Konverter-Plattformen frei. „Graue“ Industriepolitik à la Pistorius.
TKMS dürfte nach seiner Verselbständigung nicht lange alleine bleiben. Ein Partner ist in Sicht, mit dem ohnehin in vielen Projekten zusammengearbeitet wird. Der zweite große Marineschiffbauer in Deutschland, die familiengeführte Lürssen-Gruppe aus Bremen, hat wiederholt Interesse an einer Hochzeit seiner Rüstungssparte NVL bekundet. Mit einer staatlichen Beteiligung wäre TKMS/NVL zudem auf Augenhöhe mit anderen großen europäischen Marineschiffbauern, an denen Regierungen beteiligt sind. IG-Metall-Experte Messerschmidt: „Das wäre dann eine gute Grundlage für weitere Partnerschaften in Europa.“ Am Horizont flackert so eine Idee auf, die in der Branche schon lange kursiert: Statt mehrerer Hidden Champions ein europäischer „Airbus der Meere“.