VonLisa Mayerhoferschließen
Für den ehemaligen Wirtschaftsweisen Peter Bofinger ist Deutschland „der kranke Mann Europas“. Im Interview spricht er darüber, wie die Wirtschaft wieder angekurbelt werden könnte.
Tegernsee – „Kranker Mann Europas“, „dramatisch schlecht“: Die deutsche Wirtschaft steckt zahlreichen Experten zufolge in der Flaute. Zum Jahresende schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zum Vorquartal um 0,3 Prozent, wie das Statistische Bundesamt bestätigte. Dennoch eilt der deutsche Leitindex Dax von Rekord zu Rekord, die Erwerbstätigkeit ist so hoch wie nie, und Japan verliert seinen Status als drittgrößte Volkswirtschaft an Deutschland. Wie passt das zusammen, und wie düster ist die Lage?
Darüber hat Ippen.Media im Rahmen des Unternehmertags am Tegernsee mit Peter Bofinger, ehemaliger Wirtschaftsweiser und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg, gesprochen.
Ökonom Bofinger: „Ich würde erstmal die Bauwirtschaft in Schwung bringen“
Sie haben über Deutschland als „kranken Mann Europas“ gesprochen, aber wir haben gerade Japan als drittgrößte Volkswirtschaft überholt und die Inflation geht auch zurück. Ist es wirklich so schlimm?
Peter Bofinger: Ja. Japan haben wir nur überholt, weil wir mehr Inflation hatten und der Wechselkurs vom Yen schwach war. Hinter diesem Überholprozess steht kein reales Wachstum und damit sind wir schon beim Thema: Seit 2019 stagniert unsere Wirtschaft. Wir hatten diesen Einbruch bei Corona, dann haben wir das wieder aufgeholt und seitdem stagnieren wir. Das tun andere Volkswirtschaften eben nicht. Meiner Meinung nach ist das schon ein Befund, den man jetzt nicht so einfach vom Tisch wischen sollte. So wie Finanzminister Christian Lindner (FDP) – er hat in Davos Deutschland als „müden Mann nach einer kurzen Nacht“ bezeichnet. Die Probleme gehen aber tiefer. Das deutsche Geschäftsmodell aus Export, Industrie und Automobil hat jetzt nicht mehr Rückenwind, sondern Gegenwind.
Und wie könnte man jetzt die Konjunktur wieder ankurbeln?
Ich würde auf jeden Fall damit anfangen, erstmal die Bauwirtschaft in Schwung zu bringen. Denn da haben wir die absurde Situation, dass wir einen irren Mangel an Wohnungen haben und gleichzeitig die Bauproduktion mehr oder weniger kollabiert. Dagegen wirken könnte man unter anderem mit einer Förderung des sozialen Wohnungsbaus.
Man kann beispielsweise den Wohnungsbaugesellschaften jetzt zinsgünstige Kredite über die KfW geben und die Abschreibungserleichterung verstärken. Das ist ja auch im Wachstumschancengesetz angedacht. Aber das hatte erst sechs Prozent degressive Abschreibungen für den Wohnungsbau vorgesehen, jetzt sind es bloß noch fünf Prozent. Das geht in die falsche Richtung, da müsste man eigentlich deutlich mehr machen.
Welche Maßnahmen könnten denn noch angeboten werden?
Man könnte Privathaushalten den Erwerb von Wohnungen erleichtern. In Deutschland liegt die Eigentumsquote bei privaten Haushalten bei unter 50 Prozent – ein Grundproblem! Da könnte man ja beispielsweise überlegen, ob man nicht die Vermögensbildung so gestaltet, dass jemand, der sich eine Wohnung kauft, genauso gefördert wird, wie jemand, der jetzt zum Beispiel in die betriebliche Altersvorsorge investiert. Natürlich braucht man dann noch Sperrmöglichkeiten, dass man bei einer Förderung auch in der Immobilie leben muss bis es an Rente geht und wenn man das vorher verkauft, muss man die Förderung zurückzahlen.
Was kann außerhalb der Bauwirtschaft noch unternommen werden, um Deutschland zukunftsfest zu machen?
Das Wichtigste wäre, jetzt eine Agenda zu starten – eine Zukunftsagenda. Kernfrage sollte erst einmal sein: Wo können und wollen wir in den nächsten zehn Jahren global stark sein? Was sind die Bereiche, in denen wir uns im globalen Wettbewerb durchsetzen können und was muss man tun, damit das dann auch funktioniert? Machen wir zum Beispiel genug, um Speichertechnologien, künstliche Intelligenz und autonomes Fahren in Deutschland nach vorne zu bringen? Es geht also darum, eine Bestandsaufnahme zu machen und nicht einfach hektisch Geld auszugeben. Wenn man einen Bereich hat, in den man investieren möchte, sollte man nicht kleckern, sondern klotzen. Bald soll ja immerhin das Wachstumschancengesetz kommen mit großzügigen Abschreibungen für Unternehmen, die jetzt Transformationen starten. Es ist nur ein Jammer, dass man das jetzt so zusammengeschrumpft hat.
Das Wachstumschancengesetz würde der deutschen Wirtschaft also helfen?
Ja. Die im Gesetz vorgesehenen Abschreibungserleichterungen sind immer besser als Steuersenkungen. Wenn die Steuern gesenkt werden, dann erhält man das Geld, ohne dass man etwas dafür tut. Abschreibungserleichterungen setzen dagegen voraus, dass auch etwas getan wird. Und sie kosten den Staat nicht so viel, weil er das Geld wieder bekommt. Bei Abschreibungserleichterungen werden nur die Zahlungsströme anders verteilt, damit man am Anfang weniger hat und danach mehr – eine Art zinsgünstiger Kredit vom Staat.
Auch außerhalb des Wachstumschancengesetzes: Gerade wird in vielen Branchen nach politischer Unterstützung gerufen...
Ich finde, so viele rufen ja gar nicht. Die energieintensiven Bereiche haben natürlich massive Probleme. Das wirft die Frage auf: Können die betroffenen Unternehmen in Deutschland bleiben oder nicht? Meiner Meinung nach wäre es schon alle Mühen wert, ihnen jetzt zu helfen, zumindest die nächsten Jahre zu überstehen – beispielsweise mit dem Industriestrompreis. Auch auf die Gefahr hin, dass das nach ein paar Jahren vielleicht nicht klappt. Aber ich finde die Haltung mancher Kollegen, die sagen, dann müssen diese Unternehmen eben gehen, gefährlich. Zumal man eben nicht gleichzeitig sieht, ob etwas Neues dafür kommen wird.
Also Sie würden eher versuchen, dann solche Industrien wie BASF und so zu halten?
Solange ich nichts Besseres habe – und wir haben auch nichts Besseres. Ich sehe es im Augenblick nicht so wirklich. Zwar gibt es Investitionen in Chip-Unternehmen, aber daran gibt es ja auch viel Kritik.
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