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Dax erreicht neuen Rekord – warum Deutschland trotzdem als „kranker Mann Europas“ gilt

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Der Deutsche Aktienindex erreicht immer neue Rekorde, während die Wirtschaftsleistung hierzulande schrumpft. Warum Real- und Finanzwirtschaft nur wenig voneinander abhängen.

Deutschland gilt mal wieder als „kranker Mann Europas“, den eine akute Wachstumsschwäche befallen hat. Auch langfristig, heißt es, sind die Aussichten nicht gut: Die Bevölkerung wird alt, es fehlen Fachkräfte, Energie ist teuer und die Industrie gefährdet. Parallel zu den Klagen erreicht der Deutsche Aktienindex (Dax) immer neue Rekorde: Während die deutsche Wirtschaftsleistung 2023 um 0,3 Prozent schrumpfte und auf dem Stand von 2019 verharrte, legte der Dax fast ein Viertel zu. Dass Real- und Finanzwirtschaft getrennte Wege gehen, liegt zum einen an börsentypischen Ungereimtheiten. Zum anderen daran, dass der Dax kein Abbild des deutschen Bruttoinlandsprodukts ist. „Dax und BIP sollte man nicht verwechseln“, erklärt die Deutsche Bank.

Die jüngsten Rekorde verdankt der deutsche Aktienmarkt zu einem guten Teil der allgemeinen Stimmung an den Märkten, die durch den KI-Boom aufgeheizt wird. Vergangene Woche hatte der US-Chiphersteller Nvidia sehr gute Geschäftszahlen vorgelegt, was seinen Börsenwert an einem einzigen Tag um 277 Milliarden Dollar in die Höhe trieb. Das Unternehmen ist jetzt mit fast zwei Billionen Dollar bewertet.

Der deutsche Markt ist für die Dax-Unternehmen nicht von großer Bedeutung

Von dem Boom scheint auch in Deutschland etwas anzukommen: „Aufgrund der hohen Erwartungen an die Ergebniszahlen und der großen Marktkapitalisierung von Nvidia bleiben die Reaktionen nicht auf den US-Aktienmarkt beschränkt, sondern führen international zu einer generellen Stimmungsverbesserung an den Aktienmärkten“, zitierte das Handelsblatt Joachim Schallmayer, Leiter Strategie und Kapitalmärkte bei der Dekabank.

Neben diesem eher luftigen Stimmungseffekt gibt es aber noch handfestere, strukturelle Erklärungen dafür, warum sich das deutsche Börsenbarometer ziemlich grundsätzlich von der deutschen Wirtschaftslage emanzipiert hat: Der heimische Markt ist für die Dax-Unternehmen schlicht nicht von großer Bedeutung. Dort erzielen sie nicht einmal mehr ein Fünftel ihrer Umsätze – das ist etwas mehr als in China und deutlich weniger als in den USA. „Von daher“, so die Deutsche Bank, „ist es kein Wunder, dass die Entwicklung des Dax viel stärker mit dem globalen Wirtschaftswachstum verbunden ist als mit dem deutschen.“

Dementsprechend schlechter als der Dax laufen die Börsenindizes der kleineren und mittleren Unternehmen. Schließlich machen die Aktiengesellschaften aus dem Börsenindex MDax noch rund 30 Prozent ihres Umsatzes in Deutschland, bei den kleineren SDax-Firmen sind es sogar über 40 Prozent.

Durch den Bürokomplex in die Produktionsstraße: das BMW-Werk Tiexi in Shenyang. China ist für die deutschen Autohersteller ein extrem wichtiger Markt.

Für die Differenz zwischen BIP und Dax nennen die Deutsche-Bank-Fachleute aber noch einen zweiten Grund: Der Index spiegele in seiner Branchengewichtung nicht die Gesamtwirtschaft Deutschlands wider. „Aus einer Branchenperspektive ist der Dax stark konzentriert auf das Verarbeitende Gewerbe, auf IT und Finanzen.“ Öffentliche wie auch unternehmensnahe Dienstleistungen, beides wichtige Sektoren der Wirtschaft, finden sich dagegen im Dax überhaupt nicht wieder.

Die großen Konzerne sind kein Spiegel der deutschen Gesamtwirtschaft

Aus seiner Auslandsabhängigkeit gewinnt der Dax derzeit Stärke. Denn während in Deutschland die Konjunktur weiter vor sich hindümpelt, hellen sich die globalen Aussichten auf. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat jüngst seine Wachstumsprognose für 2024 von 2,9 auf 3,1 Prozent angehoben. Grund dafür ist vor allem die starke Wirtschaftsverfassung der USA. „Ein bedeutsamer Risikofaktor für Dax-Investoren für das Börsenjahr 2024 – eine drohende US-Rezession – ist damit für uns vom Tisch“, erklärt die Commerzbank, die ihre Wachstumsprognose für die US-Wirtschaft für 2024 von 1,0 auf 2,5 Prozent angehoben hat. Auch in China hellen sich die Perspektiven auf, „und davon dürfte Deutschland überproportional profitieren“, so die Deutsche Bank.

Von daher ist es auch kein Wunder, dass trotz schwacher Konjunktur und trotz aller Klagen über den „kranken Mann“ die Gewinne der großen deutschen Konzerne nicht schlecht sind. Für 2024, prognostiziert die Deutsche Bank, werden die Dax-Unternehmen – Sondereinflüsse ausgeklammert – 49 Milliarden Euro an Dividenden ausschütten, so viel wie im Vorjahr. Für 2024 sagen die Konsensprognosen ein Gewinnplus von zwei Prozent voraus, die Deutsche Bank rechnet mit fünf Prozent. „Die laufende Berichtssaison ist ermutigend.“

Der Dax ist also gut gestützt, die großen Konzerne stehen recht gut da. Leider aber sind sie kein Spiegel der Gesamtwirtschaft. „In den meisten entwickelten Wirtschaften sind es kleine und mittlere Unternehmen – nicht die börsennotierten Unternehmen – die für die Beschäftigung und das BIP von Bedeutung sind“, so Paul Donovan, Chefökonom der Schweizer Bank UBS. Auch der öffentliche Sektor sei vielerorts ökonomisch bedeutsamer als die großen Aktiengesellschaften. „Wer nur auf die Börsenkurse starrt, ignoriert die wichtigsten Teile der Wirtschaft.“

Rubriklistenbild: © IMAGO/Xinhua

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