VonSteffen Herrmannschließen
Reiseforscher Markus Pillmayer über Folgen von Massentourismus, Greenwashing durch Reisekonzerne und den Charme Thüringens.
Frankfurt - Endlich ist Sommer. Hunderttausende zieht es in den Süden, an die Strände und in die Altstädte. Dort freuen sich nicht alle über die Touristenströme. Auf den Kanaren, in Dubrovnik oder Barcelona klagen Einheimische über explodierende Mieten, verstopfte Straßen und Müll – Begleiterscheinungen des Massentourismus. Mit dessen Problemen kennt sich Markus Pillmayer aus. Im Interview spricht der Professor der Hochschule München über falsche Tourismus-Modelle, wohnortnahe Jobs und bewussteres Reisen.
Proteste in Spanien gegen Massentourismus: Ein Ausdruck der Verzweiflung
Herr Pillmayer, Barcelona will bis Ende 2028 die Vermietung von Ferienwohnungen abschaffen, um den Massentourismus in den Griff zu bekommen. Ist das das richtige Instrument?
Es ist auf alle Fälle ein sehr extremes Instrument und es ist ein Ausdruck der Verzweiflung. Ob es tatsächlich den gewünschten Effekt haben wird, muss sich erst noch zeigen. Es ist aber auch Ausdruck eines Tourismus-Modells, das den falschen Ansatz verfolgt. Ein Modell, bei dem sich jetzt zeigt, dass es nicht funktionieren kann und vielleicht nie funktioniert hat: Wachstum ohne Grenzen ist – zumindest was den Tourismus angeht – nicht der richtige Ansatz. Da ist Barcelona nur eines von vielen Beispielen.
Auf den Kanarischen Inseln protestierten im April Zehntausende Menschen gegen den Ausverkauf der Inseln. Das ist nur ein Beispiel von vielen. Welche Folgen hat der Massentourismus für die Einheimischen?
Grundsätzlich ist Massentourismus nichts Schlechtes. Aber wir erleben gerade, welche Ausmaße es annehmen kann, wenn er nicht gesteuert wird und wenn er nur einem Verständnis folgt, das auf reines Wachstum und Rendite aus ist. Das zeigt sich beim Wohnen: Wohnraum ist knapp und Sie können ja auch nicht unendlich Neubaugebiete ausschreiben. Airbnb verschärft das Problem, weil Wohnungen eher an Reisende als an Einheimische vermietet werden.
Ein anderes Problem sind zugeparkte Straßen, Einfahrten und Rettungswege; der Müll nimmt zu. Es fehlt an gegenseitigem Verständnis und Rücksichtnahme. Gerade in Destinationen wie Dubrovnik, Barcelona, Amsterdam oder auf den Kanarischen Inseln ist das Verhältnis von Einheimischen und Reisenden massiv gestört, und das nicht erst seit gestern. Weil das Tourismus-Modell ein „Immer mehr, immer weiter, immer schneller“ propagiert hat.
Dabei gab es ja zum Beispiel auf Mallorca durchaus Versuche, an diesem Modell etwas zu ändern.
Bis zur letzten Regionalwahl gab es auf Mallorca eine eher progressive Regierung, die den Massentourismus mit Auflagen versehen hat und stärker steuern wollte. Aber diese Politik wurde abgewählt. Die Konservativen, die an die Macht gekommen sind, haben die Auflagen der Vorgängerregierung größtenteils wieder zurückgenommen. Das haben die Einheimischen entschieden, denn der Tourist geht nicht zur Wahl.
Oft heißt es: Tourismus schafft Wohlstand.
Da müssten wir definieren, was Wohlstand bedeutet. Ja: Tourismus schafft und sichert Arbeitsplätze, und zwar wohnortnah. Und Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, gerade an Orten, die keine anderen wichtigen Branchen haben. Aber Wertschöpfung und Wohlstand sind das eine, Steuerung und verantwortungsvolles Management im Sinne der Lebensqualität das andere. Leider ist das in einigen Destinationen in den vergangenen Jahren sträflich vernachlässigt worden.
Ist das, was mit dem Tourismus erwirtschaftet wurde, vielleicht auch nicht richtig verteilt worden?
Das ist natürlich ein Problem. Airbnb schöpft die Renditen ab und leistet keinen erkennbaren Beitrag zur Entwicklung vor Ort. Die Frage ist immer: Wie bringen sich die Nutznießer – also Airbnb, die Reiseveranstalter und Airlines – vor Ort ein? Welche Beträge leisten sie konkret? Da gibt es kleine, feine Initiativen, aber da muss man sehr, sehr kritisch sein, weil einiges davon Greenwashing oder Socialwashing ist.
Bei den Protesten gegen Massentourismus wird häufig „Tourist go home“ gebrüllt oder auf Häuserwände geschmiert. Ist das die Lösung: zurück in die Zeit vor dem Tourismus?
Zurück in die Vergangenheit kann nie eine Lösung sein. Ein möglicher Ansatz könnte eine partizipative Destinationsentwicklung sein.
Was bedeutet das?
Es braucht einen Beteiligungsprozess: Alle Interessengruppen müssen an einen Tisch. Dazu gehören die Einheimischen und die Gäste, aber auch die Tourismuswirtschaft und die öffentliche Hand. Es gilt, einen Urlaubsort gemeinschaftlich im Sinne des Gemeinwohls zu entwickeln. Dazu gehört auch, dass man Grenzen festlegt – wie viele Unterkünfte es maximal geben soll, wie viele Touristen maximal kommen sollen und wie viel Wohnraum für die Einheimischen jährlich entstehen soll, um mögliche Beispiele zu nennen.
Haben Sie ein Beispiel für eine vorbildliche Stadt oder Region, wo das schon praktiziert wird?
Es gibt nicht die eine Blaupause. Auf der Insel Juist gab es zum Beispiel ein Gäste-Parlament. Naturns in Südtirol ist ein gutes Beispiel für partizipative Destinationsentwicklung. Dort hat man mit viel Aufwand das Projekt „Vision Naturns 2030 +“ auf den Weg gebracht. In Bad Tölz hat der Bürgermeister die Menschen über das künftige Markenleitbild der Stadt mitbestimmen lassen. Wir wissen aus Studien, dass die Akzeptanz deutlich höher ist, wenn Menschen nicht nur mitreden, sondern mitentscheiden können. Das heißt aber auch: mehr direkte Demokratie – und dafür muss die Politik offen sein.
Auf der anderen Seite kann die Lösung ja nicht sein, dass sich nur noch Reiche das Reisen leisten können oder?
Tourismus sollte keine Frage des Geldbeutels sein, ja. Aber wir müssen schon eine Diskussion über die Wertigkeit des Tourismus führen. In den 1980er-Jahren, als der Massentourismus aufkam, war klar: Es gibt eine Reise im Jahr. Darauf arbeitet man hin, darauf freut man sich das ganze Jahr. Heute verreisen wir vier-, fünfmal im Jahr – der Tourismus hat eine Entwertung erfahren. Also vielleicht lieber etwas weniger, etwas langsamer und dafür mit mehr Bewusstsein.
Also eher Thüringen statt Tunesien?
(lacht) Ich habe in einem früheren Interview mal gesagt: Auch mal Brandenburg statt Bali.
Das habe ich gelesen.
Natürlich, beide Ziele haben ihren Charme, Tunesien wie Thüringen. Es soll kein Oder sein, sondern gerne ein Und. In einem Jahr Thüringen und im nächsten Jahr dann Tunesien. Also das Reisen soll niemandem verboten werden. Ich wünsche mir einfach, dass uns wieder stärker bewusst wird, dass es keine Selbstverständlichkeit ist.

