Vizekanzler warnt vor „Verlustangst-Debatte“

„Toxischer Rat“: Deutliche Worte von Habeck wegen Kehrtwende beim Verbrenner-Aus

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Die CDU fordert die Rücknahme des Verbrenner-Aus. Habeck kritisiert: Solche Verlustangstdebatten aus Angst vor Veränderung seien Gift für die Wirtschaft.

Berlin – Eigentlich steht es, das von der EU geplante Verbrenner-Aus ab 2035. Ab dieser Deadline sollen dann keine klassischen Verbrennerfahrzeuge mehr zugelassen werden. Doch vor allem von FDP und CDU wird dieser Entschluss hinterfragt – sehr zum Leidwesen von Wirtschaftsminister Robert Habeck.

Der Vizekanzler warnt von einer „Verlustangstdebatte“, die in die falsche Richtung führe. Zuletzt hatte die am Donnerstag (18. Juli) in der zweiten Amtszeit bestätigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in den politischen Leitlinien einen Vorstoß für Ausnahmen für sogenannte E-Fuels gemacht.

Die CDU fordert die Rücknahme des Verbrenner-Aus. Habeck kritisiert: Solche Verlustangstdebatten aus Angst vor Veränderung seien Gift für die Wirtschaft.

„Toxischer Rat“: Habeck kritisiert CDU für Kehrtwende beim Verbrenner-Aus

Schon kurz vor der Europawahl blies die CDU zur Wende. Der Bundesvorsitzenden Friedrich Merz forderte, das ab 2035 geltende Verbot für neue Autos mit Verbrennungsmotoren zu kippen: „Dieses Verbot des Verbrenners muss rückgängig gemacht werden.“

Am Donnerstag (18. Juli) kündigte Ursula von der Leyen im Vorfeld der Wahl zur EU-Kommissionspräsidentin in ihren Politischen Leitlinien für die nächsten fünf Jahre an, Ausnahmen für sogenannte E-Fuels beim geplanten Verbrenner-Aus zu unterstützen.

Darin verspricht die CDU-Politikerin für den Fall ihrer Wiederwahl in den EU-Kommissions-Vorsitz einen Vorstoß für das Erreichen der Klimaneutralitätsziele 2035 – einen „technologieneutralen Ansatz, bei dem E-Fuels eine Rolle spielen können“. Sie spricht von einer „gezielten Änderung der Verordnung“ – sprich: einer Aufweichung des bereits beschlossenen Verbrenner-Aus durch Ausnahmen für E-Fuels.

„Angst vor Veränderung“: Vizekanzler Habeck kritisiert CDU-Verbrenner-Kehrtwende

Im Interview mit der Wirtschaftswoche kritisierte Vizekanzler Robert Habeck die von der CDU forcierte Kehrtwende: Die Autoindustrie sei ein gutes Beispiel für die Folgen einer „Verlustangstdebatte“. Habeck weiter: „Man hat Angst vor der Veränderung“. Und dann sagten Politiker, wie eben in der CDU, „bleiben wir doch lieber beim Altvertrauten, dem fossilen Verbrenner“.

Das wärmste je gemessene Jahr: Der klimapolitische Jahresrückblick

Hunderte Polizistinnen und Polizisten auf dem schlammigen Gelände in Lützerath. Im Hintergrund sind Wasserwerfer im Einsatz.
Warum werden im Jahr 2023, mitten in der Klimakrise, noch Dörfer für die Kohle abgebaggert? Das fragen sich im Januar Tausende Klima-Aktivist:innen im rheinischen Lützerath. In einem Baumhauscamp hatten sie sich zum Teil schon seit Jahren in Stellung gebracht, um Polizei und private Sicherheitskräfte des Energiekonzerns RWE an der Räumung zu hindern. Als es dann soweit ist, sorgen Wind und Regen für spektakuläre Bilder. Das Medienecho und die Empörung im Schlamm von Lützerath ist groß. Am Ende hilft es alles nichts: Der kleine Weiler am Rande des Braunkohlegrube wird abgerissen. Der Kohleausstieg im Rheinischen Revier soll nach Beschluss von Wirtschaftsminister Habeck mit der NRW-Landesregierung und RWE bis 2030 erfolgen. Im Osten der Republik steht das noch aus. Auch hier soll noch ein Dorf für einen Tagebau weichen. imago images © Marc John/Imago
Dutzende junge Menschen in orangenen Warnwesten sitzen auf einer breiten Straße, im Hintergrund stehen Polizistinnen und Polizisten.
Bekannt sind die sogenannten Klima-Kleberinnen und Kleber der „Letzten Generation“ ja eigentlich für, nun ja, eben genau das: Kleben auf der Straße. Das zeigt auch diese Massenbesetzung auf der Straße des 17. Juni in Berlin, allerdings ganz ohne Klebstoff. Die Protestierenden machen 2023 erneut klar: Wir verschwinden ebenso wenig wie die Klimakrise selbst. IMAGO images © A. Friedrichs/Imago
Zwei moderne Windräder vor blauem Himmel. Im Vordergrund ist ein Sonnenblumenfeld zu sehen.
Trotz Boom bei den Erneuerbaren ist die Bundesregierung in der Klimapolitik nach wie vor weit von ihren Zielen entfernt. Die Verkehrswende lässt auf sich warten, das Heizungsgesetz reicht nicht für eine Wärmewende. Das Oberverwaltungsgericht Berlin bestätigt, dass die Regierung gegen ihr eigenes Klimaschutzgesetz verstößt. Doch nicht mehr lange, denn sie hat dieses Jahr beschlossen, es zu entkernen. IMAGO images © Imago
Solarpanels an einer Hauswand, ein Strauch mit gelben Blüten im Vordergrund.
Selbst etwas gegen die Klimakrise tun und dabei auch noch langfristig Geld sparen? Balkon-Kraftwerke erleben 2023 eine Boom - und tragen zu einem schnellen Ausbau der Erneuerbaren bei: Das Ausbauziel für Photovoltaik ist schon Ende August erreicht. Über die Hälfte des Stromverbrauchs decken im Jahr 2023 die Erneuerbaren Energien. Bis 2030 sollen es mindestens 80 Prozent werden. IMAGO images © Robert Poorten/Imago
Ein Mann mit Helm schaut auf die Ruine eines Wohnhauses, das zur Hälfte in den Abgrund gestürzt ist.
Nach starkem Regen brechen in Libyen im September zwei Dämme in sich zusammen. Das Wasser überflutet ganze Städte - tausende Menschen sterben in den Fluten. Die Klimakrise hat die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses laut „World Weather Attribution“ um bis zu 50-fach erhöht, mit bis zu 50 Prozent mehr Regen in diesem Zeitraum. Allerdings sei das Ereignis auch im heutigen Klima äußerst ungewöhnlich. imago images © Imago
Drei Menschen betrachten den komplett ausgetrockneten Boden, der bereits große Risse zeigt.
Ein neues Jahr der Rekorde: 2023 ist das wärmste Jahr in Deutschland seit Beginn der Aufzeichnungen 1881. Davon geht der Deutsche Wetterdienst fünf Tage vor Ende des Kalenderjahres aus. 2023 ist auch global gesehen laut dem EU-Klimawandeldienst Copernicus das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Die große Hitze führte weltweit, wie hier in China, zur Dürre. IMAGO images © Imago
Ein Mann entreißt Klimaaktivistin Greta Thunberg (l.) im November auf einer Bühne in Amsterdam vor 85 000 Menschen das Mikrofon.
„Ich bin für eine Klimademonstration hierhergekommen, nicht, um politische Ansichten zu hören“: Ein Mann entreißt Klimaaktivistin Greta Thunberg (l.) im November auf einer Bühne in Amsterdam vor 85 000 Menschen das Mikrofon. Mit einseitig pro-palästinensischen Aussagen zum Nahostkrieg löst Thunberg eine Spaltung der Bewegung aus. Die deutsche Sektion von Fridays for Future distanziert sich vehement. IMAGO images © Imago
Sultan Al-Jaber, Vorsitzender der COP28 auf der Bühne der Konferenz.
Klimagipfel im Ölstaat: Die 28. UN-Klimakonferenz (COP28) findet ausgerechnet in Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten statt. Vorsitzender Sultan Al-Jaber ist auch der Chef des staatlichen Ölkonzerns Adnoc. Dennoch überrascht das Treffen mit Ergebnissen: Der Fonds für Verluste und Schäden wird beschlossen und die Abschlusserklärung enthält erstmals die „Abkehr von fossilen Brennstoffen“. IMAGO images © Imago

„Das ist ein toxischer Rat“: Habeck warnt vor mangelndem Mut zur Veränderung

„Das ist ein toxischer Rat“, warnt Habeck gegenüber dem Wirtschaftsmagazin. „Bei den Leuten bleibt hängen, dass jemand, der Kanzler werden möchte, sagt: halblang bei der E-Mobilität“. Die Konsequenzen für die Wirtschaft, erläuterte der Grünen-Politiker, erlebten wir schon jetzt: weniger Investition in Batterien und in die Produktion.

Die E-Mobilität-Branche brauche Planungssicherheit, die mit derzeit drei Milliarden Euro für die Umstellung, etwa für die Batteriezellfertigung und mit der neuen Wachstumsinitiative gegeben sei, die von der Koalition gestrichenen Kaufprämien seien kein Hemmschuh, denn die werde „von vielen Herstellern weiter als Rabatt gewährt.“

Habeck fordert Zuversicht: „Krisen gehen nicht am Land vorbei, wenn man sich ihnen nicht stellt“

Habeck im Interview weiter: „Die Krisen dieser Zeit gehen nicht am Land vorbei und werden die Menschen nicht weniger beuteln, wenn man sich ihnen nicht stellt“. Wichtig sei, dass die Menschen spüren, dass Erfolge einer Veränderungspolitik auch bei ihnen ankommen.

Ein Beispiel seien Balkonkraftwerke, die liefen „wie geschnitten Brot“, weil es eine Investition sei, „bei der Leute direkt sehen: Sie können selbst etwas tun und sie haben was davon“. Man könne natürlich keine zerrissene Gesellschaft mit Balkonkraftwerken zusammenschweißen, „aber sie sind eine Chiffre dafür, dass man von einer Veränderung profitieren kann“, so Habeck.

Rubriklistenbild: © Bernd von Jutrczenka/dpa

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