VonSandra Katheschließen
In Russland fehlt ein beträchtlicher Teil der bisherigen Ölexporte. Das ist eine Folge der erfolgreichen Angriffe auf die Öl-Infrastruktur des Landes.
Moskau – Im Ukraine-Krieg kommt es zuletzt immer häufiger zu Drohnenangriffen auf russische Öl-Raffinerien. Das bindet nicht nur Kräfte in den beschossenen Regionen und erinnert auch die russische Bevölkerung daran, dass ihr Land einen Krieg führt, sondern könnte langfristig auch Auswirkungen auf Russlands Wirtschaft haben. Der Grund: Trotz vieler Sanktionen hatte der Industriezweig die wirtschaftlichen Folgen des Kriegs für Russland und dessen Machthaber Wladimir Putin bislang abgemildert und den Krieg gegen die Ukraine weitgehend finanziert.
Dass sich das schnell ändern kann, zeigen allein die Zahlen weniger Wochen, über die die US-Zeitung Financial Times berichtet. 38 Raffinerien gibt es insgesamt, davon seien seit Anfang August 16 angegriffen worden – darunter auch eine der wichtigsten in Rjasan bei Moskau. Seit 2020 waren die offiziellen Exportzahlen für Diesel nicht so niedrig wie jetzt – zumindest auf Basis der Zahlen, die Cargotracking-Firmen wie OilX und Vortexa auf Basis ihrer Daten berechnet haben. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge hat das inzwischen auch Auswirkungen auf den globalen Ölkurs.
Ukraine-Strategie trifft Russlands Wirtschaft: Einsatz von Drohnen gegen russische Öl-Produktion
Die Angriffe der letzten Wochen hätten Russland rund eine Million Gallonen Raffineriekapazität gekostet, wie auch die Forschungsgruppe Energy Aspects berechnet hat. Dass die ukrainischen Streitkräfte vor diesem Hintergrund ihre Strategie weiterverfolgen und weitere Angriffe planen, wurde bereits von ersten Offiziellen des Landes bestätigt. Auch Branchenexperte Benedict George vom auf Rohstoffpreise spezialisierten Unternehmen Argus nennt die Angriffswelle auf Russlands Öl-Infrastruktur die „effektivste Kampagne“, die die Ukraine seit Beginn der russischen Angriffe überhaupt durchgeführt habe, wie die Financial Times zitiert.
Das bestätigt auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der gegenüber der US-Zeitung ankündigte, dass sein Land seine Drohnenproduktion weiter ankurbeln werde, um seine Strategie, gegen russische Ölinfrastruktur vorzugehen, zu intensivieren. Sein Ziel: Die Anzahl an Drohnen weiter zu steigern, um den Ölraffinerien zumindest im bislang erreichbaren Radius von immerhin über 1400 Kilometer noch mehr schaden zu können.
Exportverbot und Knappheit: Russische Behörden regieren auf drohende „Benzinkrise“
Vor diesem Hintergrund spricht auch die Neue Zürcher Zeitung von einer drohenden Benzinkrise, die infolge der Tatsache, dass Russland rund ein Fünftel seiner Raffineriekapazität verloren habe, den Preis des Kriegs „für Wirtschaft und Gesellschaft“ erhöhen könnte. Die Tagesschau wiederum berichtete, dass sich die Angriffe nicht nur auf die Exportzahlen auswirken würden, sondern auch in einigen russischen Regionen bereits für Benzinknappheit sorgen würden.
So gäbe es seitens der Behörden bereits seit einigen Wochen in einzelnen Regionen ein Benzinexportverbot, das womöglich bis in den Oktober verlängert werde. Nach mehreren Jahren, in denen Russland im Winter gezielt die kritische Infrastruktur der Ukraine ins Visier genommen und für zahlreiche Stromausfälle gesorgt hat, könnte in diesem Winter auch in Russland erstmals Ressourcenknappheit zum Problem werden. (Quellen: Financial Times, Tagesschau, NZZ) (saka)
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