Handel mit China

Zölle auf E-Autos, aber veränderte Handelsdynamiken: EU und China werden immer abhängiger voneinander

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Neuwagen des chinesischen Autoherstellers Byd stehen in einem Terminal in Bremerhaven. Beim Verkauf von E-Autos haben China und die USA europäische Hersteller abgehängt.
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Während die USA ihre Importe aus China reduzieren, steigen die Einfuhren der EU aus China. Dies deutet auf eine zunehmende Abhängigkeit hin, die sich auch in der steigenden Bedeutung chinesischer Vorleistungen zeigt.

Die EU-Staaten planen, Zölle auf importierte Elektroautos aus China zu erheben. Damit folgen sie dem Beispiel der USA, die ähnliche Zölle bereits beschlossen hatten. Sowohl Washington wie auch Brüssel setzen damit ihre Strategie einer schrittweisen Entkopplung um, um sich von Peking unabhängiger zu machen. Den USA ist dabei recht erfolgreich, die EU dagegen kauft immer mehr in China ein.

Im Zuge der Handelskonflikte warnen Fachleute seit Monaten vor einer „Deglobalisierung“, also vor einem Abbau der weltweiten Lieferketten. Ihr Anhaltspunkt: Seit 15 Jahren wächst der Welthandel langsamer als die Weltwirtschaft. Dies jedoch deutet laut Commerzbank weniger auf eine allgemeine Deglobalisierung hin, sondern resultiert vor allem aus Entwicklungen in China. Denn das Land stärkt seinen Binnenmarkt, wodurch die Nachfrage nach inländischen Waren schneller wächst als die nach ausländischen. Zudem ersetze die chinesische Produktion zunehmend ausländische Zwischen- und Kapitalgüter durch Waren aus heimischer Herstellung. „Im Jahr 2005 bestanden die aus China ausgeführten Waren zu etwa einem Viertel aus ausländischer Wertschöpfung“, erklärt die Commerzbank. „Dieser Anteil ist innerhalb von 15 Jahren auf 16 Prozent gefallen.“

Güterströme verändern sich

Im Ergebnis sinkt der Außenhandel Chinas in Relation zu seiner Wirtschaftsleistung bereits seit 2007. Und da Chinas Wirtschaft so groß ist, hat dies Auswirkungen auf den gesamten Welthandel. Klammere man China aus, so die Commerzbank, dann sei keine Deglobalisierung mehr erkennbar. Stattdessen entwickele sich der Anteil des Warenhandels an der Weltwirtschaft seitwärts – die Globalisierung stagniert.

Gleichzeitig allerdings verschieben sich Güterströme und Handelsverbindungen zwischen den einzelnen Blöcken. Die Vereinigten Staaten erreichen ihre Ziele im Zollkrieg, sie importieren inzwischen 20 Prozent weniger Waren aus China als vor vier Jahren. Von der Verdrängung der Chinesen vom US-Markt profitieren Exporteure vor allem aus Europa und Mexiko, deren USA-Geschäft floriert. Auf der anderen Seite exportiert China weniger in die USA und dafür mehr nach Europa und den Rest der Welt. „Diese Verschiebung der Handelsströme ist allerdings nur deshalb möglich, weil auf anderen Handelskorridoren noch keine Handelskonflikte ausgebrochen sind“, erklärt die Commerzbank. Die E-Auto-Zölle der EU könnten hier eine neue Entwicklung einleiten.

China produziert selbst

Auch der europäische Außenhandel verändert sich: Seit 2019 sind die europäischen Exporte nach China gesunken. Das bekommt gerade Deutschland zu spüren. Jahrzehntelang stiegen seine Ausfuhren in das Reich der Mitte, doch in den vergangenen zwei Jahren hat der Trend gedreht, die China-Exporte sind von 120 Milliarden Dollar 2021 auf 105 Milliarden Dollar 2023 geschrumpft. Nicht nur der Wert der nach China exportierten Güter sinkt, auch deren Anteil an den deutschen Exporten. Die Gründe dafür sind erstens, dass deutsche Unternehmen vermehrt in China produzieren und zweitens, dass China inzwischen viele der früher aus Deutschland bezogenen Waren nun selbst herstellt. Zum Beispiel Autos.

Bei den Exporten ist also eine schrittweise Entkopplung des Westens von China zu erkennen. Anders bei den Importen: Während die USA weniger im Reich der Mitte kaufen und dieser Trend weiter nach unten deutet, „sind die EU und China immer stärker aufeinander angewiesen“, so das Peterson Institute (PIIE) in Washington. Tatsächlich wuchsen die Einfuhren der EU aus China zwischen 2019 und 2023 um elf Prozent. Auch die Abhängigkeit von chinesischen Vorleistungen scheint in diesem Zeitraum zugenommen zu haben. „So ist das Verhältnis von Vorleistungsgütern, die Deutschland aus China importiert, gemessen an der Produktionsmenge Deutschlands von vier Prozent auf knapp sechs Prozent gestiegen“, errechnet die Commerzbank. Diese Entwicklung sei in fast allen Volkswirtschaften der Welt zu beobachten – besonders in Afrika.

„Obwohl die Regierung von Joe Biden versucht, die Europäische Union davon zu überzeugen, sich von China unabhängiger zu machen, findet das Gegenteil davon statt“, kritisiert die US-Denkfabrik PIIE. Damit gingen die wirtschaftlichen Interessen der USA und der EU zunehmend auseinander. „Und das wird es schwieriger für beide machen, eine gemeinsame Strategie gegenüber Peking zu entwickeln.“

Von Stephan Kaufmann

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