VonRobert Schwarzschließen
Arbeitsplatzabbau betrifft nicht nur die drei Standorte in der Region. Dort fallen allein in diesem Jahr 240 Stellen weg. Kritik gibt es von IG Metall und Betriebsrat.
Ellwangen
Nach Jahren des Wachstums sind Umsatz und Gewinn der Varta AG zuletzt zurückgegangen, der neue Vorstand um seinen Vorsitzenden Dr. Marcus Hackstein hat unter anderem ein Sparprogramm angekündigt. Nun ist klar: An den drei regionalen Standorten Ellwangen, Nördlingen und Dischingen fallen in diesem Jahr 240 Stellen weg. Der Stellenabbau betrifft laut Varta alle Bereiche des Unternehmens. Derzeit beschäftigt die Varta AG weltweit rund 4700 Mitarbeitende. Über alle weltweiten Standorte hinweg fallen sogar 800 Stellen weg.
Mehr als 400 davon entfallen laut Varta durch das Ende befristeter Verträge, durch Fluktuation und durch Abbau an internationalen Standorten. Rund 390 Stellen sollen in Deutschland in den kommenden zwei Jahren abgebaut werden. Für 2023 belaufen sich die Stellenstreichungen auf rund 240, im Jahr 2024 sollen weitere rund 150 Arbeitsplätze an internationale Standorte der AG verlagert werden.
Bereits im März hatte das Unternehmen angekündigt, ein Restrukturierungsprogramm umzusetzen. Das Ziel: auf den Wachstumskurs der vergangenen Jahre zurückkehren. Dazu gehört auch ein Stellenabbau. „Wir sind uns unserer Verantwortung gegenüber unseren Beschäftigten und der Region bewusst und nehmen diese, besonders in der derzeitigen wirtschaftlich unsicheren Phase, sehr ernst“, erklärt Vorstandschef Hackstein. „Dabei haben wir den klaren Anspruch, die Vorgaben des Restrukturierungsplans so zu gestalten, dass wir die Zukunft unseres Unternehmens absichern und gleichzeitig möglichst viele Arbeitsplätze erhalten können.“
Betriebsrat: "Arbeitgeber soll endlich Rede und Antwort stehen."
IG Metall und dem Betriebsrat haben auf die Pläne des Stellenabbaus reagiert: „Die Ankündigung eines solch massiven Stellenabbaus löst bei den Beschäftigten und in der Region zurecht große Besorgnis aus. Wir sind in engem Austausch mit den Betriebsräten und unseren IG Metall-Kolleginnen und -Kollegen der betroffenen Standorte", erklärt Tamara Hübner, 1. Bevollmächtigte der IG Metall Aalen. Sie fordert von dem Unternehmen: "Wir erwarten von der Arbeitgeberseite nicht nur eine aktuelle Übersicht der Vorhaben, sondern auch eine konkrete Darlegung der Zukunftsperspektive. Fakt ist: Zukunft geht nur mit den Beschäftigten und im konstruktiven Dialog mit den Arbeitnehmervertretungen und der IG Metall.“
Der Betriebsrat berichtet von Besorgnis in der Belegschaft: „Die Kolleginnen und Kollegen sind zutiefst beunruhigt. Wir erhoffen uns alle zeitnah klare Antworten von Seiten der Geschäftsleitung. Als Betriebsräte der einzelnen Standorte stehen wir in dieser schwierigen Situation eng zusammen", erläutert Monika Schimmele, Betriebsratsvorsitzende der VartaConsumer Batteries.
Fabian Fink ist als Gewerkschaftssekretär für die beiden Varta-Betriebe in Ellwangen zuständig. Er fügt hinzu: „Wir fordern den Arbeitgeber dazu auf, bei den diese Woche anlaufenden Betriebsversammlungen dem Betriebsrat und den Beschäftigten endlich Rede und Antwort zu stehen und detaillierte Informationen über den geplanten Stellenabbau und die weiteren Planungen offenzulegen. Gemeinsam mit unseren IG Metall-Mitgliedern über alle Standorte werden wir in die notwendigen Aktionen treten.“
Neben dem geplanten Stellenabbau hat sich Varta über die Börse und eine Kapitalerhöhung frisches Kapital in Höhe von 51 Millionen Euro besorgt, um den Umbau zu finanzieren und in wachsende Geschäftsbereiche wie Energiespeichersysteme zu investieren. Gezeichnet wurden die Aktien ausschließlich von Varta-Großaktionär Montana Tech, dem Unternehmen des österreichischen Unternehmers Michael Tojner.
Vor allem der Umsatz- und Gewinneinbruch im lange boomenden Geschäftsbereich der sogenannten Coin-Power-Zellen, wie sie etwa in drahtlosen Kopfhörern verbaut werden, macht der Varta zu schaffen. Der Umsatz des größten Unternehmensbereichs ist in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2022 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um ein Viertel auf 274 Millionen Euro gesunken. Das operative Ergebnis Ebitda brach um 64 Prozent auf 50,4 Millionen Euro ein. „Die aktuelle kriegerische Lage in der Ukraine, die hierdurch entstehenden Kostensteigerungen bei den Rohstoff- und Energiepreisen, die zeitweisen Produktionsunterbrechungen bedingt durch die andauernde Pandemie und die Verknappung der Halbleiter führt bei unseren Kunden zu Produktions- und Nachfrageausfällen und in der Folge auch zu einer verringerten Nachfrage nach unseren Batterien“, konstatiert Varta im Quartalsbericht. Die Zahlen des kompletten Geschäftsjahres liegen noch nicht vor. Allerdings dürfte sich der negative Trend fortgesetzt haben.
Zudem musste Varta mit den finanzierenden Banken Gespräche führen, um die Finanzierung der kommenden Jahre zu sichern. Vor einigen Wochen einigte sich Varta sowohl mit den finanzierenden Banken als auch dem Mehrheitsaktionär auf ein weitreichendes Restrukturierungskonzept. Dieses sieht eine Verlängerung der Finanzierung bis 31. Dezember 2026 sowie Änderungen der Kreditbedingungen vor. „Wir sind sehr zufrieden mit der schnellen Einigung mit den Banken über das vorgestellte Restrukturierungskonzept. Das ist ein ganz entscheidender Schritt in Richtung Zukunft der Varta AG“, kommentierte Hackstein die Einigung vor einigen Wochen. „Mit den umfassenden Maßnahmen können wir das Unternehmen zurück auf den Erfolgskurs bringen und wieder profitabel werden.“
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