Varta plant Kapitalschnitt: Porsche soll Batteriehersteller retten, Aktionäre gehen leer aus

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Die Varta-Aktie steht im Fokus
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News zur Varta AG im Ticker: Sanierung im StaRUG-Verfahren soll den Batteriehersteller in Ellwangen von seiner Schuldenlast befreien – Gewerkschaft: Arbeitnehmer müssen mitreden.

Ellwangen. Alle Neuigkeiten zur Varta AG im Ticker: 

Montag, 16.59 Uhr: Die Anzeige der Varta AG zum vorinsolvenzlichen Sanierungsverfahren (StaRUG-Verfahren) ist beim Amtsgericht Stuttgart eingegangen. Das bestätigte das Gericht gegenüber der Deutschen Presseagentur. Zum Zeitplan hilft ein Blick auf ein entsprechendes Verfahren beim Modekonzern Gerry Weber. Das Vorhaben wurde am 19. April 2023 beim zuständigen Amtsgericht angezeigt. Am 18. August wurde der Restrukturierungsplan mit den nötigen Mehrheiten angenommen. Die rechtskräftige Bestätigung erfolgte am 25. Oktober des vergangenen Jahres.

Montag, 11.08 Uhr: Die Gewerkschaft IG Metall fordert, unverzüglich Vertreterinnen und Vertreter der Arbeitnehmerseite in den Prozess einzubeziehen. "Bislang liegen uns und dem Betriebsrat keine tiefer gehenden Informationen vor", kritisiert Tamara Hübner, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Aalen: "Wichtig bei dem Prozess ist, dass die Arbeitsplätze am Standort erhalten bleiben und dass endlich Sicherheit einkehrt. Derzeit ist die Unsicherheit in der Belegschaft enorm groß", so die Gewerkschafterin.

Montag, 10.49 Uhr: Könnte Ellwangens Jobmarkt einen größeren Stellenabbau bei Varta verkraften? Eine Analyse vom Mai dieses Jahres.

Montag, 10.36 Uhr: Zum Börsenstart ist der Kurs der Varta-Aktie massiv eingebrochen. Das Papier notierte zunächst bei knapp über 2 Euro und damit mit 77 Prozent Verlust. Die Plattform Tradegate setzte den Handel zeitweise aus. Aktuell notiert das Papier bei 3,31 Euro.

Montag, 10.32 Uhr: Die Varta vor der Insolvenz: die Folgen für Ellwangen wären eine Katastrophe, das Unternehmen hat in Ellwangen 1200 Beschäftigte. Einen Kommentar von Gerhard Königer lesen Sie hier.

Die einzige Möglichkeit, das Unternehmen zu retten?

Montag, 9.58 Uhr: In einer aktuellen Pressemitteilung betont Michael Tojner, CEO der Montana Tech Components AG und Aufsichtsratsvorsitzender der VARTA AG, dass die Entscheidung für ein Sanierungsverfahren nach StaRUG (Unternehmensstabilisierungs- und -restrukturierungsgesetz) die einzige Möglichkeit sei, dem Unternehmen eine positive Perspektive zu geben. „Gemeinsam mit dem Management wurden alle Alternativen abgewogen, die Entscheidung ist keinem leichtgefallen. Auch alle Gutachten und Berechnungen sind zu diesem Ergebnis gekommen“, so Mehrheitseigentümer Michael Tojner. Das wichtigste Ziel sei es gewesen, die Schuldenlast der VARTA zu reduzieren und damit zugleich den Bewegungsspielraum für eine positive Geschäftsentwicklung zu vergrößern. Um neue Marktfelder zu erschließen und die laufende Geschäftstätigkeit zu stabilisieren reiche die Versorgung des Unternehmens mit zusätzlichem Kapital nicht aus. „Zuerst muss das Grundproblem der Verschuldung behoben werden. Diese Entscheidung ist mir harten Einschnitten verbunden – auch ich verliere im Zuge der nun gestarteten Sanierung den gesamten Aktienwert“, so Tojner, der den Weg jedoch aus Überzeugung mitträgt. „Wir müssen diesen Schritt setzen, um VARTA eine Zukunft zu geben, fast 4.000 Arbeitsplätze zu sichern und das Unternehmen als Wirtschaftsfaktor in der Region und vor allem als Technologieträger für Europa zu erhalten“, so Tojner.

Sonntag (21.7.), 23.07 Uhr: Die ad-hoc-Pressemitteilung geht am Sonntagabend (21.7.) kurz vor der Tagesschau raus und beinhaltet gewaltigen Sprengstoff, der die Aktie der Varta-AG am Montagfrüh enorm unter Druck setzen dürfte: "Die VARTA AG hat heute entschieden, kurzfristig beim zuständigen Amtsgericht Stuttgart die Durchführung eines Restrukturierungsvorhabens nach dem Unternehmensstabilisierungs- und -restrukturierungsgesetz (kurz: StaRUG) anzuzeigen." So beginnt die Medieninformation, die kurz darauf in den Medien Schlagzeilen auslöst wie "Schock am Sonntag: Varta plant Neuaufstellung mit StaRUG‑Verfahren – Aktionären droht Totalverlust"(Der Aktionär) und "Batteriehersteller in Not Varta will sich auf Kosten der Aktionäre radikal sanieren" (Rheinische Post).

Das Unternehmen selbst formuliert eher positiv und spricht von "konstruktiv verlaufenden Verhandlungen mit Finanzgläubigern und möglichen Investoren" über einen Kapitalschnitt, der die Varta AG von ihrer drückenden Schuldenlast befreien soll. Die Süddeutsche Zeitung schreibt davon, dass den Batteriehersteller eine halbe Milliarde Schulden drücken. Nur wenn diese Schuldenlast weg wäre, können neue Investitionen das Unternehmen wieder in die Erfolgsspur bringen. Österreichische Medien (Kleine Zeitung, Steiermark) schreiben, dass 100 Millionen Euro neues Geld nötig wären. Offenbar sind Toyner und Porsche bereit für ein großes Investment.

Was ist das StaRUG-Verfahren?

Das entsprechende Gesetz, das am 1. Januar 2021, in Kraft getreten ist, ermöglicht von Zahlungsunfähigkeit bedrohten Unternehmen eine Sanierung ohne Insolvenz anzumelden. Auf Antrag und unter Einbeziehung der Gläubiger kann ein Restrukturierungsplan aufgesetzt werden, ohne dass die Aktionäre zustimmen. Das Unternehmen will auf diesem Weg die Schulden loswerden, die offenbar dem Einstieg von Porsche im Weg stehen. Jedenfalls heißt es in der Pressemitteilung "Unter den möglichen neuen Investoren sind unter anderem eine vom derzeitigen mittelbaren Mehrheitsaktionär der Gesellschaft Dr. Tojner kontrollierte Gesellschaft, die Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG sowie weitere interessierte Parteien."

Droht Aktionären der Totalverlust?

In Ellwangen befindet sich die Zentrale der Varta AG.

Wie die Varta weiter schreibt, seien derzeit noch zwei unterschiedliche Vorschläge für ein Restrukturierungsvorhaben auf dem Tisch: "Beide Vorschläge sehen eine vereinfachte Herabsetzung des Grundkapitals der Gesellschaft auf 0 Euro verbunden mit einer anschließenden Kapitalerhöhung mit Bezugsrechtsausschluss und unter Ausgabe neuer Aktien vor. Dies würde zu einem kompensationslosen Ausscheiden der derzeitigen Aktionäre aus der Gesellschaft und zu einem Erlöschen der Börsennotierung der Aktien der VARTA AG führen. Zudem ist jeweils ein erheblicher Schuldenschnitt in Bezug auf bestimmte Gläubigergruppen sowie die Stundung von verbleibenden Forderungen vorgesehen."

Zuletzt hatten die Aktionäre nach Meldungen, Porsche wolle bei Varta einsteigen, Anfang Juli wieder Hoffnung gefasst. Am Freitag ging die Varta-Aktie mit 10,32 Euro aus dem Handel.

Unternehmensverlust in kritischer Höhe

Das StaRUG-Verfahren ermöglicht diese Vorgehensweise ohne Zustimmung der Aktionäre. Trotzdem soll kurzfristig eine Hauptversammlung nach Paragraf 92 Aktiengesetz einberufen werden. Der Vorstand werde vorsorglich einen Verlust in Höhe von mehr als der Hälfte des Grundkapitals anzeigen, da "ohne Umsetzung der Restrukturierungsvorhaben Verluste entstünden, die das Grundkapital der VARTA AG aufbrauchen."

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