Experte ist skeptisch

„Verbrauchern kaum zuzumuten“: Neue Gaskraftwerke könnten Strom teurer machen

Wasserstoff als Klimaretter: Grünen-Wirtschaftsminister Habeck setzte auf saubere Industrie und Gaskraftwerke. Nun gibt es Schwierigkeiten.

Das Prinzip kennen viele als Knallgasprobe aus Schulzeiten: Mit Strom aus Wind und Sonne sollten nach dem Willen des früheren Wirtschaftsministers Robert Habeck (Grüne) Elektrolyseure Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff spalten und so „grünen Wasserstoff“ herstellen. CO₂-frei sollte er moderne Hochöfen antreiben, in der Chemieindustrie eingesetzt werden und in Kraftwerken Strom erzeugen, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint.

Denkaufgaben für Kanzler Merz: Baustelle für ein neues „H2-ready“ Gaskraftwerk in Schwarze Pumpe (Foto aus dem April 2024).

Was nach einer guten Idee klingt, stieß in der Wirklichkeit auf einige Probleme: Weder produziert Deutschland genug des teuer herzustellenden Wasserstoffs, noch gab es genug Nachfrage nach dem Zaubermittel der Energiewende. Unternehmen wie RWE und Eon, die sich lange begeistert von den Chancen des grünen Wasserstoffs zeigten, gaben schon im vergangenen Jahr mehrere angekündigte Projekte auf.

Experte hat nichts gegen neue Gaskraftwerke – doch es gibt Widerspruch

Der Stahlhersteller ArcelorMittal stieg im Juni, kurz bevor Fördergelder in Höhe von 1,3 Milliarden Euro fließen sollten, aus der grünen Stahlherstellung aus. Auch bei ThyssenKrupp in Duisburg, dessen grüner Hochofen mit zwei Milliarden Euro vom Land NRW und der Bundesregierung gefördert werden soll, ist man mittlerweile skeptischer geworden. Und nun glaubt auch Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) nicht mehr daran, dass grüner Wasserstoff in nächster Zeit bei der Energiewende eine große Rolle spielen wird.

Der von ihrem Ministerium veröffentlichte Monitoringbericht zur Energiewende spricht sich dafür aus, auch Wasserstoff zu verwenden, der aus Erdgas gewonnen wird. „Es macht Sinn, wenn die Bundesregierung beim Hochlauf des Wasserstoffs nicht nur auf grünen Wasserstoff setzt, sondern auch die Nutzung von CO₂-armem Wasserstoff ermöglichen will“, sagt Andreas Löschel, Leiter des Lehrstuhls für Umwelt-/Ressourcenökonomik und Nachhaltigkeit an der Ruhr-Universität Bochum und Leitautor des Weltklimarats.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Es sei vernünftig, den Hochlauf niedrigschwelliger anzugehen und die Regulierung erst hochzufahren, wenn Wasserstoff etablierter sei. „Die nun diskutierte Variante, Wasserstoff aus Erdgas in Kombination mit CCS herzustellen, ist absehbar eine deutlich günstigere Option als grüner Wasserstoff. Vor allem im Moment, wo der Gaspreis niedrig ist.“ CCS ist ein Verfahren, bei dem Gas das CO₂ entzogen und später dauerhaft unter der Erde gespeichert wird. Es sei richtig, jetzt wegen der Versorgungssicherheit neue Gaskraftwerke zu bauen. „Die perspektivische Umstellung auf Wasserstoff ist wegen des Klimaschutzes wichtig, dürfte aber in jedem Fall wohl erst gegen Ende des kommenden Jahrzehnts gelingen.“ Technisch sei es nach Ansicht vieler Experten ein kleineres Problem, die neuen Gaskraftwerke später entsprechend umzurüsten.

Nicht überzeugt von Reiches Plänen ist Manuel Frondel, Leiter des Bereichs „Umwelt und Ressourcen“ beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen: „Schon der Bau und Betrieb neuer Erdgaskraftwerke ist für Staat und Verbraucher sehr teuer. Wenn zusätzlich noch CO₂-Abscheidung und -Speicherung bezahlt werden müssen, steigen die Stromkosten weiter. Das ist den Verbrauchern kaum zuzumuten.“

„Verbrauchern kaum zuzumuten“: Neue Gaskraftwerke werden zum Kostenschock

Es gäbe durchaus Hoffnung, dass eine weniger rigide Wasserstoffpolitik neue Investitionen anstößt. Sollte auch kohlenstoffarm hergestellter Wasserstoff erlaubt sein, statt allein grüner Wasserstoff, könnten Unternehmen eher auf wasserstoffbasierte Produktionsprozesse setzen. „Trotzdem sind auch die Herstellungskosten von kohlenstoffarmem Wasserstoff sehr hoch. Deshalb ist ein echter Wasserstoffboom nicht zu erwarten.“ Begeisterung für Wasserstoff gäbe es bisher vor allem in Reden und Ankündigungen, weniger in der Realität. „Die Energiewende ist extrem teuer und hat die Industrie in Deutschland bereits stark geschwächt.“ Von ‚schleichender Deindustrialisierung‘ zu sprechen, sei eigentlich noch verharmlosend. Um weitere Verluste zu verhindern, müssen die künftigen Energiekosten deutlich gebremst werden.“

Sowohl Löschel als auch Frondel setzen darauf, dass Deutschland Wasserstoff aus dem Ausland importieren wird, da die Produktion in Deutschland wegen der hohen Energiepreise zu teuer ist. Doch auch dabei gibt es aus Sicht von Andreas Löschel ein entscheidendes Problem: Es seien erst einmal Investitionen nötig, um die Produktionskapazitäten im Ausland  aufzubauen: „Weltweit wurden viele Projekte diskutiert und auch angekündigt, doch gebaut wird tatsächlich wenig bis nichts. Das wird sich erst ändern, wenn Länder wie Deutschland eine verlässliche  Perspektive bieten.“ Niemand gäbe Geld für die Herstellung von Wasserstoff aus, wenn die Unsicherheiten zu groß sind. (Quellen: eigene Recherche)

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