VonNina Luttmerschließen
Viele Apothekerinnen und Apotheker in Deutschland sind vor dem Krieg in Syrien geflohen und haben sich hier ihre Approbation erarbeitet. Das schafft eine Lebensperspektive - und hilft einem System, das händeringend nach Fachpersonal sucht.
Frankfurt – Wenn man ganz genau hinhört und sich wirklich konzentriert, dann hört man: Nichts. Überhaupt keinen Akzent, kein falsch ausgesprochenes Wort. Somar Hanna spricht perfektes und sehr eloquentes Deutsch – dabei kannte er noch vor zehn Jahren nur wenige Worte der Sprache.
Hanna kommt aus der Stadt Homs in Syrien, seit 2013 lebt er in Deutschland. „Als ich in der zehnten Klasse war, fing der Krieg in Syrien an“, sagt er. „Nach dem Abitur wollte ich dann raus aus dem Land. Ich hatte einen Onkel in Deutschland und wusste: Dort ist ein Studium für mich finanzierbar, in den USA etwa wäre es viel zu teuer gewesen.“
Somar Hanna hat in Bonn Pharmazie studiert
Hanna studiert in Bonn Pharmazie, eigenfinanziert, Bafög bekommt er nicht. Im Jahr 2021 erhält er seine Approbation als Apotheker. Heute arbeitet er beim Pharmakonzern Pfizer in Freiburg als Produktionsapotheker, an Wochenenden zusätzlich in einer öffentlichen Apotheke.
Damit ist er einer von sehr vielen syrischstämmigen Menschen, die in Deutschland als Apothekerinnen und Apotheker arbeiten. Genaue Zahlen, wie viele es sind, gibt es nicht. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass Syrerinnen und Syrer inzwischen die größte ausländische Gruppe in diesem Beruf sind.
Wie übrigens auch bei den Ärztinnen und Ärzten, für die es genauere Zahlen gibt: Laut Bundesärztekammer waren Ende 2022 mehr als 5600 Ärztinnen und Ärzte mit syrischer Staatsangehörigkeit in Deutschland gemeldet – 2008 waren es gerade mal rund 700. Davon waren im vergangenen Jahr mehr als 5300 auch in diesem Beruf tätig. Der Anteil der syrischen Ärztinnen und Ärzte an allen in Deutschland berufstätigen ausländischen Ärztinnen und Ärzten betrug damit 8,9 Prozent.
Aus keinem Land kommen mehr Anwärter für den Apothekerberuf in Deutschland
Bei den Apotheker:innen fehlen zwar diese genauen Zahlen. Aber es gibt Anhaltspunkte. Laut der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (Abda) nahmen im Jahr 2022 insgesamt 984 ausländische Apothekerinnen und Apotheker aus 68 Ländern an der Fachsprachenprüfung teil – die muss man bestehen, um in Deutschland die Kenntnisprüfung ablegen zu können und anschließend die Approbation zu erhalten. 274 – also 27,8 Prozent – davon waren Syrerinnen und Syrer, aus keinem anderen Land gab es mehr Kandidatinnen und Kandidaten.
Auch in den Vorjahren war das so. Im Jahr 2020 etwa gab es 792 Kandidat:innen, davon kamen 319 – also sogar mehr als 40 Prozent – aus Syrien. Im Jahr 2018 kamen 410 Prüfungskandidat:innen aus dem arabischen Land, Rekord. In manchen Jahren sind es mehr syrische Frauen als Männer, die die Prüfung ablegen, in anderen Jahren ist es andersherum. Und dabei werden nur diejenigen Menschen in dieser Statistik gezählt, die die syrische Staatsangehörigkeit haben.
Mais Moheb etwa weiß nicht, ob sie in diesen Zahlen auftaucht. Denn sie hat seit einigen Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit – auf die Somar Hanna weiterhin wartet. Die 37-Jährige kommt ursprünglich aus Aleppo, dort studierte sie Pharmazie und machte anschließend einen Master in Biomedizintechnik, unterrichtete dann als Dozentin an der Universität Aleppo und arbeitete in der Pharmaindustrie. Im Jahr 2011 eröffnete sie ihre eigene Apotheke in Aleppo. „Doch dann begann der Krieg, Aleppo wurde bombardiert“, sagt sie.
Das Fachliche ist kein Problem. Nur die fremde Sprache ist schwierig
Mit ihrem Mann – der ebenfalls Apotheker ist – floh sie zunächst nach Jordanien, sie arbeiteten in Apotheken. Dann hörten sie, dass sie in Deutschland die Approbation erhalten können. Denn seit April 2012 sind die Möglichkeiten zur Anerkennung von im Ausland erworbener Berufsqualifikationen in Deutschland erheblich besser geworden.
„Wir haben dann im Goethe Institut in Amman Deutsch gelernt und dann 2015 über die Botschaft ein Visum beantragt. Nach drei Wochen war das da, damals ging das noch schnell – es war kurz vor der großen Flüchtlingswelle“, sagt Moheb. Sie landete im Sauerland, machte ein Praktikum in einer Apotheke. „Die größte Herausforderung war es, Pharmazie auf Deutsch zu lernen. Und natürlich musste ich mich an das neue Lebensumfeld gewöhnen“, erinnert sie sich.
Ob das Fachliche ein Problem war? „Nein, überhaupt nicht. Das Pharmazie-Studium in Syrien ist sehr gut. Nur die fremde Sprache fand ich hier schwierig.“ Sie machte die Fachsprachprüfung, war dann sogenannte Apothekerin unter Aufsicht, dann kam die Kenntnisprüfung, zwischendurch bekam sie noch ihr erstes Kind – und 2018, zweieinhalb Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland, erhielt Moheb ihre Approbation. Heute arbeitet sie in Teilzeit in einer Apotheke in Wadersloh in Nordrhein-Westfalen, ihr Mann ist Filialleiter einer anderen Apotheke.
Die Apothekerinnen und Apotheker in Syrien haben bei der Beratung viel mehr Entscheidungsraum
Arbeitet es sich anders in einer Apotheke in Deutschland als in Syrien? „In Deutschland gibt es viel mehr Regeln. Etwa durch die Rabattverträge mit den Krankenkassen ist ja genau vorgeschrieben, welche Medikamente wir an wen abgeben dürfen. Das gibt es in Syrien nicht. Apotheker haben dort mehr Freiheiten“, sagt Moheb. Die Apothekerinnen und Apotheker in Syrien hätten hinsichtlich der Beratung viel mehr Entscheidungsraum, erzählt auch Hanna. Da die meisten Menschen in Syrien nicht krankenversichert sind – also nicht so leicht zum Arzt gehen können -, wird diese Beratung auch benötigt. Selbstständigkeit sei für Apotheker in Syrien das Ziel, angestellte Apotheker seien unüblich, berichtet Moheb.
Moheb und Hanna sind beide in der Syrischen Gesellschaft für Ärzte und Apotheker in Deutschland (SyGAAD e.V.) organisiert, Hanna ist Mitglied im Vorstand. Die Gesellschaft gibt es seit Ende 2020, derzeit hat sie über 400 aktive Mitglieder. Sie ist entstanden aus einer Facebook-Gruppe, die sich 2009 gründete und aktuell mehr als 60.000 Mitglieder hat. Ärztinnen und Ärzte aller Fachrichtungen und Apotheker:innen, anfangs aus Syrien, dann auch aus anderen arabisch sprachigen Ländern, tauschen sich hier unter anderem über die Arbeitsbedingungen und die Rechtslage in Deutschland aus.
Moheb hat gemeinsam mit ihrem Mann und drei Kollegen ein Buch auf Arabisch geschrieben, das über den neuen Verein SyGAAD bezogen werden kann: „Dein Ratgeber für die deutsche Approbation als Apotheker.“ Es soll helfen, den Berufseinstieg schneller hinzubekommen. „Die wichtigste Aufgabe des Vereins ist, uns besser zu vernetzen“, sagt Hanna. Zudem hat die Gesellschaft auch das Ziel, den Erfahrungsaustausch sowie die Unterstützung der Mitglieder zu fördern.
„Migranten wird es unnötig schwer gemacht, hier zu arbeiten“, sagt Hanna.
Der Verein helfe auch noch in Syrien lebenden Apotheker:innen, nach Deutschland zu kommen. Das sei oft viel zu aufwendig und bürokratisch, sagt Hanna. „Viele Apotheken in Deutschland müssen schließen, weil sie keine Nachfolger finden. Aber Migranten wird es unnötig schwer gemacht, hier zu arbeiten“, beklagt er. „Dabei sind sie eine große Bereicherung für das Gesundheitswesen. Man sollte doch nicht nur auf Grammatikfehler schauen, die sie vielleicht machen – sondern darauf, was sie fachlich können“, sagt er, der selbst überhaupt keine grammatikalischen Fehler mehr macht.
Tatsächlich schrumpft die Zahl der Apotheken in Deutschland schnell. 17.733 waren es Ende September bundesweit noch – ein Jahr zuvor noch mehr als 18.000, im Jahr 2005 noch weit über 21.000. Die Apotheker:innen geben eine unzureichende Vergütung, Lieferengpässe bei Medikamenten, aber eben auch Personalmangel als Gründe für Schließungen an.
In einer Umfrage der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände sagten im vergangenen Jahr mehr als 71 Prozent der befragten Apotheker:innen, dass sie in den nächsten zwei bis drei Jahren pharmazeutisches Personal einstellen wollen. Nur woher soll das angesichts des Fachkräftemangels in allen Branchen kommen?
„Es wollen immer noch viele Apotheker aus Syrien hierher kommen“, sagt Moheb. „Das ist doch auch eine Chance für Deutschland.“ Sie möchte mit ihrem Mann in Deutschland bleiben. „Wir fühlen uns sehr wohl und sicher. Das ist es doch, was man im Leben haben möchte: Sicherheit. Gerade wenn man Kinder hat“, sagt sie.
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