Vorschlag zur Rettung der Rente: Boomer sollen Zusatz-Soli leisten
VonLennart Schwenck
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Bahnt sich der „Boomer-Soli“ für Rentner an? Fachleute diskutieren über eine Sonderabgabe auf gehobene Alterseinkünfte. Junge sollen entlastet werden.
Berlin – Deutschland steht vor einer Rentenkrise: Die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre, die sogenannten Babyboomer, gehen jetzt nach und nach in den Ruhestand. Bis 2036 sind es insgesamt rund 15 Millionen. Das bringt das umlagefinanzierte Rentensystem an seine Belastungsgrenze. Denn aktuell stehen einem Altersrentner rund zwei Beitragszahler gegenüber. Zum Vergleich: Anfang der 1960er Jahre kamen auf einen Altersrentner noch sechs aktiv versicherte Erwerbspersonen,so das offizielle Demografieportal von Bund und Länder.
Um diese Krise abzufedern, schlägt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eine kontroverse Sonderabgabe vor: den „Boomer-Soli“. Diese Abgabe soll gezielt auf hohe Alterseinkünfte erhoben werden, um jüngere Generationen nicht weiter finanziell zu belasten.
Baby-Boomer bringt Deutsches Rentensystem an seine Grenzen: Wie genau funktioniert der „Boomer-Soli“?
Vorgestellt wurde die Idee im aktuellen DIW-Wochenbericht 29/2025. Darin betonen die Wirtschaftsforscher um Stefan Bach und Maximilian Blesch, dass das Rentensystem dringend Reformen benötigt. Bereits jetzt fließen rund 20 Prozent des gesamten Bundeshaushalts in die Rentenkassen. „Der Boomer-Soli ist ein Vorschlag, der die Chance bieten würde, dass alle Generationen an der Bewältigung der Aufgabe mitarbeiten“, erklärt DIW-Experte Maximilian Blesch. Die vorgeschlagene Sonderabgabe würde sämtliche Alterseinkünfte betreffen – also gesetzliche, betriebliche und private Renten sowie Pensionen und andere Versorgungsbezüge. Zusätzlich könnten auch Vermögenseinkommen einbezogen werden.
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Die Abgabe wäre progressiv gestaltet und würde erst ab einem bestimmten Freibetrag greifen. Laut DIW-Berechnungen könnten einkommensschwache Rentnerhaushalte dadurch um bis zu elf Prozent entlastet werden. Höhere Einkommen würden hingegen mit drei bis vier Prozent belastet.
Weniger Rentnerarmut dank Boomer-Soli – und keine Zusatzkosten für junge Generationen
Die DIW-Forscher prognostizieren, dass durch den „Boomer-Soli“ die Altersarmut in Deutschland von aktuell gut 18 Prozent auf knapp 14 Prozent sinken könnte. Besonders attraktiv wäre dabei, dass die jüngeren Generationen nicht zusätzlich belastet würden. Die Umverteilung erfolgt ausschließlich innerhalb der älteren Generation. Im Gegensatz zu anderen Reformvorschlägen könnte der „Boomer-Soli“ zudem kurzfristig umgesetzt und bei Bedarf flexibel angepasst werden.
Doch es gibt auch deutliche Kritik. Gegner des Vorschlags sprechen von einer „Strafsteuer“ für Menschen, die bereits jahrzehntelang in die Rentenkassen eingezahlt haben. Auch rechtliche Herausforderungen könnten entstehen: Eingriffe in bestehende Rentenanwartschaften sind verfassungsrechtlich problematisch und könnten nur langfristig erfolgen. Laut DIW wäre die Sonderabgabe auf Alterseinkünfte jedoch rechtlich einfacher umsetzbar.
Rentensystem am Limit: Bundesrechnungshof bevorzugt andere Maßnahmen
Interessanterweise erwähnt der Bundesrechnungshof in seinem aktuellen Bericht „Maßnahmen zur Stärkung der Einnahmenbasis“ vom April 2025 den „Boomer-Soli“ nicht. Stattdessen schlägt er vor, unwirksame Steuervergünstigungen abzubauen, den Schwarzmarkt und damit Steuerhinterziehung konsequenter zu bekämpfen. Allein die Abschaffung der Steuerermäßigung für Handwerkerleistungen könnte jährlich rund 2,1 Milliarden Euro zusätzlich einbringen.
Auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln kritisiert den Vorschlag des DIW scharf. IW-Ökonom Jochen Pimpertz sieht in der Abgabe eine ungezielte Hilfe, die wichtige Faktoren wie Vermögen nicht ausreichend berücksichtigt. Ältere Haushalte verfügen im Durchschnitt über ein Nettovermögen von mehr als 172.500 Euro. Pimpertz warnt, dass Vermögende die Abgabe leicht umgehen könnten, beispielsweise indem sie sich ihre betriebliche Altersvorsorge in einer Summe auszahlen lassen. Er fordert stattdessen, gezielt Bedürftige zu identifizieren und das gesamte Vermögen in die Betrachtung einzubeziehen.
Trotz der Kritik halten die DIW-Forscher ihren Vorschlag für attraktiv. Er belastet gezielt jene Generation, die von der aktuellen Rentensituation am stärksten profitiert. Zudem sei bekannt, dass Besserverdienende statistisch gesehen länger leben und somit insgesamt stärker vom Rentensystem profitieren. Ein weiterer Vorteil sei die Flexibilität: Die Sonderabgabe könnte wieder abgeschafft werden, sobald sich die Situation entspanne. Union und SPD wollen in Kürze eine neue Rentenkommission einsetzen, die langfristige Lösungen entwickeln soll. Dabei könnte der Vorschlag des DIW eine zentrale Rolle spielen, um das Rentensystem nachhaltig zu sichern. (ls)