VonJana Stäbenerschließen
In Spanien hat die Migration der Wirtschaft sehr geholfen. Funktioniert das in Deutschland auch? Ein Ökonom erklärt, warum es „nicht so einfach ist“.
Die Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD dauern an. Aktuell beraten sich die Parteien in Kleingruppen unter anderem zu den Bundesfinanzen. Dabei kämen sich SPD und Union laut SPD-Chefin Saskia Esken in allen Punkten deutlich näher. Zwei große Streitpunkte dürften Wirtschaft und Migration bleiben.
Zwei Dinge, die viel miteinander zu tun haben, zeigt Spanien. Dort scheint Migration der Motor für die Wirtschaft zu sein, schreibt der Guardian. Während das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland um 0,2 Prozent zurückging, wuchs es in Spanien um 3,2 Prozent. Der Grund dafür sind laut Ökonomen der Bank JPMorgan nicht nur die nachhaltige und günstigere Energie des EU-Landes oder der boomende Tourismus, sondern auch sein Umgang mit Geflüchteten.
Bruttoinlandsprodukt (BIP)
Wie sich das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) entwickelt und von Jahr zu Jahr verändert, gilt als Gradmesser für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft und deren Wohlstand. Um das reale BIP zu berechnen, werden der Wert aller hergestellten Endprodukte und der Wert aller Dienstleistungen in einem Land, auch der private Konsum und der Staatskonsum gehören hier dazu, zusammengerechnet und durch den Preisindex geteilt.
Migration als einzige Möglichkeit für Wirtschaftswachstum und Wohlstand?
Neben Kriegen und Krisen dämpfen Fachkräftemangel und demografischer Wandel das Wirtschaftswachstum europäischer Länder.
Mit einer Geburtenrate von 1,16 liegt Spanien im EU-Vergleich hinter Deutschland, wo eine Frau durchschnittlich 1,46 Kinder bekommt. „Spanien muss sich entscheiden, ob es ein offenes und wohlhabendes Land oder ein abgeschottetes, armes Land sein will“, sagte der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez im Oktober 2024. „So einfach ist das.“ Migration (die mit Gewalt weniger zu tun hat als gedacht) sei die einzige Möglichkeit für Wirtschaftswachstum und Wohlstand.
„So einfach ist es nicht“, sagt der Ökonom Tobias Hentze. Er leitet das Themencluster Staat, Steuern und soziale Sicherung beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) und hat 2016 untersucht, ob Deutschland wirtschaftlich von den Geflüchteten, die 2015 nach Deutschland kamen, profitiert hat. „Das lässt sich auch heute nicht eindeutig sagen“, sagt er BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Das zeigen auch die Zahlen: In Deutschland haben 2024 rund 237.300 Asyl-Anträge gestellt, in Spanien nur rund 165.800.*
Geflüchtete seien „in jedem Fall positiv für die Konjunktur: Deutschland wächst stärker mit den Flüchtlingen als ohne sie.“
Doch zunächst würden sie sich negativ auf das BIP pro Kopf auswirken, da die volkswirtschaftliche Leistung auf mehr Menschen verteilt werde und Geflüchtete mehrheitlich keine hoch bezahlten Jobs annehmen würden. „Die Vorstellung, wir könnten nur Qualifizierte aufnehmen, entspricht nicht der Realität“, sagt Hentze.
Migration in Deutschland: „Nach 10 bis 15 Jahren zahlen sich Investitionen aus“
Dass die meisten Menschen nicht mit dem Ziel einwanderten, sofort zu arbeiten, sei verständlich. „Es gibt viele valide Fluchtursachen. Hier sollten die wirtschaftlichen Folgen erst einmal keine Rolle spielen.“ Doch diese Personen, die oft nicht ausgebildet seien, bedeuteten für den Staat erst einmal viele Milliarden von Kosten. Er gehe für gelungene Integration in Vorleistung, investiere in Sprachkurse, Ausbildungen und in Sozialleistungen.
„Nach zehn bis 15 Jahren könnten sich die Investitionen des Staates auszahlen“, sagt Hentze BuzzFeed News Deutschland. Besonders bei jungen Menschen, die noch eine lange Arbeitsphase vor sich hätten. Die Frage sei nur, wie schnell und erfolgreich wir als Gesellschaft und Staat die Integration dieser Menschen bewältigten. „Je zügiger Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden, umso mehr Staatsausgaben können über Steuern und Abgaben gegenfinanziert werden“, sagt er.
Aus ökonomischer Sicht sei es aufgrund der geringen Geburtenrate „unstrittig, dass Deutschland Zuwanderung braucht“. Deutschland müsse „bürokratische Hürden abbauen, damit Menschen schneller Arbeit finden“, sagt Hentze. Aktuell würden wir es Migranten „schwer machen“. Andererseits müssten wir auch erkennen, wann wir diese Integration nicht mehr leisten und deshalb nicht mehr Menschen aufnehmen könnten.
*Den Hinweis auf die aktuellen Zahlen der Asyl-Anträge haben wir nachträglich ergänzt.
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