VonJoachim Willeschließen
Grünes H2 wird künftig vor allem in Nordafrika und dem Nahem Osten erzeugt. Eine Studie untersucht, wie die Energie dann die Zielländer erreichen kann.
Deutschland und Europa brauchen Wasserstoff, gleich aus mehreren Gründen. Einmal, um den klimafreundlichen Umbau der Industrie zu bewerkstelligen, etwa in der Chemie- und der Stahlproduktion. Dann, um damit Back-up-Kraftwerke für Zeiten der „Dunkelflaute“ CO₂-frei betreiben zu können; die Bundesregierung hat dazu gerade ihre Kraftwerksstrategie veröffentlicht. Und zu guter Letzt für die Anwendung im Flug- und Schiffsverkehr, um Kerosin und Diesel zu ersetzen.
Das Problem: Grünes „H2“ in den benötigten Mengen kann nach Meinung der meisten Fachleute in Europa nicht hergestellt werden. Hier setzt nun eine neue Studie an: Sie untersucht, wie das Gas aus den sonnenreichen Regionen Nordafrika und Naher Osten nach Europa transportiert werden könnte.
Wasserstoff aus Nordafrika
Die Idee, Wasserstoff aus der „Mena“-Region in Europa nutzbar zu machen, entstammt dem Konzept „Desertec 3.0“, das von der Industrieinitiative Dii Desert Energy mit Sitz in Dubai entwickelt wurde. Es handelt sich also quasi um eine Fortentwicklung des Wüstenstrom-Projekts Desertec, das nach 2009 Furore machte. Damals hatte eine von dem deutschen Solarforscher Gerhard Knies auf den Weg gebrachte Desertec-Stiftung die Vision einer Solarstrom-Versorgung für Europa aus Nordafrika vorgestellt und große Unternehmen dafür begeistert, darunter Eon, RWE, Siemens, die Deutsche Bank und ABB. Sie bildeten gemeinsam die Desertec Industrial Initiative (Dii). Sie witterten ein großes Geschäft, zogen sich jedoch wieder zurück, als sich die Umsetzung verzögerte.
Die Initiative Dii Desert Energy, inzwischen in den Emiraten angesiedelt, arbeitete jedoch weiter an Energiekonzepten für die Region, in der praktisch alle Länder inzwischen die Chancen der dort reichhaltig verfügbaren Solar- und Windenergie erkannt haben und umsetzen – vor allem allerdings für den eigenen Bedarf. Dabei geht es nicht nur um die Stromproduktion, die hier zu konkurrenzlos billigen Kosten möglich ist. Auch die Herstellung von grünem Wasserstoff und grünem Ammoniak, der gut per Schiff transportiert werden kann, ist geplant.
Im Süden ist es günstiger
Hier setzt die neue, groß angelegte Untersuchung an. Es geht darum, wie die grüne Energie am besten in die Industriezentren Europas transportiert werden kann. Erstellt wurde die Studie von dem Münchener Ingenieurunternehmen ILF Beratende Ingenieure gemeinsam mit der von Dii Desert Energy initiierten „MENA Hydrogen Alliance“.
Weltweit gibt es mehrere Regionen, in denen Ökostrom sehr billig produziert werden kann, weil die Sonne oft scheint und/oder viel Wind weht. Fachleute nennen hier neben Australien, Chile und Westafrika vor allem Nordwestafrika und die Arabische Halbinsel; letztere haben den Vorteil der Nähe zu Europa. Der Wasserstoff könnte in den Sonnenregionen laut Studien für etwa 2,50 Euro pro Kilogramm produziert werden, während es bei in Deutschland hergestelltem Wasserstoff auch anno 2050 noch rund 3,80 Euro sein würden.
Nach Informationen der Desertec-Initiative wird in den Regionen südlich des Mittelmeers derzeit an nicht weniger als 75 Projekten zur Herstellung von grünem Wasserstoff gearbeitet. Die Studie zeige, „dass darin eine große Chance für Europa liegt“, sagte der Chef von Dii Desert Energy, Cornelius Matthes.
Algerien-Reise
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) wollte am Donnerstag in Algerien, begleitet von einer Wirtschaftsdelegation, die Kooperation beider Länder bei Erneuerbaren Energien und Wasserstoff stärken. Im Rahmen der am Mittwoch begonnenen Reise des Ministers waren unter anderem bilaterale Gespräche mit dem algerischen Staatspräsidenten Abdelmadschid Tebboune geplant. Außerdem soll es bei dem Besuch nach Angaben von Habecks Ministerium um den „südlichen H2-Korridor“ gehen.
Ziel dieses Korridor-Projektes ist es, zukünftig Wasserstoffimporte per Pipeline aus Algerien und Tunesien nach Italien, Österreich und Deutschland zu ermöglichen. Habeck hob im Vorfeld seiner zweitägigen Reise hervor, dass das Potenzial Algeriens für die Erzeugung nachhaltiger Energie als größtes Flächenland Afrikas in enger Nachbarschaft zu Europa „enorm“ sei. Deutsche Unternehmen könnten dabei „wichtiger Partner sein und Algerien dabei unterstützen, seine Wirtschaft zu diversifizieren, zukunftsfest zu machen und neue Arbeitsplätze zu schaffen“, so Habeck. afp
Um den Wasserstoff oder seine „Derivate“ nach Norden zu bringen, bietet sich nach der Studie als kostengünstigster und schnellster Weg die Nutzung bereits bestehender Erdgas-Pipelines von Nordafrika nach Europa an. Diese liegen zumeist im westlichen Teil des Mittelmeers, zum Beispiel zwischen Algerien und Spanien.
Der Vorteil: Sie ließen sich mit relativ geringem Aufwand auf Wasserstoff umrüsten und mit dem geplanten europäischen Wasserstoff-Kernnetz verbinden, das unter anderem Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland bedienen soll (Fachkürzel EHB für „European Hydrogen Backbone“).
Aber auch neu zu bauende, speziell auf den Wasserstofftransport ausgelegte Pipelines könnten laut der Untersuchung „ausgesprochen kostengünstig“ betrieben werden. Aufgerufen werden Transportkosten von 19 bis 80 Cent pro Kilogramm Wasserstoff, je nachdem, ob nur nachgerüstet oder neu gebaut wird. Das sei „zwei- bis zehnmal günstiger als der Schiffstransport“.
Der Seeweg bleibt eine Option
Trotzdem bleibt der Seeweg nach Ansicht der Studienautoren eine interessante Alternative. Die Gründe: Der Investitionsaufwand ist geringer als beim Pipelinebau, und es gibt eine größere Flexibilität bei den Transportwegen. Dies könne die Kostennachteile ausgleichen. Als Transportmedium bietet sich hier in erster Linie Ammoniak an, da in vielen Häfen bereits heute eine Transportinfrastruktur dafür besteht; das Gas wird als Rohstoff in der Chemieindustrie genutzt.
„In vielen Fällen kann es direkt genutzt werden, aber auch die Aufspaltung in Wasserstoff und Stickstoff ist mit bewährten Verfahren möglich“, so Dii Desertec Energy, wobei allerdings Energieverluste aufträten. Ändern könne sich das durch aktuell laufende Entwicklungsvorhaben, um Ammoniak direkt als Energiequelle zu nutzen. Unter anderem arbeite der MAN-Konzern an entsprechenden Schiffsmotoren. Ebenfalls interessant seien Transportmedien für Wasserstoff wie das Gas Dimethyl Ether (DME). Hier sehen die Studienautoren zwar noch Entwicklungsbedarf, sie sehen für DME aber aufgrund der hohen Energiedichte für die Zukunft erhebliches Potenzial.
Matthes erwartet, dass die emissionsfrei erzeugten Gase Wasserstoff und seine Derivate wie Ammoniak zu „Commodities“ werden, also weltweit gehandelten Produkten. Und er sagt voraus: „Wer sich den kostengünstigen Zugang sichert, wird im internationalen Wettbewerb deutliche Vorteile haben.“
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