Klimaneutrale Industrie

Studie warnt: Deutschland bleibt auch bei grünem Wasserstoff abhängig – Europäische Lösung gefragt

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Grenzenloser Fortschritt: Experten befürworten eine europaweite Zusammenarbeit in der Wasserstoffproduktion aus nachhaltigen Ressourcen – wie in der Pilotanlage für grünen Wasserstoff aus Sonnenstrom südlich von Madrid (Symbolbild).
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Grüner Wasserstoff ist ein europäisches Thema. Um die eigenen Klimaziele zu erreichen, muss Deutschland auf Importe aus den Nachbarländern setzen.

Karlsruhe – Deutschland verschlingt auch künftig Unmengen an Energie; der soll in Zukunft statt aus Öl oder Gas aus grünem Wasserstoff kommen. Aus eigener Produktion wird Deutschland seinen Bedarf an grünem Wasserstoff aber kaum decken können; dazu kommt eine Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI). Grüner Wasserstoff ist Wasserstoff, der aus erneuerbaren Energien gewonnen wird; und für Fotovoltaik oder Windstrom bieten Deutschlands europäische Nachbarn weitaus bessere Standorte: beispielsweise Frankreich, Spanien oder Norwegen. Die Experten raten der Politik deshalb dringend zu einem gesamteuropäischen Weg.

Bedenkliche Perspektive für Deutschland: Kein Wasserstoff ohne Abhängigkeiten

Die Europäische Union hatte das in Karlsruhe ansässige Fraunhofer-Institut zu untersuchen beauftragt, was die Reduktion von Kohlendioxid in der Industrieproduktion für Europas Versorgung mit nachhaltigen Energien bedeutet. Die Aussichten für Deutschland sind bedenklich: Deutschland bietet zu wenig Sonne oder Wind, um zu einem vernünftigen Preis grünen Wasserstoff in erwähnenswerter Menge produzieren zu können. Insofern könnte oder müsste sich Deutschland in eine erneute Abhängigkeit von Rohstoffproduzenten bringen: dieses Mal aber vor allem in die der europäischen Nachbarn.

Experte rät: Nationale Alleingänge bei Wasserstoff unwirtschaftlich

Der Autor der Studie, Dr. Tobias Fleiter, empfiehlt der Politik daher eindringlich eine koordinierte Strategie – er sagt: „Unser Modell sieht die größten Kapazitäten für die Produktion von grünem Wasserstoff in Frankreich, Spanien, im Vereinigten Königreich sowie Norwegen. Bei Eintreten des Wasserstoff-Szenarios könnte zusätzlich Finnland mit zu einem der großen Wasserstoff-Exporteure in Europa werden, um die Nachfrage in Europa zu decken. Falls die Standorte für Erneuerbare Energien nicht kostenoptimal ausgenutzt werden, wäre es wirtschaftlich, Wasserstoff aus Nordafrika beziehungsweise der Region der arabischsprachigen Welt (Mena-Region) zu importieren, um Europas Bedarf zu stillen.“ Fleiter denkt strikt gesamteuropäisch.

Gute Nachricht: Verzicht auf CO2 bis 2050 möglich

Die gute Nachricht: Sollten die europäischen Länder künftig konsequenter klimaneutraler produzieren, hält er die mindestens 95-prozentige Reduktion von Kohlendioxid, dem „Treibhausgas“, bis 2050 für möglich. Doch der Weg zu diesem Ziel sei seiner Meinung nach steinig. Bis spätestens 2030 müssten Energie und Materialien effizienter werden, die Produktion klimaneutraler, und die Wirtschaft müsse stärker als bisher als Kreislauf gedacht werden.

Ein steiniger Weg: Klimaneutralität durch Energieeffizienz

Seiner Meinung nach führt daran kein Weg vorbei; die Anstrengungen müssten vervielfacht werden, weil eben auch der Bedarf an Strom in Europa bis 2050 zunehme – von 1000 Terrawatt/h auf nahezu das Doppelte, nämlich 1850 TWh, beziehungsweise von 1350 TWh auf 1800 TWh bei Wasserstoff. Auch hier denkt Fleiter in europäischen Dimensionen – beispielsweise deutsche Energie zu sparen durch Auslagerung von Produktionsschritten über die Grenze, wo effizienter produziert werden könne: Fleiter: „Deutlich geringer könnte die gesamteuropäische Wasserstoffnachfrage ausfallen, wenn die Grundstoffchemie und die Stahlindustrie einzelne energieintensive Produktionsschritte ins Ausland außerhalb Europas verlagern.“ Der entgegengesetzte Weg wäre allerdings auch möglich.

Energiesparen leicht gemacht: Importieren statt Produzieren

Fleiter schwebt als Alternative zum Energiesparen vor, spezielle, energieintensive Bestandteile von chemischen Produkten beziehungsweise von Stahl zu importieren, anstatt sie selbst zu produzieren, beispielsweise Ammoniak, Methanol und Ethylen. Er schränkt die grundsätzliche Aussagekraft seiner Studie allerdings ein: Das Ergebnis des ISI stütze sich rein auf wissenschaftliche Faktoren, lasse also jegliche politischen und gesellschaftlichen Einschränkungen in der Umsetzung außen vor. (Karsten-D. Hinzmann)

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