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Der Asteroid 2024 YR4 sorgt für Wirbel, denn er könnte 2032 die Erde treffen. Doch wie groß ist die Gefahr tatsächlich und was würde ein Einschlag bedeuten?
Frankfurt – Die gute Nachricht zuerst: Der Asteroid 2024 YR4 verfehlt die Erde am 22. Dezember 2032 mit einer Wahrscheinlichkeit von fast 99 Prozent. Das heißt aber auch, dass es eine Wahrscheinlichkeit von etwas mehr als einem Prozent (Stand 31. Januar sind es 1,3 Prozent) gibt, dass der Asteroid 2024 YR4 die Erde an diesem Tag trifft. Weil das für einen Asteroiden ein verhältnismäßig hoher Wert ist und der mögliche Einschlag zeitlich nur noch wenige Jahre entfernt ist, sind internationale Protokolle in Kraft getreten.
Welche Region wird der Asteroid 2024 YR4 bei einem möglichen Einschlag treffen?
Das Internationale Asteroiden WarnNetzwerk (IAWN) hat den Fall des Asteroiden 2024 YR4 übernommen, alle bisherigen Informationen konsolidiert und erste Informationen veröffentlicht. Demnach ist die Wahrscheinlichkeit des Asteroideneinschlags mittlerweile auf 1,3 Prozent gestiegen. Der Korridor, den der Asteroid überfliegt, und in dem der mögliche Einschlag stattfinden kann, wird dort ebenfalls genannt: Gefährdet sind der östliche Pazifik, das nördliche Südamerika, der Atlantik, der Kontinent Afrika, das Arabische Meer und Südasien.
Sorgen braucht man sich dort allerdings bisher keine zu machen, betont der Leiter der Esa-Asteroidenabwehr, Richard Moissl: „Es ist kein Grund zur Beunruhigung. Wir gehen davon aus, dass es ein naher oder auch sehr erdnaher Vorbeiflug wird. Noch können wir nicht abschließend klären, ob die Prozentzahl auf 0 zurückgeht“, erklärt er gegenüber IPPEN.MEDIA. Und auch das IAWN gibt sich optimistisch, dass künftige Beobachtungen des Asteroiden 2024 YR4 dessen Flugbahn konkretisieren und die Einschlagwahrscheinlichkeit sehr wahrscheinlich verringern werden.
Asteroid 2024 YR4 kann ab Anfang April von der Erde aus nicht mehr beobachtet werden
Doch ausgerechnet die Beobachtungen, die jetzt nötig sind, um mehr über den Asteroiden zu erfahren, werden in den kommenden Monaten immer schwieriger: Der Asteroid wird nur noch bis Anfang April von der Erde aus zu sehen sein. Dann ist er bis Juni 2028 nicht mehr sichtbar, weil er sich zu weit entfernt.
Ob es bis Anfang April möglich ist, den Asteroideneinschlag eindeutig auszuschließen, ist noch unklar. Das IAWN formuliert es in seiner Mitteilung so: „Bis zum Ende des Beobachtungsfensters im Jahr 2025 könnte die Einschlagwahrscheinlichkeit auf einige zehn Prozent ansteigen oder eher wieder unter den Schwellenwert für eine Meldung fallen.“ Gemeint ist damit eine Wahrscheinlichkeit von weniger als einem Prozent – ab der Ein-Prozent-Schwelle schaltet sich das IAWN ein.
Forschung hat ein Ass im Ärmel: Asteroid 2024 YR4 wird auf Archivaufnahmen gesucht
Auch bei der europäischen Raumfahrtorganisation Esa, die Mitglied des IAWN ist, geht man davon aus, dass der Asteroid aus dem Blickfeld verschwinden könnte, bevor man genug über ihn herausgefunden hat. „In diesem Fall wird der Asteroid wahrscheinlich auf der Esa-Risikoliste verbleiben, bis er im Jahr 2028 wieder beobachtet werden kann“, heißt es dort. Derzeit steht der Asteroid auf Platz eins dieser Liste.
Obwohl der Asteroid immer schlechter zu beobachten sein wird, hat die Forschung noch ein Ass im Ärmel, das nichts mit der aktuellen Sichtbarkeit des Asteroiden 2024 YR4 zu tun hat: Der Himmelskörper wird auch auf Archivbildern von Teleskopen gesucht. Bisher wurde er noch nicht gefunden, doch die Suche soll fortgesetzt werden. Wird er auf einer oder mehreren Aufnahmen entdeckt, kann anhand der Daten seine Umlaufbahn genauer bestimmt werden – was womöglich mit dazu führt, dass ein Einschlag ausgeschlossen werden kann.
Wie groß ist Asteroid 2024 YR4 und welche Schäden kann ein Einschlag auf der Erde verursachen?
Zur Größe des Asteroiden 2024 YR4 kursieren verschiedene Angaben. Das IAWN gibt seine Größe mit „wahrscheinlich 40 bis 90 Metern“ an. Genauere Angaben sind ohne Radarbeobachtungen, thermalen Infrarotbeobachtungen oder Aufnahmen einer nahen Raumsonde nicht möglich, heißt es in der Mitteilung. Für Radarbeobachtungen sei der Asteroid allerdings zu weit entfernt. Er kommt erst 2032 wieder so nah an die Erde heran, dass Radarbeobachtungen möglich sind.
Sollte der Asteroid im Jahr 2032 tatsächlich die Erde treffen, könnten laut IAWN bis zu einer Entfernung von 50 Kilometern vom Einschlagsort Schäden auftreten – wenn man davon ausgeht, dass die tatsächliche Größe des Asteroiden eher bei 90 als bei 40 Metern liegt. In der Vergangenheit gab es Asteroiden-Vorfälle, die man sich zum Vergleich anschauen kann: Der Asteroid, der 2013 über der russischen Stadt Tscheljabinsk explodierte, war etwa 20 Meter groß. Die Druckwelle und Hitze sorgten unter anderem für berstende Glasscheiben – etwa 1500 Menschen wurden dadurch verletzt.
Die gute Nachricht: Asteroid 2024 YR4 ist weder ein „Planetenkiller“ noch so groß wie der „Dinokiller“
Von der Größe her passender dürfte der Asteroid sein, der im Jahr 1908 über Sibirien explodierte (das sogenannte Tunguska-Ereignis): Er war 50 bis 80 Meter groß. Sein Airburst sorgte dafür, dass auf mehr als 2000 Quadratkilometern Bäume umknickten und Wald in Brand geriet. Explodiert der Asteroid 2024 YR4 bei seinem möglichen (aber bisher unwahrscheinlichen) Einschlag nicht, könnte er einen Krater mit einem Durchmesser von mehr als einem Kilometer schlagen. Das wäre vergleichbar mit dem Barringer-Krater in den USA. Auch die weitere Umgebung würde deutlich in Mitleidenschaft gezogen.
Beruhigend zu wissen: Ein „Planetenkiller“, der alles Leben auf der Erde auslöscht, ist 2024 YR4 nicht. Der „Dinokiller“-Asteroid hatte eine Größe von etwa zehn Kilometern und schlug einen etwa 180 Kilometer großen Krater. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass der Asteroid 2024 YR4 die Erde treffen könnte, vorhanden ist, darf man nicht vergessen, wie gering sie ist. Und im Gegensatz zu den Dinosauriern hat die Menschheit Forschungsprogramme, die sich auch explizit mit der planetaren Verteidigung – also der Abwehr von Asteroiden – beschäftigen. Moissl betont: „Es besteht kein Grund zur Beunruhigung. Wir – die Esa und die internationalen Partner – sind dran mit allem, was wir haben.“ (tab)
Rubriklistenbild: © Nasa/JPL-Caltech

