VonPamela Dörhöferschließen
Eine aktuelle Studie stützt die These vom Wildtiermarkt als Ursprung von Sars-CoV-2. Aus der Welt ist die Labortheorie allerdings trotzdem nicht.
Frankfurt – Die Frage, woher das „neuartige Coronavirus“ gekommen ist, treibt die Welt seit Beginn der Pandemie um. Und ist relevant bis heute – nicht allein, um das Geschehene aufarbeiten zu können, sondern auch, damit sich Ähnliches mit einem anderen Erreger nicht wiederholt. Früh schon rückte der Huanan Seafood Market in der chinesischen Stadt Wuhan in den Fokus, wo auch lebende Wildtiere verkauft wurden. Dort, so die Annahme, könnte der ursprünglich von Fledermäusen stammende Erreger von einem der angebotenen Tiere auf den Menschen übergesprungen sein.
Es wäre nicht das erste Mal: Neu auftretende Infektionskrankheiten sind häufig Zoonosen; ein Umstand, der für diese Theorie spricht. Ein weiteres Argument, das schwer wiegt: Viele der frühesten bekannten Covid-Fälle betrafen Menschen, die den Markt besucht haben oder dort arbeiteten – und zwar vor allem im westlichem Teil, wo sich die meisten Wildtierstände befanden. Ärzte aus Krankenhäusern in Wuhan waren es, die als erste diese Verbindungen herstellten.
Stammt das Coronavirus aus dem Institut für Virologie in Wuhan?
Früh allerdings geriet auch das in der Nähe gelegene Wuhan Institut für Virologie in Verdacht, wo man seit 2005 teils mit Fördergeldern aus den USA zu Coronaviren geforscht hat. Was zunächst als Verschwörungstheorie eingestuft wurde, gilt heute nicht mehr als ausgeschlossen: dass Sars-CoV-2 das Produkt künstlich erzeugter genetischer Veränderungen ist und durch einen Unfall in die Welt kam. Ein mögliches Szenario der „Lab-Leak-Theory“ sieht so aus, dass das Virus ungewollt freigesetzt wurde, weil sich ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin durch den Kontakt mit einer Probe oder einem Labortier infiziert und den Erreger weiterverbreitet hat. Auch das wäre kein Einzelfall. In der Vergangenheit kam es bereits zu Laborlecks, unter anderem 1979 in der Sowjetunion mit Anthrax.
Als Argumente führen Anhängerinnen und Anhänger der Theorie unter anderem auf, dass sich bislang kein tierischer Zwischenwirt identifizieren ließ. Als wichtigstes Indiz aber gilt ihnen die Furin-Spaltstelle des Spike-Proteins von Sars-CoV-2. Die Spaltstelle an sich ist nichts Besonderes, es gibt sie in körpereigenen Proteinen und auch in manchen Viren. Sie senden bestimmten Enzymen – den Furin-Proteasen – ein Signal, als Schere das Protein zu schneiden. Bei Corona sorgt das dafür, dass sich das geschnittene Spike besser an Zellen haftet und das Virus leichter eindringen kann. In der Natur wurde eine Furin-Spaltstelle wie die von Sars-CoV-2 bisher nicht gefunden. Manche werten das als Hinweis, dass die Spaltstelle im Labor „getunt“ wurde.
Ursprung der Corona-Pandemie ist nach fünf Jahren immer noch nicht definitiv geklärt
In einer 2023 erschienenen Studie der Cornell University in New York weisen die Autorinnen und Autoren allerdings darauf hin, dass der Erreger in dieser Hinsicht nicht einzigartig sei und andere Betacoronaviren (zu denen auch Sars-1 und Mers zählen) über „sehr anpassungsfähige“ Furin-Spaltstellen verfügten. Was bedeutet, dass sie auch durch natürliche Mutation infektiöser werden können.
Sicher nachgewiesen und sicher ausgeschlossen werden konnte bisher keine der beiden Theorien. So ist der Ursprung von Sars-CoV-2 fast fünf Jahre nach Bekanntwerden der ersten Infektionen noch immer nicht definitiv geklärt. Fraglich, ob es mit letzter Sicherheit je gelingen wird.
Ist das Coronavirus Sars-CoV-2 eine Zoonose natürlichen Ursprungs?
Die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zu diesem Thema publiziert oder sich geäußert haben, halten Covid-19 für eine Zoonose natürlichen Ursprungs. Mehrere Studien untermauern diese Theorie – so auch die aktuelle Arbeit eines Teams der Universitäten von Kalifornien, Arizona und Texas. Die Forschenden gehen davon aus, dass der Wildtierhandel das Virus nach Wuhan gebracht hat und es dort auf den Menschen übergesprungen ist. Die Primärinfektion datieren sie auf Mitte bis Ende November 2019.
Für ihre im Fachmagazin „Cell“ veröffentlichte Studie werteten die Forschenden 800 Proben aus, die seit dem 1. Januar 2020 auf dem Huanan Seafood Market und in dessen Umgebung gesammelt wurden. Außerdem analysierten sie die Gensequenzen des Virus aus Proben der ersten Corona-Infizierten. Zur Erinnerung: Der Markt war wegen gehäufter Fälle von Lungenerkrankungen am 1. Januar 2020 geschlossen worden. Noch am gleichen Tag begann das Chinesische Zentrum für Krankheitskontrolle und -prävention (China CDC), dort Proben zu nehmen. Eine erste Auswertung veröffentlichte das China CDC 2023 und stellte die Daten zur Verfügung. Für den langen Zeitraum zwischen Probenahme und Präsentation gab es in der Fachwelt viel Kritik. Während als gesichert gilt, dass Fledermäuse die ursprünglichen Wirte sind, blieb auch nach der Veröffentlichung offen, welche Tiere dem Virus als möglicher Zwischenwirt gedient haben.
Auf dem Markt gefundenes Virus und Pandemie-Virus haben gleichen Vorfahren
Wie die Forschenden aus den USA schreiben, liefere ihre Analyse Hinweise, dass das auf dem Markt gefundene Virus auf den gleichen Vorfahren zurückgeht wie das Virus, das die Pandemie verursacht hat. Außerdem zeigten die Daten, dass das Virus verstärkt in der Nähe und innerhalb einer Käfiganlage mit Wildtieren nachgewiesen wurde. In sämtlichen dieser Corona-positiven Proben habe man zudem Erbgut von Wildtieren gefunden. Es stammt unter anderem von Marderhunden, Zibetkatzen und Bambusratten, die allesamt als Zwischenwirte in Frage kommen. In besonderem Maße gilt das für Marderhunde, die anfällig für Coronaviren sind. Zudem wurden an dem Wildtierstand mit den meisten Corona-positiven Proben Marderhunde verkauft.
Die Autorinnen und Autoren schränken allerdings ein, dass die verfügbaren genomischen und epidemiologischen Daten „nach wie vor unvollständig“ seien. Zusätzliche Daten aus der Anfangszeit der Pandemie könnten „weiteres Licht“ auf Hypothesen zu deren Entstehung werfen. Doch woher sollen sie kommen, wenn nicht aus den damals gesammelten Proben? Alle auf dem Markt angebotenen und nicht verkauften Tiere wurden im Dezember 2019 oder Januar 2020 getötet.
Auch Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité, bewertet die Daten gegenüber dem Science Media Center als „starke Indizien“, „beweisend“ seien sie aber nicht. Als Grund führt er auf, dass Proben nicht direkt von Tieren stammen, sondern Abstriche von Oberflächen erst nach Schließung des Markts genommen wurden. „Hier besteht immer die Möglichkeit, dass so gefundenes Virus auch von Menschen stammt.“ Man hätte das Virus „direkt“ in damals gehaltenen Tieren nachweisen müssen. Eine solche Nachuntersuchung wäre allein in China möglich „und auch nur, falls Tierproben genommen und aufbewahrt wurden“. Gleichwohl weist Drosten darauf hin, dass zur Theorie, die Pandemie habe auf dem Markt begonnen, „immer mehr bestätigende Indizien“ hinzukommen, während zur Labortheorie „weiterhin keine wissenschaftlich überzeugenden Belege“ existieren.
„Valide Argumente“, dass der Markt der „Ort des Übersprungs“ von Corona war
Friedemann Weber, Direktor des Instituts für Virologie an der Liebig-Universität Gießen, sieht es ähnlich. Die Studie liefere „valide Argumente“, dass der Markt der „Ort des Übersprungs“ war. Für das Labor-Szenario gebe es „keine solchen Daten“. Allerdings räumt auch er ein, dass die endgültigen Beweise, dass die auf dem Markt verkauften Tiere tatsächlich mit Sars-CoV-2 infiziert waren, weiter fehlen.
Isabelle Eckerle, Virologin von der Universität Genf, hält es nicht für ausgeschlossen, dass die auf dem Markt genommenen Proben von Menschen stammen. Da das Virus-Erbgut aber am häufigsten rund um die Wildtierstände auftrat, erscheine „eine reine humane Eintragung unplausibel“. Als Indiz für die Zoonose sieht sie auch Parallelen zum Sars-1-Ausbruch 2002/2003, der von auf Märkten verkauften Schleichkatzen ausging. Die Ähnlichkeiten seien „frappierend“ und ließen es „sehr wahrscheinlich erscheinen, dass beim genau gleichen Szenario ein weiteres Sars-Virus eben ein weiteres Mal den Sprung geschafft hat“.
Richard Neher, Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien an der Universität Basel, bewertet die Häufung positiver Proben an einem Stand, wo Wildtiere verkauft wurden, als weniger starkes Indiz. Das könne sowohl durch infizierte Menschen als durch infizierte Tiere erklärt werden. Er vermutet sogar, dass der größte Teil der Virus-RNA in den Proben „wahrscheinlich von infizierten Menschen“ kommt. „Keine der beiden Hypothesen zum Ursprung des Virus ist endgültig belegt oder ausgeschlossen.“
Ob das je der Fall sein wird? Die Markt-Theorie wäre bewiesen, wenn man den Zwischenwirt eindeutig bestimmen könnte, beziehungsweise „das fehlende Puzzlestück zwischen den Vorläuferviren aus den Fledermäusen und der Pandemie“ finden würde, sagt Eckerle. Sie glaubt allerdings nicht, dass das passiert. „Es ist einfach zu viel Zeit verstrichen.“ (pam)

