VonTanja Bannerschließen
Menschen bekommen es nicht mit, wenn eine Schaltsekunde eingefügt wird. Empfindliche Technik dagegen schon. Eine neue Idee soll die Situation verbessern.
New York – Alle paar Jahre wird eine Schaltsekunde eingefügt, um die astronomische Zeit und die viel genauere Atomzeit aneinander anzugleichen. Doch das könnte bald ein Ende haben, hofft Judah Levine. Er ist einer der Vordenker, wenn es um die Koordination der Zeit geht und hat einen neuen Vorschlag erarbeitet, wie die New York Times (NYT) berichtet. „Wir müssen uns alle etwas entspannen“, sagte der Fachmann. Seine Idee: Statt die Schaltsekunde alle paar Jahre einzufügen, könnte man viel seltener eine Schaltminute einfügen.
„Der Umgang mit Schaltsekunden macht mich verrückt“, erklärte Levine der NYT. Er bekomme regelmäßig Bitten nach Updates und besseren Lösungen. „Ich bekomme eine Bazillion E-Mails.“ Mit seiner Idee rückt Levine nun kurz vor einem wichtigen Kongress der Branche heraus. Ab dem 20. November tagen Fachleute bei der World Radiocommunications Conference der International Telecommunication Union (ITU) in Dubai. Bereits vor einiger Zeit wurde beschlossen, dass die Schaltsekunde ab 2035 erst einmal ausgesetzt und durch eine neue Methode ersetzt wird.
Schaltsekunde gleicht die astronomische Zeit und die Atomzeit an
Dass die Schaltsekunde überhaupt nötig wird, ist zwei Dingen zu verdanken: Der Erfindung der sehr genauen Atomuhr und der Tatsache, dass sich die Erde nicht immer gleich schnell dreht. Seit 1972 werden je nach Bedarf Schaltsekunden eingefügt, um beide Uhren wieder aneinander anzugleichen. In den vergangenen Jahren wurde 27 Mal eine Schaltsekunde genutzt, um die Uhrzeiten anzupassen. Während Menschen das nicht mitbekommen, ist die zusätzliche Sekunde für Maschinen ein Problem.
In den vergangenen Jahren ist die Technologie immer komplexer geworden und vieles – gerade im Internet – basiert auf der sehr präzisen Atomzeit. Die letzten beiden Schaltsekunden, die in den Jahren 2012 und 2017 nötig wurden, sorgten für Probleme. Seitdem haben große Tech-Unternehmen ihre eigenen Methoden entwickelt, wie sie mit der Schaltsekunde umgehen. „Wir haben überall auf der Welt die Zeit durcheinander gebracht“, stellt Patrizia Tavella, Direktorin der Zeitabteilung des Internationalen Büros für Maße und Gewichte (IBWM), gegenüber der NYT fest.
Russland ist gegen die Abschaffung der Schaltsekunde
Fachleute wie Demetrios Matsakis finden den Vorschlag von Levine gut. „Das ist die Art von Dingen, die man politisch lösen könnte“, betonte der Fachmann. Doch es gibt auch Gegner der Idee. Dazu zählen vor allem Russland und der Vatikan. Russland will nach IBWM-Angaben bis 2040 warten, bis die Schaltsekunde abgeschafft wird. Dabei geht es offenbar um das russische Satellitennavigationssystem Glonass.
Es könnte auch um militärische Auswirkungen gehen, heißt es bei der NYT. „Niemand versteht es vollständig“, erklärte Elizabeth Donley vom National Institute of Standards and Technology. „Es ist wahrscheinlich eine Frage der nationalen Sicherheit. Sie geben nie wirklich eine gute Antwort.“
Auch der Vatikan will die Schaltsekunde nicht abschaffen
Auch der Vatikan ist vom Vorschlag einer Schaltminute offenbar nicht begeistert. Wie Ars Technica berichtet, habe der Astrophysiker Paul Gabor, Vizedirektor der Vatican Observatory Research Group, in einem Buch geschrieben, die richtige Zeit zu hüten, sei „eine der ältesten Missionen der Astronomie“. Gabor habe die Befürchtung, dass die Abschaffung der Schaltsekunde ein gewisses Unbehagen hervorrufen könne, erklärte Tavella gegenüber der NYT. „Die Menschen fühlen sich mit der natürlichen Welt verbunden und wollen mit ihr verbunden bleiben.“ (tab)
