Neue Daten kündigen Transformation an

Der Kontinent Afrika zerreißt – Zeitrahmen hat sich verschoben

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Ein 6000 Kilometer langer Riss erstreckt sich von Mosambik bis zum Roten Meer. Die Bildung eines neuen afrikanischen Ozeans ist näher als angenommen.

München – Der afrikanische Kontinent wird allmählich auseinandergerissen. Die Geografie des zweitgrößten Kontinents der Erde ist durchzogen mit Erdspalten und Verwerfungen, die Erdkruste und deren tektonische Platten sind in ständiger Bewegung. Unzählige Erdrisse sind in den vergangenen Jahren entstanden, die Teil eines gigantischen geologischen Netzwerkes sind.

Neue Studienergebnisse korrigieren den bisher angenommenen Zeitraum, bis sich die Landmassen voneinander trennen und ein sechstes Weltmeer entstehen kann. Dreh- und Angelpunkt ist der vor etwa 22 Millionen Jahren entstandene Große Afrikanische Grabenbruch: Eine sich verästelnde Narbe in der Erdkruste, die sich mit einer Gesamtlänge von rund 6000 Kilometern von Mosambik durch Ostafrika bis zum Roten Meer erstreckt.

Der afrikanische Kontinent steht vor einer massiven Transformation: Gigantischer Graben wird zum Ozean

„Wir haben den Zeitrahmen auf etwa eine Million Jahre verkürzt, möglicherweise sogar auf die Hälfte“, erklärt Cynthia Ebinger, Geowissenschaftlerin an der Tulane University in New Orleans, dem Online-Portal Dailygalaxy. Die afrikanische und die somalische Platte bewegen sich mit einer Geschwindigkeit von 0,8 Zentimetern pro Jahr. Ein großes seismisches Ereignis, wie etwa ein Erdbeben, könnte den Prozess laut der Forscherin beschleunigen. Es bleibe jedoch weiterhin eine Herausforderung, solche Ereignisse präzise vorherzusagen.

Grundlage dieser neuen Einschätzung sind Messdaten, die sich auf die tektonischen Entwicklungen in der Afar-Senke beziehen, sagt Geowissenschaftlerin Dr. Sonja Aulbach von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main auf Anfrage von IPPEN.MEDIA. Oft wegen ihrer Form auch Afar-Dreieck genannt, ist sie eine der geologisch aktivsten Regionen der Erde und liegt in der äthiopischen Wüste. Die Landsenke markiert das östliche Ende des Ostafrikanischen Grabenbruchs.

Bereits heute liegt die Afar-Senke über 150 Meter unter dem Meeresspiegel. Das Danakik-Tiefland im Osten von Afar wird bereits regelmäßig überschwemmt. Zwischen dem Roten Meer und der Afar-Senke liegen noch die Danakil-Alpen, deren Gipfel über 1000 Meter hoch sind. Dennoch könnte diese Region, wie auch der gesamte Grabenbruch in einer für die Menschheit fernen Zukunft von Wasser bedeckt sein.

Afrika steht auf wackligem Boden: Erdplatten sorgen für Beben, Risse und Gräben

Was in der Regel in Zeitlupe abläuft, konnte in der Afar-Senke im September 2005 – zumindest mittels Satellitenbildern und Seismometern – innerhalb kürzester Zeit beobachtet werden: Die nubische, arabische und somalische Platte driften dort auseinander, wochenlang wurde die Erde erschüttert. Das Ergebnis: Ein Erdriss, der sich 60 Kilometer durch die Region zieht.

Im Jahr 2018 zerriss im Südwesten Kenias, nahe dem Vulkan Suswa, die Erde. Ein drei Kilometer langer Riss tat sich auf und brachte die Autobahn Nairobi-Narok zum Einsturz. Ein Zusammenhang mit dem Ostafrikanischen Grabenbruch ist umstritten. Diese Ereignisse zeigen dennoch, wie stark die tektonischen Platten der Erde teils in Bewegung sind.

Solche Verschiebungen spielen sich innerhalb der Lithosphäre ab, der 100 bis 200 Kilometer starken äußeren Erdschale. Sie setzt sich aus der Erdkruste und dem obersten Erdmantel zusammen und besteht aus sieben großen und einigen deutlich kleineren Platten. Temperaturunterschiede im Erdinnern sorgen dafür, dass sich diese Platten bewegen – wenige Zentimeter im Jahr. Dennoch können sie schnell ablaufende Prozesse mit katastrophalen Auswirkungen in Gang bringen, sagt Aulbach: „Erdbeben, Vulkanismus und der damit verbundene Ausstoß von klimaschädlichen oder manchmal für Menschen unmittelbar toxischen Gasen.“ 

Ein Ausläufer des Ostafrikanischen Grabenbruchs in Kenia zeigt die Ausmaße der geologischen Verwerfungen. (Archivbild)

Ein „Y“ im Erdboden: Graben in der Afar-Region ist das Ergebnis aufgestauter Energie im Untergrund

Dadurch, dass sich in der Afar-Region gleich drei Platten voneinander trennen, entstand dort Aulbach zufolge ein Y-förmiges Grabensystem. „Die Platten verhaken sich immer wieder und nehmen so lange Energie auf, bis die Festigkeit des Gesteins überschritten wird und sich die aufgestaute Energie in einem Erdbeben entlädt, zum Teil mit spektakulären Verwerfungen über mehrere Meter.“ Das sei etwa auch im kalifornischen San-Andreas-Graben zu beobachten.

Die Geschwindigkeit der tektonischen Platten kann unter anderem mittels GPS-Daten geschätzt werden. Die Daten werden innerhalb von geologisch kurzen Zeiträumen – zehn Jahren oder etwas mehr – erhoben, erklärt Aulbach. „Im Schnitt haben sich die Platten der Erde in den vergangenen 200 Millionen Jahren um 4 Zentimeter pro Jahr bewegt.“ Die Bewegung am Ostafrikanischen Graben sei also eher auf der langsamen Seite, die Entstehung eines neuen Ozeans noch lange nicht in Sichtweite. In der Regel sei das Tempo der tektonischen Verschiebungen vergleichbar mit dem Wachstum von Fingernägeln, sagt Aulbach.

Erdplatten sorgen für epochale, geologische Ereignisse – auch Superkontinent wird erwartet

Allerdings können sich die Erdplatten durchaus mit einem viel höheren Tempo bewegen, wie ein anderes Ereignis der Erdgeschichte zeigt: „Die indische Platte raste vor circa 65 Millionen Jahren mit der atemberaubenden Geschwindigkeit von 20 Zentimetern pro Jahr nach Norden, bevor sie in den eurasischen Kontinent krachte“, sagt Dr. Sonja Aulbach.

Die Forscherin verweist zudem auf eine andere plattentektonische „Schreckensmeldung“: Forscher gehen davon aus, dass unsere heutigen Kontinente in 250 Millionen Jahren wieder zu einem Superkontinent „Pangäa Ultima“ zusammengewachsen sein werden. Für die meisten Säugetiere werden dort allerdings wohl lebensfeindliche Bedingungen herrschen.

Bis dahin wird es jedoch für die Menschheit noch einige andere Rätsel zu lösen geben, beispielsweise die geheimnisvolle Erdschicht „e prime“ oder Gravitationslöcher, von denen sich eines im Indischen Ozean befinden soll. (smk)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Bianca Otero/ZUMA Press Wire

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