VonPamela Dörhöferschließen
In Europa haben sich die Masern-Fallzahlen verdoppelt, aktuell gibt es einen Ausbruch der Krankheit in Texas. Fachleute sehen Impflücken als Hauptgrund.
Frankfurt – Die USA, Kanada, Mexiko, Kenia, aber auch viele Länder Europas: Die Masern sind zurück. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO soll es 2024 in 57 Ländern zu Ausbrüchen der Infektionskrankheit gekommen sein. Europa etwa hat nach einem aktuellen Bericht der WHO im vergangenen Jahr die höchste Zahl an Masernfällen seit 1997 verzeichnet: 127.350 – rund doppelt so viele wie 2023 und der höchste Stand seit 25 Jahren. Hans Kluge, WHO Regionaldirektor für Europa, sprach deshalb von einem „Weckruf“.
In Deutschland erkrankten 2024 mehr Menschen als zuvor an den Masern
Auch in Deutschland, wo es seit 2020 eine Masern-Impfpflicht gibt (sie gilt für Kitas, Schulen und Einrichtungen, wo viele Menschen zusammen leben), erkrankten 2024 mit 645 gemeldeten Fällen weitaus mehr Menschen als zuvor nachweislich an der Virusinfektion. Zum Vergleich: 2023 berichtete das Robert Koch-Institut (RKI) von 79 Fällen, 2022 von 15 Fällen; damals galten allerdings noch einige Instrumente zur Eindämmung der Corona-Pandemie, die sich auf viele Infektionskrankheiten ausgewirkt haben.
Die größte Masernwelle in Europa betraf mit 31 .000 Fällen der WHO zufolge Rumänien. Als Hauptgrund dafür wird eine niedrige Impfquote von unter 50 Prozent genannt. Auch in Bosnien, Herzegowina, Montenegro und Nordmazedonien seien 2023 weniger als 80 Prozent der Kleinkinder gegen die Masern geimpft worden.
Vor allem in den USA gibt es eine steigende Zahl von Masernfällen
Aktuell wird von einer steigenden Zahl der Masernfälle vor allem in mehreren US-Bundesstaaten sowie in Kanada berichtet – und das, obwohl die Masern in Nordamerika seit 25 Jahren als ausgerottet galten. So gaben die US-amerikanischen Zentren für Seuchenkontrolle und –prävention (CDC) vorvergangene Woche bekannt, dass die Zahl der bestätigten Masernfälle die Marke von 2024 bereits überschritten habe. Gemeldet wurden demnach Infektionen aus insgesamt 14 Bundesstaaten, darunter Kalifornien, Florida und New York.
Besonders betroffen sind der Westen von Texas und New Mexico, wo rund 320 Menschen an Masern erkrankt und zwei an den Folgen gestorben sind, die meisten sollen ungeimpfte Schulkinder sein, wie die New York Times berichtet. Ein zuvor gesunder sechsjähriger Junge ist an den Masern gestorben, es war der erste Todesfall durch Masern seit zehn Jahren.
Zurzeit keine Herdenimmunität gegen Masern in Deutschland
Die Ausbrüche in den USA sollen auf Menschen zurückgehen, die sich im Ausland angesteckt haben, wie es in einem Bericht der Nachrichtenagentur Associated Press heißt. In Deutschland sieht das unabhängige Fachinstitut Centrum für Reisemedizin ebenfalls ein erhöhtes Infektionsrisiko durch „Reisetätigkeit und Migration“: „Menschen, die aus dem Ausland zu uns kommen“, hätten oft keinen ausreichenden Impfschutz, erklärt Tomas Jelinek, wissenschaftlicher Leiter des Centrums.
Als ein Beispiel dafür nennt er die Erntehelfer:innen aus Rumänien, die jedes Frühjahr auf deutschen Erdbeer- und Spargelfeldern arbeiten. Diese seien zum einen durch hiesige Masernviren gefährdet, könnten zum anderen den Erreger aber auch selbst aus ihrem derzeit stark von den Masern betroffenen Heimatland mitbringen. Dass die Masern überhaupt „importiert“ werden und sich dann ausbreiten können, hat nach Ansicht der meisten Fachleute in erster Linie mit weit verbreitet zu niedrigen Impfraten zu tun.
Um eine Herdenimmunität gegen die Infektionskrankheit zu erreichen, ist eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent nötig. Diese wird auch in Deutschland nicht erreicht. Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) waren 2023 nur 87 Prozent der Kleinkinder gegen Masern, Mumps und Röteln (die Impfungen werden gemeinsam verabreicht) geschützt. Die für einen vollständigen Schutz nötige Zweitimpfung hatten bis zum Alter von 24 Monaten nur 77 Prozent erhalten. „Somit hat fast jedes vierte Kind zum Ende des zweiten Lebensjahres noch keinen kompletten Impfschutz gegen Masern“, sagt Tomas Jelinek.
Das Masernvirus ist ein besonders ansteckendes Virus
Verursacht werden die Masern von einem der ansteckendsten Viren überhaupt. Es wird durch Tröpfchen und Aerosole übertragen, kann sich aber auch über Stunden auf Oberflächen halten. Wer sich angesteckt hat, kann den Erreger oft schon Tage vor dem Auftreten der ersten Symptome verbreiten (die Inkubationszeit beträgt bis zu zwei Wochen). Jeder Infizierte gibt das Virus im Schnitt an 12 bis 18 Menschen weiter. Zum Vergleich: Bei der Corona-Variante Omikron sind es bis zu neun. Rund 90 Prozent der ungeimpften Menschen stecken sich nach einem Kontakt an.
Wer die Erkrankung einmal durchgemacht hat, kann sich sein Leben lang nicht mehr infizieren. Einen mehr als 99-prozentigen Schutz vor der Infektion bietet der seit Ende der 1960er Jahre eingesetzte Lebendimpfstoff, der zweimal gegeben werden muss, jeweils in Kombination mit der Impfung gegen Mumps und Röteln. Die Ständige Impfkommission empfiehlt, dass Kleinkinder mit elf Monaten die erste Dosis und im Alter von etwa 15 Monaten die zweite Dosis erhalten. Der Impfstoff mit abgeschwächten, aber nicht abgetöteten Viren ist in der Regel gut verträglich, kann aber für Menschen, die Immunsuppressiva einnehmen müssen, gefährlich werden. Sie dürfen während der Therapie mit diesen Medikamenten keine Lebendimpfung erhalten.
Totimpfstoff gegen Masern bietet keinen sicheren Schutz vor dem Virus
Ein bis Mitte der 1970er Jahre ebenfalls eingesetzter Totimpfstoff aus abgetöteten Viren hingegen bietet keinen sicheren Schutz. Wer ihn als Kind bekommen hat, kann unter Umständen erkranken, in der Regel aber mild. Gleichwohl raten Fachleute Menschen, die mit einem solchen Vakzin gegen die Masern geimpft wurden und auch nie infiziert waren, sich zumindest eine Dosis des Lebendimpfstoffs verabreichen zu lassen.
Es stellt sich die Frage, warum die Fallzahlen seit 2023 weltweit gestiegen sind, gerade in den USA und Europa. Darüber lässt sich nur spekulieren. Die Vermutung liegt nahe, dass – wie bei so vielem – Corona eine Rolle spielen könnte. So sind laut dem Centrum für Reisemedizin während der Pandemie in vielen Ländern die Masern-Impfkampagnen eingestellt worden. Ein weiterer Grund könnte sein, dass nach Corona bei einigen die Skepsis gegenüber Impfungen gestiegen ist – obwohl es sich bei der Masernimpfung um einen „traditionellen“, lange erprobten Impfstoff mit sehr guter Sicherheitsbilanz handelt.
Die Masern-Infektion kann schwer verlaufen
Befeuert wurden Ängste mit Blick auf die Masernimpfung allerdings auch schon lange vor der Pandemie, konkret durch eine 1998 im Fachmagazin The Lancet veröffentlichte Studie, die einen Zusammenhang zwischen der Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps, Röteln und Autismus nahelegte. Diese Studie wurde allerdings 2010 komplett zurückgezogen. Mehrere Fachgesellschaften wie die Nationale Akademie für Medizin der USA weisen darauf hin, dass Autismus oft bei Kleinkindern in einem Alter festgestellt wird, in dem sie auch die Masern-Mumps-Röteln-Impfung bekommen – und deshalb beides zufällig zeitlich zusammenfällt. Das habe aber nichts mit einem Ursache-Wirkungs-Prinzip zu tun.
Was bei einem Verzicht auf die Impfung möglicherweise unterschätzt wird: Die Masern sind keine weitgehend harmlose Kinderkrankheit, sondern können auch schwer verlaufen. Die Symptome sind zunächst erkältungsartig mit trockenem Husten, laufender Nase, Halsschmerzen und Bindehautentzündung. Allerdings kann das Fieber auf bis zu 40 Grad steigen. Etwa drei bis fünf Tage nach Krankheitsbeginn gesellen sich dann die charakteristischen roten Flecken dazu, die meistens zuerst im Gesicht auftreten und sich dann nach unten zu Hals und Rumpf, Armen und Beinen bis hin zu den Füßen ausbreiten.
Masern-Infektion: Bei Kleinkindern und Erwachsenen ist das Risiko für Komplikationen größer
Die meisten Kinder kurieren die Masern in zwei bis drei Wochen aus und erholen sich vollständig. Bei Kleinkindern unter fünf Jahren und Erwachsenen ist das Risiko von Komplikationen größer. Dazu können eine Mittelohrentzündung, eine Lungenentzündung und Erblindung führen. In einem von 1000 Fällen kommt es laut Tomas Jelinek zu einer Gehirnentzündung, die bei zehn bis zwanzig Prozent der Betroffenen tödlich endet und bei weiteren 20 bis 30 Prozent bleibende Schäden hinterlässt.
Als sehr seltene Spätfolge kann Jahre nach der Infektion eine subakute sklerosierende Panenzephalitis auftreten, eine entzündliche, neurodegenerative Erkrankung des Gehirns, die immer tödlich verläuft. Hiervon sind nach Angaben des Centrums für Reisemedizin vier bis elf von 100.000 Masernerkrankten betroffen. Masern können außerdem eine Immunamnesie verursachen, die das Immungedächtnis schwächt und den Körper anfälliger für Infektionen mit Erregern macht, die er eigentlich bereits kennt. Eine ursächliche Therapie der Masern gibt es nicht, man kann lediglich die Beschwerden behandeln und lindern. (pam)
