Meeresspiegel steigt

Ein Kontinent hebt sich – die Auswirkungen könnten drastisch sein

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Wissenschaftler haben entdeckt, dass sich die Antarktis wegen des Schmelzens von Gletschern hebt – mit positiven und negativen Effekten.

München – Es ist bekannt, dass die Eiskappen an der Arktis und Antarktis schmelzen. Der daraus resultierende Anstieg des Meeresspiegels bedroht die Lebensräume von zahlreichen Menschen, die auf Inseln oder in Küstenregionen leben und treibt beispielsweise Eisbären aus ihren Jagdgebieten immer mehr in die Nähe von Dörfern, berichtet die Umweltschutzorganisation WWF. Eine neue Studie zeigt nun, wie sich das Schmelzen auch auf das Land unter dem Eis in der Antarktis auswirken kann. Ergebnisse zeigen: das Land hebt sich.

Phänomen mit gewaltigen Auswirkungen: Land hebt sich wegen Gletscherschmelzen an

Forscher haben laut der Online-Plattform Colorado Sun festgestellt, dass sich das Eisschmelzen in der westlichen Antarktis in einem sogenannten „feedback loop“ befindet. Das sei eine Rückkopplungsschleife, die das Schmelzen des westantarktischen Eisschildes weiter begünstige. Wasser dringe dabei in die „Schüssel“ aus kontinentalem Gestein ein, die einen massiven Gletscher hält, und bringe das Eis so schneller zum Schmelzen. Das heißt: je mehr Eis schmilzt, desto mehr steige das Wasser und umso mehr davon dringe zum Gletscher vor. Das wiederum sorge dafür, dass noch mehr Eis schmelze. Eine andere Studie zeigt, wie warmes Wasser unter die Eisdecke sickert, und das Schmelzen ebenfalls beschleunigen kann.

Das Eisschild auf dem Kontinent Antarktika ist die größte zusammenhängende Eismasse der Erde.

Was passiert aber mit dem Land unter den Eiskappen, wenn sie schmelzen? Bei Untersuchungen im Rahmen der Studie zeigt sich, dass das Gestein durch den verringerten Druck nach oben gedrückt werde und damit den Verlust weiteren Eises an das Meer verlangsame. Dieser Effekt wird Berichten der kanadischen McGill Universität zufolge auch „postglaziale Hebung“ genannt.

Wenn das Eis schneller schmilzt, als das Land sich hebt: Meeresspiegel steigt schneller an

An der Studie beteiligte Forscher haben laut sciencealert.com auch den Erdmantel unter der antarktischen Eisdecke untersucht. Dabei sei herausgekommen, dass er „in einigen wichtigen Bereichen besonders weich ist“. Das könne den unerwartet schnellen Anstieg des Landes verursachen. Genauso unerwartet verhält sich der größte Eisberg der Welt, der sich vom Schelfeis der Antarktis vor 30 Jahren löste und sich nun um seine eigene Achse dreht.

Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde

Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben.
Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben. © dpa/NASA/AP
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer.
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer. © Felipe Dana/dpa
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen.
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen. © Urs Flueeler/dpa
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen.
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen. © Oscar Vilca/INAIGEM/afp
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden.
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden. © Urs Flueeler/dpa
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination.
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination. © Johannes Eisele/afp
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser.
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser. © Jonathan Nackstrand/afp
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt.
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt. © Fabrice Coffrini/afp
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien.
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien. © Peter Parks/afp
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten.
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten. © imago/Xinhua
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.  © NASA Earth Observatory/Jesse Allen und Robert Simmon/United States Geological Survey/dpa
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen.
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen. © Kay Nietfeld/dpa

Das Team habe entdeckt, dass das Gestein in der westlichen Antarktis, also die Region unterhalb Südamerikas, um ungefähr fünf Zentimeter im Jahr steige, berichtet Colorado Sun. Wenn das Schmelzen auf einem niedrigen oder moderaten Niveau bleibe, könne das also die Bedrohung durch den wachsenden Meeresspiegel beheben. Der Effekt wirke wie eine natürliche Bremse für den Verlust der Eismassen, heißt es von Seiten der McGill Universität. Weiter heißt es, dass das laut Studie den Beitrag der Antarktis zum Anstieg des Meeresspiegels um bis zu 40 Prozent reduzieren könnte.

„Miami und New Orleans unter Wasser“: Küstenregionen von Anstieg des Meeresspiegels bedroht

Schmelzen die Gletscher jedoch weiterhin im selben Tempo wie bisher, könne das Kontinentalgestein nicht mit ihm Schritt halten. Stattdessen könne das den Anstieg des Meeresspiegels entlang besiedelter Küstenregionen beschleunigen. „Sollte es zu einer noch höheren Schmelzgeschwindigkeit kommen, werden noch zu unseren Lebzeiten Miami und New Orleans unter Wasser stehen, sofern sich die Temperaturen nicht stabilisieren“, heißt es in einem Bericht der McGill Universität. Sorge bereitet Experten auch ein weiteres Phänomen in der Antarktis.

Mithilfe eines 3D-Modells haben die Forscher herausgefunden, dass sich der Meeresspiegel bei geringer Erderwärmung bis 2500 um bis zu 1,7 Meter erheben werde, schreibt sciencealert.com. Bei ungebremster Erderwärmung liege dieser Wert bei 19,5 Metern. Sollte das Eisschild schneller schmelzen, als sich das Land heben kann, dann gelange mehr Wasser ins Meer und der Meeresspiegel steige rasanter. (gel)

Rubriklistenbild: © Alba Martin-Español/Science AAAS/dpa

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