Vogelgrippe

Ist das Vogelgrippe-Virus dabei, sich dem Menschen anzupassen? Studie gibt Aufschluss

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In den USA sind Fälle von Vogelgrippe bei Rinderherden in 14 Bundesstaaten aufgetreten. Pondsimage/Imago
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In den USA haben sich Kühe hauptsächlich durch Milch mit der Vogelgrippe angesteckt - nicht durch die Atemluft. Das zeigt eine neue Studie.

Frankfurt – Dass die Vogelgrippe auch von Mensch zu Mensch übertragen werden könnte, war in der Fachwelt bereits ein Schreckensszenario, bevor das Coronavirus eine Pandemie auslöste. Eine Sorge besteht darin, dass der Erreger – das Virus H5N1 – sich so verändert, dass man sich über die Luft, Tröpfchen oder auch kontaminierte Oberflächen anstecken kann. Bislang haben sich die wenigen Menschen, die an der Vogelgrippe erkrankt waren, über den Kontakt mit Tieren infiziert.

Seit das Virus im Frühjahr erstmals bei Rinderherden in den USA nachgewiesen wurde, gibt es die Befürchtung, dass H5N1 sich erfolgreich an diese Säugetiere angepasst hat und sie sich gegenseitig anstecken können. Mittlerweile sind mehr als 190 Milchviehbetriebe in 14 US-Bundesstaaten betroffen. Auch einige Menschen haben sich auf den Farmen infiziert. Hinweise auf eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung existieren aber nicht.

Wie weit ist das Vogelgrippevirus H5N1 von der Mensch-zu-Mensch-Übertragung entfernt?

Doch wie weit ist H5N1 davon noch entfernt? Ein US-amerikanisch-deutsches Forschungsteam hat sich mit Übertragungswegen des Virus beschäftigt. Die Ergebnisse wurden vergangene Woche im Fachmagazin Nature veröffentlicht. Das Wichtigste: Die Autorinnen und Autoren schließen aus ihren Untersuchungen, dass sich die Viren vor allem im Euter vermehren und die Hauptübertragungswege Milch und Melkverfahren sind – sich die Tiere aber nicht gegenseitig über die Atemwege angesteckt haben.

„Das sind schon einmal sehr gute Nachrichten für die Risikoabschätzung, wie es weitergeht“, kommentierte der nicht an der Studie beteiligte Virologe Martin Schwemmle vom Universitätsklinikum Freiburg die Ergebnisse bei einem Pressegespräch des Science Media Center. Diese Informationen hätten bisher gefehlt.

Für die Studie infizierten die Forschenden Kälber zum einen über die Nase und ins Maul, was einer natürlichen Übertragung über die Luft entspricht. Zum anderen wurde Kühen das Virus in die Euter gegeben. Zum Einsatz kamen dabei zwei Stämme des Virus: einer aus den Rinderherden und einer aus einem Wildvogel.

Infektion über Nase und Maul führte nur zu einer „moderaten Infektion“

Es habe sich gezeigt, dass die Infektion der Kälber über die Nase und ins Maul „nur zu einer moderaten bis geringgradigen Infektion führte“, mit geringen Virusmengen für ein paar Tage, berichtet Martin Beer, Leiter des Instituts für Virusdiagnostik am Friedrich-Loeffler-Institut, Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit in Greifswald und einer der Studienautoren. Über den direkten Kontakt mit infizierten Kälbern hätte sich kein Tier angesteckt: „Das Virus hatte offenbar nicht die Möglichkeit, sich so effizient zu vermehren.“

Im Euter hingegen hätten beide Virustypen „maximale Mengen“ erreicht. Die Tiere seien dann auch richtig krank geworden. „Die bekommen Fieber und die Milchproduktion wird innerhalb von wenigen Tagen um über 90 Prozent reduziert.“ Diese Rohmilch habe sehr viel Virus enthalten. In anderen Körperteilen hingegen habe sich trotz der starken Belastung der Euter kein Virus gefunden.

Die Untersuchungen zeigten, dass die Übertragung am effizientesten von Euter zu Euter zu gehen scheine, sagt Beer. Da auch die Milch so viel Virus enthalten könne, reiche für eine Ansteckung bereits eine kleine Menge aus. Die Fachleute vermuten, dass das Virus vor allem über Melkgerätschaften weitergegeben wird. Auf diese Möglichkeit hatte bereits eine frühere Studie aus den USA hingewiesen, verbunden mit der Mahnung, auf penible Melkhygiene zu achten. Bei der Ansteckung von Kühen aus anderen Herden habe wahrscheinlich der Transport infizierter Kühe eine große Rolle gespielt, sagt Beer. Um das eindeutig nachzuvollziehen, fehlten aber Daten aus den USA.

Wie kam das Vogelgrippevirus zu den Rindern?

Aber wie kam das Virus überhaupt zu den Rindern? Wie Martin Schwemmle sagt, gab es „wahrscheinlich nur eine einzige Übertragung aus der Vogelwelt in die Milchkuh“. Das hätten molekulare Analysen gezeigt. Der Virologe nimmt nicht an, dass ein solches Ereignis – etwa in Europa – noch ein weiteres Mal stattfindet.

Bleibt indes die Frage, ob sich das Virus – nun, da es das Rind erreicht hat – noch besser an diese Spezies anpassen und irgendwann auch über die Luft andere Tiere infizieren könnte. Würde das geschehen, so Schwemmle, wäre der Erreger „im Säugetiersystem drin und könnte sich da ausbreiten“. „Wenn das Virus die Chance hätte, sich im Rind festzusetzen, dann weiß keiner so genau, wie die Auswirkungen sind.“ Dann wäre vielleicht auch der Sprung auf den Menschen „nicht mehr so weit“. Aber im Moment habe sich H5N1 noch nicht in dieser Weise angepasst.

Martin Beer geht davon aus, dass die Viren dafür „offenbar Hürden überwinden müssen, die nicht leicht überwindbar sind“. Bereits die Anpassung an das Rind wäre „ein großer Schritt für das Virus“. Die erfolgte Anpassung an den Euter sei es nicht, der habe einen Sonderstatus. Auch die Tatsache, dass die infizierten Menschen nur Bindehautentzündungen oder ganz leichte respiratorische Symptome entwickelt hätten, sieht Beer als Hinweis, dass das Virus von einer Anpassung noch weit entfernt ist.

Ein größeres Risiko als von Rindern geht nach Ansicht des Virologen von Pelztieren aus. Denn diese seien gleichermaßen „hoch empfänglich“ für Vogelgrippe und humane Influenzaviren und somit ein „Mischgefäß“ für beide Erreger. Ein mögliches neues Virus aus Vogelgrippe und menschlicher Grippe fürchtet man in Fachkreisen seit langem als potenziell größte Gefahr, die es unbedingt zu verhindern gilt. Ausgerechnet bei diesen weltweit millionenfach verbreiteten Tieren gebe es noch weniger Überwachung als bei anderen Spezies. (tab)

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