VonPamela Dörhöferschließen
Einige Menschen tragen das Coronavirus über einen langen Zeitraum in sich, wie Studien aus Großbritannien und den USA belegen.
Frankfurt – Manche Menschen kriegen das Coronavirus nur schlecht wieder los und sind länger als einen Monat infiziert. Bei einigen lässt sich der Erreger sogar noch nach mehr als einem Jahr im Blut und Gewebe nachweisen. Das haben Studien der Oxford University (Großbritannien) und der University of California in San Francisco ergeben. Die anhaltende Anwesenheit von Sars-CoV-2 im Körper erhöht das Risiko für Long Covid und kann unter Umständen dazu führen, dass sich neue Varianten bilden. Der Anteil persistierender Infektionen in der Allgemeinbevölkerung scheint dabei weitaus höher zu sein als bislang angenommen.
Das Forschungsteam der Oxford University nutzte für seine Studie Daten aus dem „Office for National Statistics Covid Infection Survey“, wo zwischen November 2020 und August 2022 mehr als 90.000 Frauen und Männer monatlich auf Sars-CoV-2 getestet wurden. Bei 3603 Personen fielen in diesem Zeitraum zwei oder mehr Proben positiv aus, bei 381 davon ließ sich einen Monat oder länger die gleiche Virusinfektion nachweisen. Sie hatten sich also nicht erneut angesteckt, sondern ihre ursprüngliche Infektion nicht überwunden.
Innerhalb dieser Gruppe wiederum litten 54 Männer und Frauen an einer besonders hartnäckigen Infektion, die mindestens zwei Monate anhielt. Die Forschenden schätzen, dass zwischen einer von 1000 und einer von 200 Infektionen mindestens 60 Tage andauern.
Coronavirus kann sich auch nach längerer Zeit im Körper vermehren
In einigen Fällen waren Teilnehmende zudem mit Varianten infiziert, die in der Allgemeinbevölkerung gar nicht mehr kursierten. Gleichzeitig stellten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fest, dass eine wiederholte Infektion mit der gleichen Variante nur sehr selten vorkam, was sie als Indiz dafür deuten, dass man eine Immunität gegen eine Variante aufbaut.
Bei 65 der 381 Teilnehmenden mit länger als zwei Monaten andauernden Infektionen wurden in dieser Zeit drei oder mehr PCR-Tests gemacht. Bei den meisten davon zeigte sich eine wechselnde Viruslast, die zunächst hoch war, dann sank und erneut stieg. Die Studienautorinnen und -autoren sehen das als Beleg, dass das Coronavirus auch nach längerer Zeit im Körper noch in der Lage ist, sich zu vermehren.
Manche Studienteilnehmende hatten „extrem hohe“ Anzahl von Corona-Mutationen
Eine persistierende Infektion ist nicht zu verwechseln mit Long Covid, den Langzeitfolgen einer Infektion. Allerdings: Die Wahrscheinlichkeit, mehr als zwölf Wochen nach der Ansteckung unter typischen Long-Covid-Beschwerden wie Müdigkeit, Kurzatmigkeit und Konzentrationsproblemen zu leiden, war bei den Teilnehmenden mit hartnäckigen Infektionen im Vergleich zu „normalen“ Verläufen um 55 Prozent erhöht. Katrina Lythgoe vom Department of Biology and Pandemic Sciences Institut der University of Oxford sagt dazu: „Obwohl der Zusammenhang zwischen Viruspersistenz und Long Covid möglicherweise nicht kausal ist, deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass persistierende Infektionen zur Pathophysiologie von Long Covid beitragen können.“
In den Proben einiger Teilnehmenden mit persistierenden Infektionen wurde zudem eine „extrem hohe“ Anzahl von Mutationen nachgewiesen – darunter solche, die das Spike-Protein – auf das die Impfung zielt – betreffen und die auch die Wirksamkeit monoklonaler Antikörper beeinträchtigen können. Auch wenn das nur eine Minderheit der anhaltend Infizierten betraf, so mahnt Studienautor Mahan Ghafari doch eine fortgesetzte Überwachung des Genoms von Sars-CoV2 an, „um sowohl die Entstehung als auch die Verbreitung neuer Varianten“ im Blick zu behalten und „ein grundlegendes Verständnis der natürlichen Entwicklung neuer Krankheitserreger und ihrer klinischen Auswirkungen für Patienten zu erlangen.“
Wie entstehen neue Varianten von Sars-CoV-2?
Wie neue Varianten von Sars-CoV-2 entstehen, dazu gibt es mehrere Erklärungsansätze. Verbreitet ist die Ansicht, dass sie sich in Patientinnen und Patienten bilden, deren Immunsystem nur eingeschränkt arbeitet und deshalb das Virus nicht beseitigen kann. Eine weitere Theorie ist, dass die zunehmende Immunität in der Bevölkerung durch Impfung und Infektionen einen starken Selektionsdruck auf das Virus ausübt und es nötigt, sich zu verändern, um weiter Menschen infizieren zu können.
Bei der ersten von zwei Studien aus Kalifornien fanden sich bei einigen Patientinnen und Patienten noch mehr als ein Jahr nach der akuten Krankheit Viren in Blut und Gewebe; auch hier deuten die Forschenden das als eine potenzielle Ursache von Long Covid. Sie hatten dafür die Blutproben von 171 Menschen untersucht. Interessant: Studienleiter Michael Peluso von der School of Medicine der University of California geht davon aus, dass sie alle „normale Immunreaktionen“ hatten. Allerdings war die Wahrscheinlichkeit für eine lange Viruspräsenz im Körper bei schwereren akuten Verläufen deutlich höher als bei normalen.
In der zweiten Studie sah sich das Forschungsteam Proben von der Long Covid-Gewebebank der University of California an, die von Menschen mit und ohne Long Covid gespendet wurden. Teile viralen Erbguts entdeckten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einigen Proben sogar noch bis zu zwei Jahre nach der akuten Infektion – ohne dass es Hinweise gegeben hätte, dass die betreffende Person wiederholt infiziert war. Das Virenmaterial fand sich im Bindegewebe, wo sich auch Immunzellen tummelten, was wiederum darauf hindeutet, dass die Fragmente von Sars-CoV-2 die Abwehr auf Trab hielten. Tatsächlich entdeckten die Forschenden in einigen Proben Anhaltspunkte, dass das Virus noch aktiv sein könnte. In weiteren Studien, so Michael Peluso, müsse nun geklärt werden, ob auch Virusfragmente Long Covid begünstigen. (pam)
