VonNadja Orthschließen
Long Covid könnte laut einer Expertin zu einer großen gesellschaftlichen Herausforderung werden. Sie fordert mehr Präventiv-Maßnahmen in Deutschland.
Frankfurt – Menschen in Deutschland müssen wieder besser vor einer Corona-Erkrankung geschützt werden. Dieser Meinung ist Kathryn Hoffmann, Leiterin der Abteilung für Primary Care Medicine der Medizinischen Universität Wien. Die Expertin forderte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur APA mehr präventive Maßnahmen, um vor allem das Risiko für Long Covid Erkrankungen infolge einer Infektion zu senken. Denn je öfter sich bestimmte Menschen mit Covid anstecken und dabei Symptome bekommen, desto größer würde das Risiko von Langzeitschäden.
Laut Hoffmann sei in der Forschung mittlerweile bekannt, dass sich das Risiko von Long Covid mit jeder Infektion kumulativ erhöht. Vor allem, wenn von der Vorinfektion noch Schäden bestehen „und sich die nächsten schon wieder draufsetzen“, so die Expertin. Deshalb warnte sie: „Was alle brauchen, ist guter Infektionsschutz vor einer erneuten SARS-CoV-2 Infektion.“
Risiko für Long Covid steigt mit jeder Infektion - Wissenschaftlerin fordert deutlich mehr Maßnahmen
Dafür seien vor allem Maßnahmen zu sauberer Luft in Innenräumen notwendig. Als Beispiel nannte Hoffmann sogenannte HEPA-Filtersysteme, die auf Raumgröße und Menschenanzahl angepasst werden könnten. Solange, „bis Be- und Abluftsysteme flächendeckend implementiert sind“, erklärte sie weiter. Vor allem Kindergärten und Schulen sollten bei einer solchen Maßnahme Priorität haben. Aber auch öffentliche Verkehrsmittel, Großraumbüros und zum Beispiel Krankenhäuser seien wichtige Bereiche, um vor Infektionen zu schützen. Bis dahin plädiert die Expertin für das Tragen von „qualitativ hochwertige Masken“ vor allem im Gesundheitswesen und in öffentlichen Verkehrsmitteln sowie für gute Testmöglichkeiten.
Long Covid sollte in der Gesellschaft demnach nicht unterschätzt werden. In den USA und Großbritannien würden die vielen Langzeitausfälle durch Long-Covid bereits Schlagzeilen machen, betonte Hoffmann. Auch in Österreich steige jährlich die Anzahl von gleichzeitig Erkrankten und Krankenstandstagen. Deutschland ist dabei keine Ausnahme: Hierzulande sind schätzungsweise Millionen Menschen an Long Covid erkrankt. Das sorgt auch für Milliardenverluste bei Unternehmen und Rentenkassen, wie Studien nahelegen.
Expertin warnt vor Long Covid: Diese Menschen sind besonders gefährdet
Um das Risiko zu verstehen, sei eine Unterteilung des Begriffes „Long Covid“ wichtig. Hoffmann unterscheidet zwischen drei großen Gruppen von Long-Covid-Patienten:
- Betroffene, die durch einen schweren akuten Verlauf mit lang anhaltenden Schäden kämpfen. Beispiele für einen schweren Verlauf können zum Beispiel Lungenentzündung, Herzmuskelentzündung, Lungenfibrose oder Nierenschäden sein.
- Betroffene, die durch eine Infektion neue Erkrankungen bekommen oder Betroffene, bei denen eine bereits bestehende Krankheit durch eine Infektion verschlimmert wird. Beispiele hierfür sind Lungen- und Herzerkrankungen oder auch Dysfunktionen im Immunsystem.
- Betroffene, die nach einer Infektion unter dem postakuten Infektionssyndroms Post-Covid leiden.
Hoffmann erklärt, dass vor allem die zweite Gruppe unter einem höher werdenden Risiko betroffen sind. Je öfter sie sich anstecken, desto größer wird also die Wahrscheinlichkeit einer neuen Krankheit oder einer Verschlimmerung einer bestehenden Krankheit. Zudem würden Studien zeigen, dass „ca. 80 Prozent der PatientInnen bei einer erneuten Infektion wieder eine Symptomverschlechterung erleiden“, heißt es in dem Bericht von APA weiter. Besonders für diese Patientengruppe gebe es aktuell kaum spezifische Behandlungsstellen. Diese seien aber „dringend“ notwendig. Long Covid stellt die Forschung vor eine große Herausforderung.
Long Covid in Deutschland: die Lage im Überblick
Wieviele Menschen in Deutschland unter Long Covid leiden, ist nur schwer zu ermitteln. Im November hatte CDU-Chef Friedrich Merz von schätzungsweise mehr als 2,5 Millionen Betroffenen gesprochen. Weltweit wird die Zahl auf 65 Millionen Long-Covid-Betroffenen geschätzt. Laut dem Robert Koch Institut (RKI) sei es allgemein sehr schwierig, die Häufigkeit verlässlich zu schätzen. „Insbesondere fehlt es an bevölkerungsrepräsentativen, kontrollierten Studien mit ausreichender Nachbeobachtungszeit, die einen Vergleich von Personen mit und ohne durchgemachte SARS-CoV-2-Infektion ermöglichen“, schreibt das RKI.
Merz hatte für Deutschland eine großangelegte nationale Dekade gegen Long Covid gefordert, „die über zehn Jahre alle Kräfte in Wissenschaft, Forschung und Praxis bündelt und dafür sorgt, dass aus einem heutigen Schicksalsschlag schnellstmöglich behandelbare Krankheiten werden“. Das Bundesbildungsministerium wies die Kritik von Merz als unzutreffend zurück. „Die Bundesforschungsministerin fördert schon seit 2021 gezielt die Erforschung von Long Covid/Post Covid“, hieß es. (nz mit dpa-Informationen)
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