Forschende stellen fest, dass es in der Antarktis nicht genug Eis gibt – obwohl dort gerade Winter herrscht und sich Eis bildet. Was ist los rund um den Südpol?
Antarktis – Derzeit erlebt die Antarktis den tiefsten Winter, trotzdem sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler besorgt über den Zustand der dortigen Gletscher und des Meereises. Tag für Tag verwandeln sich große Wasserflächen in der Antarktis in Eis – es ist jedoch nicht genug. Eine Analyse der Financial Times verdeutlicht, dass das aktuelle Meereis-Niveau für diese Jahreszeit deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt liegt. Es wird geschätzt, dass zu dem langjährigen Durchschnittswert für diese Jahreszeit 2,4 Millionen Quadratkilometer Meereis fehlen.
Im Vergleich zum Vorjahr hat die Ausdehnung des Meereises um fast 1,1 Millionen Quadratkilometer abgenommen. Um das Ausmaß zu verdeutlichen: Der Unterschied zu 2022 entspricht einer Fläche, die etwa dreimal so groß ist wie Deutschland. Kürzlich hat die World Meteorological Organization (WMO) Alarm geschlagen, dass das globale Meereis in einem „beispiellosen Tempo“ schwindet. Dieser Rückgang gehe mit „gravierenden Auswirkungen“ für das weltweite Wetter und Klima einher.
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Sorge um Meereis in der Antarktis – Wasser ist zu warm
Seit dem Jahr 2016 ist das Meereis in der Antarktis in einem Ausmaß zurückgegangen, das seit Beginn der Satellitenaufzeichnungen in den 1970er Jahren noch nie zuvor beobachtet wurde. Im Jahr 2022 gab es erstmals eisfreie Küstengebiete in der Antarktis. Forscherinnen und Forscher vermuten, dass die hohe Temperatur für diese ungewöhnliche Meereis-Anomalie verantwortlich ist. Im Mai 2023 wurden weltweit erstmals höhere Oberflächentemperaturen der Meere gemessen als im Vorjahr, wie das Copernicus-Erdbeobachtungssystem berichtet. Dieser Trend setzte sich im Juni fort: auch in diesem Monat waren die Meere wärmer als in jedem vergleichbaren Monat der Vorjahre.
Der emeritierte Mathematik-Professor Eliot Jacobson teilt auf Twitter mit, wie außergewöhnlich die aktuellen Werte sind: Die Eisfläche liegt derzeit um mehr als fünf Standardabweichungen (5σ) unter dem langjährigen Durchschnitt, was statistisch gesehen nur einmal alle mehr als sieben Millionen Jahre vorkommt. In beunruhigenden Worten erklärt er: „Mitten im Winter liegen einige Gebiete an der Küste der Antarktis heute über dem Gefrierpunkt. Es bildet sich kein Eis.“ Und: „Der Planet erlebt ein Zusammentreffen von 5σ-Ereignissen, Meerestemperaturen, Oberflächentemperaturen, El Niño und antarktischem Eis, die immer extremer werden.“
Ugg. In the dead of winter, some areas of the coast of Antarctica are above freezing today, so of course the ice isn't forming.
The planet is experiencing a concurrence of 5σ events, ocean temps, surface temps, El Nino, Antarctic ice, that only continue to get more extreme. pic.twitter.com/p38A1L2mVg
— Prof. Eliot Jacobson (@EliotJacobson) July 5, 2023
Verschiedene Faktoren beeinflussen Meereis in der Antarktis
Verschiedene Faktoren beeinflussen die Entwicklung des Meereises in der Antarktis. Wind, Wassertemperatur, Lufttemperatur und Meeresströmungen tragen zum Schrumpfen und Wachsen des Eises bei. Die genaue Rolle jedes einzelnen Faktors ist bisher jedoch nicht genau erforscht. Dies liegt zum Teil daran, dass die Region enorm groß und schwer zugänglich ist. Vor diesem Hintergrund fordern Polarforscher:innen langfristige Beobachtungen, um diese Wissenslücken zu schließen und weitere Erkenntnisse zu gewinnen.
Für diesen von der Redaktion geschriebenen Artikel wurde maschinelle Unterstützung genutzt. Der Artikel wurde vor Veröffentlichung von Redakteurin Tanja Banner sorgfältig überprüft.