VonPamela Dörhöferschließen
Der Bevölkerungszuwachs und Alterung sind globale Treiber für Krebs-Erkrankungen: Die Prognosen klettern steil nach oben. Deutschland schneidet im internationalen Vergleich in einer Hinsicht allerdings sehr gut ab.
Wer sich das Diagramm zu den globalen Krebserkrankungen der Weltgesundheitsorganisation WHO anschaut, sieht eine derzeit leicht steigende Kurve, die in wenigen Jahren merklich steiler nach oben klettert – in Zahlen: von weltweit knapp 20 Millionen Neuerkrankungen im Jahr 2022 auf prognostizierte rund 30 Millionen im Jahr 2040, 35 Millionen 2050 und 40 Millionen im Jahr 2060. Laut der zur WHO gehörenden Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) wird jeder fünfte Mensch im Laufe seines Lebens an Krebs erkranken – und einer von neun Männern und eine von zwölf Frauen daran sterben.
Als Gründe für den erwarteten Anstieg führt die IARC den globalen Bevölkerungszuwachs und die Tatsache an, dass Menschen immer älter werden; Alter gilt als ein Hauptrisikofaktor für Krebs. Hinzu kämen Tabak- und Alkoholkonsum, Übergewicht und Luftverschmutzung, die alle ebenfalls zur Erhöhung des Krebsrisikos beitragen.
Besonders stark von einer Zunahme der Tumorerkrankungen betroffen seien Länder mit geringem und mittleren Einkommen, sagt Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender und wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg (DKFZ). Aber auch an Deutschland, das zu den Ländern mit hohem Einkommen zählt, werde die erwartete Entwicklung nicht vorbeigehen: Laut Baumann erhalten in der Bundesrepublik derzeit jährlich rund 500 000 Menschen die Diagnose Krebs, jedes Jahr sterben 225 000 Patientinnen und Patienten an der Krankheit, die nach Herz-Kreislauf-Leiden die zweithäufigste Todesursache ist.
Krebs oft zu spät entdeckt
Bis 2040, so der DKFZ-Chef, werde die Inzidenz bei den Neuerkrankungen um 19 Prozent steigen. Noch stärker werde auch die Mortalität durch Krebs bis zum Jahr 2040 zunehmen, sagt Baumann: um 26 Prozent. Der Mediziner begründet diese Einschätzung, die angesichts von immer mehr und besseren Therapiemöglichkeiten zunächst überraschend klingt, mit einer „Verschiebung“ bei den Krebsfällen hin zu steigenden Zahlen bei Tumorarten, die schwer zu behandeln sind.
Weltweit starben im Jahr 2022 nach den Angaben der Internationalen Agentur für Krebsforschung 9,7 Millionen Menschen an Krebs. Die häufigste Tumorarten mit jährlich 2,5 Millionen neuen Fällen sei Lungenkrebs, gefolgt von Brust- und Darmkrebs. Bei den Frauen tritt Brustkrebs am häufigsten auf (2,3 Millionen neue Diagnosen), danach kommen Lungen- und Darmkrebs. Bei Männern liegt weltweit Lungenkrebs auf dem ersten Platz (in Deutschland ist es Prostatakrebs), vor Prostata- und Darmkrebs. In die Analyse der IARC sind die Daten von 185 Ländern zu 36 Krebsarten eingeflossen.
Leben mit Krebs: Deutschland schneidet im internationalen Vergleich sehr gut ab
Lungenkrebs verläuft trotz gestiegener Behandlungsmöglichkeiten wie der Immuntherapie immer noch häufig tödlich, weil er meist zu spät entdeckt wird. Weltweit ist diese Tumorart für die meisten Todesfälle durch Krebs verantwortlich: 1,8 Millionen Menschen sterben jährlich nach Angaben der IARC daran,, 900 000 sind es bei Darmkrebs, 670 000 bei Brustkrebs.
Die Zahl der Menschen, die fünf Jahre nach einer Krebsdiagnose noch leben, lag 2022 bei weltweit 53,5 Millionen. Deutschland schneidet im internationalen Vergleich sehr gut ab: 66 Prozent der Frauen und 62 Prozent der Männer mit Krebs leben fünf Jahre nach der Diagnose noch, erklärt DKFZ-Vorstand Michael Baumann.
Insgesamt gibt es in der Bundesrepublik fünf Millionen Menschen, die an einer Krebserkrankung leiden oder sie überstanden haben. Letztere bilden eine wachsende Gruppe, weshalb in der Krebsmedizin zunehmend an Bedeutung gewinnt, wie sich nach einer erfolgreichen Therapie die Wiederkehr eines Tumors verhindern lässt. In der Fachsprache wird das als Tertiärprävention bezeichnet – tertiär in Abgrenzung zur Früherkennung (Untersuchungen wie Mammographie oder Darmspiegelung) und der Primärprävention, die vor allem auf das Vermeiden von Risikofaktoren setzt, die man mehr oder weniger selbst beeinflussen kann.
Viele Faktoren als Auslöser
Nach heutigem Wissensstand gelten vier von zehn Krebsursachen als vermeidbar, erklärt Michael Baumann. An erster Stelle steht hierbei, wenig verwunderlich, das Rauchen, auf dessen Konto 19,3 Prozent der Erkrankungen in Deutschland gehen sollen, gefolgt von der Ernährung (7,8 Prozent), Übergewicht (6,9 Prozent), Bewegungsmangel (6,1 Prozent), Infektionen, etwa mit bestimmten Formen des humanen Papillomvirus oder dem Magenkeim Helicobacter pylori (vier Prozent), Alkohol (2,2 Prozent) und diversen Umweltfaktoren wie Feinstaub (1,2 Prozent). Es wird vermutet, dass es noch weitere Faktoren gibt, die das Tumorrisiko erhöhen, die man bislang aber noch nicht kennt. „Hier muss weiter geforscht werden“, sagt der DKFZ-Vorsitzende.
Weil Menschen unterschiedliche Lebensstile pflegen, aber auch, weil die genetische Disposition sie unterschiedlich anfällig macht, setzt man in der Krebsforschung beim Thema Prävention zunehmend auf Personalisierung. Eine Entwicklung, die in der Krebstherapie schon seit etlichen Jahren im Gange ist. Für die Prävention bedeutet das laut Michael Baumann, „spezifische Angebote“ zu machen, die an das individuelle Risiko angepasst sind. Dieses für jeden Einzelnen, jede Einzelne ermitteln zu können und dafür möglichst einfache, breit anwendbare Methoden zu entwickeln, wird eine der großen Herausforderung der Krebsmedizin in den nächsten Jahren sein

