VonTanja Bannerschließen
Außerhalb des Erdmagnetfelds existiert gefährliche Strahlung. Das könnte auch lange Reisen zum Mars erschweren, wie eine neue Studie zeigt.
London – Eine Reise ins Weltall ist für den menschlichen Körper anstrengend – und zwar nicht nur wegen des heftigen Raketenstarts. Auch die Schwerelosigkeit im Weltraum wirkt sich auf die Menschen aus, genau wie die Strahlung im All. Eine verringerte Knochendichte, Knochenschwund, eine Schwächung des Herzens und der Sehkraft wurden bei Astronautinnen und Astronauten nach Weltraumaufenthalten ebenso festgestellt wie die Entwicklung von Nierensteinen.
Die Forschung geht davon aus, dass viele dieser Probleme durch Weltraumflüge daher kommen, dass die Menschen im Weltall der Weltraumstrahlung ausgesetzt sind. Gemeint sind damit beispielsweise der Sonnenwind oder galaktische kosmische Strahlung (GCR) aus dem tiefen Weltraum – vor beidem schützt das Magnetfeld der Erde die Menschen, die sich auf dem Planeten befinden. Wer sich beispielsweise an Bord der Internationalen Raumstation ISS in 400 Kilometern Höhe befindet, hält sich größtenteils außerhalb des Magnetfelds auf und ist dem Sonnenwind ausgeliefert.
Menschen sind der Weltraumstrahlung auf dem Weg zum Mars ausgesetzt
Die 24 Menschen, die den niedrigen Erdorbit verlassen haben, um in den 1960er und 1970er Jahren zum Mond zu fliegen, waren außerdem galaktischen kosmischen Strahlen (GCR) ausgesetzt. Sie hielten sich jedoch nur für mehrere Tage in einem Bereich auf, wo sie nicht vor den Strahlen geschützt waren. Bei künftigen Missionen zum Mars wird das anders sein: Allein die Hin- und Rückreise zum roten Planeten wird jeweils mehrere Monate dauern, dazu kommt der Forschungsaufenthalt auf dem Mars. Was passiert also mit dem menschlichen Körper, wenn er so lange der galaktischen kosmischen Strahlung ausgesetzt ist?
Ein Forschungsteam vom University College in London (UCL) hat sich diese Frage vorgenommen und speziell auf die Niere bezogen. Analysen der Nieren von Menschen und Tieren, die im Weltall waren, zeigten: Die Nieren werden durch die Bedingungen im Weltall „umgebaut“, wobei bestimmte Nierentubuli, die für die Feinabstimmung des Kalzium- und Salzhaushalts zuständig sind, nach weniger als einem Monat im Weltraum Anzeichen von Schrumpfung aufwiesen.
Warum treten im Weltall Probleme wie Nierensteine auf?
Keith Siew, der Leiter der Studie, die im Fachjournal Nature Communications veröffentlicht wurde, betont: „Wir wissen, was mit den Astronauten auf den bisher durchgeführten relativ kurzen Weltraummissionen passiert ist, nämlich eine Zunahme von Gesundheitsproblemen wie Nierensteinen. Was wir nicht wissen, ist, warum diese Probleme auftreten und was mit Astronauten auf längeren Flügen, wie der geplanten Marsmission, passieren wird.“
Diese Dinge wurden auf dem Mars entdeckt – sie gehören dort nicht hin




Um das herauszufinden, wurden für die Studie Mäuse simulierten galaktischen kosmischen Strahlen ausgesetzt, die einer 1,5- beziehungsweise 2,5-jährigen Mars-Mission entsprachen. Das alarmierende Ergebnis: Die Nieren der Mäuse, die die Strahlungsmenge von 2,5 Jahren abbekommen hatten, wurden dauerhaft beschädigt und funktionierten nicht mehr.
Gefährliche Reise zum Mars: Die Niere könnte auf der langen Reise versagen
Siew ist sich sicher: „Wenn wir keine neuen Methoden zum Schutz der Nieren entwickeln, würde ich sagen, dass ein Astronaut es zwar zum Mars schaffen könnte, aber auf dem Rückweg eine Dialyse benötigt.“ Der Forscher fährt fort: „Wir wissen, dass die Nieren erst spät Anzeichen von Strahlenschäden zeigen; wenn sich dies bemerkbar macht, ist es wahrscheinlich zu spät, um ein Versagen zu verhindern, was für die Erfolgschancen der Mission katastrophal wäre.“
Strahlung im Weltall
Ein Jahr auf der Internationalen Raumstation (400 km Höhe) setzt Astronautinnen und Astronauten einer Strahlendosis aus, die 50 Prozent über dem Fünfjahresgrenzwert für Kernenergie-Arbeitende liegt.
Die private Raumfahrtmission „Inspiration4“ flog 200 Kilometer höher als die ISS. Die Besatzung bekam innerhalb von drei Tagen so viel Strahlung ab, wie bei einem neunmonatigen Aufenthalt auf der ISS.
In einem Jahr auf der Oberfläche des Mars wäre ein Mensch so viel Strahlung ausgesetzt wie ein Augenzeuge bei der Atombombe von Hiroshima. Eine drei Jahre dauernde Mars-Mission würde die sechsfache Strahlung bedeuten.
Schutz der Niere für Missionen zum Mars hilft auch Menschen auf der Erde
Das Forschungsteam betont in einer Mitteilung jedoch auch: Jetzt, wo man das Problem identifiziert hat, kann man nach einer Lösung suchen. Co-Autor Stephen B. Walsh sagt dazu: „Unsere Studie unterstreicht die Tatsache, dass bei der Planung einer Weltraummission die Nieren eine große Rolle spielen. Man kann sie nicht mit Abschirmungen vor der galaktischen Strahlung schützen, aber wenn wir mehr über die Biologie der Nieren erfahren, ist es vielleicht möglich, technische oder pharmazeutische Maßnahmen zu entwickeln, die längere Weltraumreisen erleichtern.“
Und davon wiederum könnten auch Menschen profitieren, die auf der Erde bleiben, so Walsh: „Medikamente, die für Astronauten entwickelt werden, können auch hier auf der Erde von Nutzen sein, indem sie zum Beispiel die Nieren von Krebspatienten in die Lage versetzen, höhere Dosen der Strahlentherapie zu vertragen, denn die Nieren sind einer der limitierenden Faktoren in dieser Hinsicht“. (tab)
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