VonPamela Dörhöferschließen
Ein Forschungsteam aus den USA untersucht den Zusammenhang zwischen Tabakkonsum und einem erhöhten Risiko für Demenz.
St. Louis – Langjähriges Rauchen lässt das Gehirn schrumpfen – wobei die graue Substanz besonders betroffen ist. Zu diesem Ergebnis kommen Forschende der Washington University School of Medicine in St. Louis (US-Bundesstaat Missouri) in einer im Journal Biological Psychiatry Global open Science veröffentlichten Studie. Ihre Arbeit basiert auf einer Analyse von Daten der UK-Biobank, für die zwischen 2006 und 2010 rund eine halbe Million Menschen in Großbritannien befragt und bei denen auch Blutproben genommen wurden; letztere zu dem Zweck genetischer Untersuchungen. 2012/2013 wurde bei 32 094 Teilnehmenden europäischer Abstammung zudem noch eine Kernspintomographie des Kopfes gemacht, bei der man auch das Volumen des Gehirns maß.
Diese Daten der UK-Biobank setzte das US-Team um die Psychiatrie-Professorin Laura Bierut mit den Angaben der Probandinnen und Probanden zu ihrem Rauchverhalten in Beziehung. Es stellte sich heraus, dass Männer und Frauen, die täglich rauchten, ein im Schnitt um 3360,95 Kubikmillimeter kleineres Gehirn hatten. Die „grauen Zellen“ machten dabei mit 2964,18 Kubikmillimetern den Löwenanteil aus. Hier gebe es einen „starken Zusammenhang“, schreiben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Aber auch weiße Substanz geht verloren, allerdings in weitaus geringerem Umfang. Die graue Substanz ist eine wesentliche Komponente des zentralen Nervensystems, sie besteht überwiegend aus den Zellkörpern von Nervenzellen. Die weiße Substanz enthält Nervenzellfortsätze, über die Nervenimpulse weitergeleitet werden.
Gehirn wird durch Rauchen kleiner – Millionen Nervenzellen gehen verloren
Das Volumen des Gehirns eines Erwachsenen beträgt im Schnitt 1230 Kubikzentimeter (1.230.000 Kubikmillimeter). Da klingen Verluste im Promillebereich zunächst wenig – vergegenwärtigt man sich jedoch, wie viele Millionen Nervenzellen durch den Schrumpfungsprozess unwiederbringlich verloren gehen, sieht das Bild schon anders aus. Zudem zeigte sich in der Studie, dass der Rückgang mit jedem Packungsjahr steigt (als Packungsjahr wird bezeichnet, wenn jemand über den Zeitraum von einem Jahr 20 Zigaretten am Tag raucht).
Für die Forschenden liefert der festgestellte Verlust von grauer und weißer Substanz „eine mögliche Erklärung dafür, warum 14 Prozent der weltweiten Alzheimer-Fälle auf das Rauchen von Zigaretten zurückzuführen sein könnten“. Rauchen gilt als Risikofaktor für Demenz und beschleunigt laut den Studienautorinnen und -autoren die Entwicklung der Krankheit. Auch ein geringeres Volumen des Hippocampus, „einer wichtigen Gehirnregion, die von Alzheimer betroffen ist“, wird „negativ mit einer Vorgeschichte des täglichen Rauchens in Verbindung gebracht.“
Rauchen und die Auswirkungen
Eine andere Studie zeigt, warum Rauchen nicht immer zu Lungenkrebs führt. „Das Bewusstsein für die Schädlichkeit des Rauchens ist nicht ausreichend vorhanden“, sagen zwei Frankfurer Medziner im Interview.
Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen bewertet Arzneimittel gegen das Rauchen.
Welche Rolle spielt die Genetik beim Schrumpfen des Gehirns?
Ein Schwerpunkt der Studie ist zudem die Frage, welche Rolle die Genetik beim Schrumpfen des Gehirns spielt. Der Hintergrund: Bereits in früheren Untersuchungen hatte man herausgefunden, dass Menschen mit bestimmten Genvarianten häufiger anfangen zu rauchen, ihre Abhängigkeit zum Teil also auch „biologisch bedingt“ ist, wie es in der aktuellen Studie heißt. Demnach liege die Erblichkeit, mit dem Rauchen zu beginnen, bei 44 Prozent.
Theoretisch könnte es sich auch so verhalten, dass diese „Rauchergene“ sich auch unabhängig vom Rauchen auf das Gehirn auswirken oder ein geringeres Gehirnvolumen seinerseits ein Risikofaktor für das Rauchen ist. Die aktuelle Arbeit bestätigt diesen möglichen Zusammenhang aber nicht. Die genetische Disposition, die Menschen anfälliger für die Abhängigkeit von Zigaretten macht, scheint demnach keinen relevanten Einfluss auf das Gehirnvolumen zu nehmen. Heißt: Für den Schrumpfungsprozess sind nicht die Gene, sondern die beim Rauchen inhalierten Substanzen verantwortlich.
Tröstlich mag langjährigen Raucherinnen und Rauchern mit dem Willen zum Aufhören sein, dass ein Verzicht auf Zigaretten und Co. das Schrumpfen des Gehirns aufhalten kann. Rückgängig machen lässt es sich allerdings nicht: Was einmal im Gehirn an Substanz verloren gegangen ist, kommt nie mehr wieder. (Pamela Dörhöfer)
