Forscher sorgt sich um Vesuv und Campi Flegrei in Italien – „Beide Vulkane sind reif für eine Eruption“
VonTanja Banner
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Die Vulkane Vesuv und Campi Flegrei sind im Visier der Forschung. Einer der Vulkane ist unruhig, beim anderen gab es ungewöhnlich lange keinen Ausbruch.
Neapel – Italien zählt gemeinsam mit Griechenland zu den geologisch aktivsten Regionen Europas. Derzeit machen gleich drei italienische Vulkane auf sich aufmerksam: Der Stromboli, der Vesuv und der wahrscheinlich unbekannteste von allen: die Phlegräischen Felder, in Italien unter dem Namen „Campi Flegrei“ bekannt. Vor allem die Region um die Großstadt Neapel ist von Vulkanen geprägt.
„Die Bevölkerung dort lebt auf einem aktiven Vulkan oder eigentlich in der Zange zwischen zwei aktiven Vulkanen. Das sind der Vesuv und Campi Flegrei“, erklärt Thomas R. Walter vom Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) gegenüber Merkur.de von IPPEN.MEDIA und fährt fort: „Beide Vulkane sind reif für eine Eruption.“ Bei Campi Flegrei sehen die Forscher Veränderungen, während beim Vesuv derzeit „keine größeren Änderungen“ zu vermelden sind.
Vulkan in Italien: Campi Flegrei ist unruhig
„Derzeit ist es am Vesuv wirklich ruhig, während wir am Campi Flegrei alle Anzeichen dafür haben, dass Magma in Bewegung ist“, weiß Walter. Allerdings könne man derzeit nicht sagen, in welche Richtung sich das geschmolzene Gestein bewege. „Unter Campi Flegrei und dem Vesuv gibt es in rund acht oder neun Kilometern Tiefe eine Art Reservoir, wo das aufsteigende Magma sich noch einmal sammelt. Und die große Frage, die jetzt im Raum steht, ist: Steigt es von dort weiter an die Oberfläche auf oder nicht? Das kann derzeit niemand beantworten“, so der Forscher. Derweil zeigt eine Simulation die verheerenden Folgen einer Eruption.
In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Erde an Campi Flegrei um knapp einen Meter gehoben. Was für Laien nach einer massiven Hebung klingt, ist für die Wissenschaft noch kein Warnsignal. „Das ist natürlich schon viel, aber bei vergangenen Eruptionen wurde rekonstruiert, dass sich Erhebungsraten von mehreren Metern innerhalb von wenigen Wochen oder Monaten ereignen“, ordnet Walter ein.
Italien-Vulkane in Bewegung: „In Campi Flegrei kann niemand hineinschauen“
Die Phlegräischen Felder zu erkunden, ist derzeit schwierig. „In Campi Flegrei kann niemand hineinschauen. Man kann auch nicht hineinbohren jetzt in dieser Situation, um mögliche Proben zu bekommen“, betont Walter. „Was man machen kann, ist, die Daten der Stationen an der Oberfläche zu interpretieren, zu modellieren.“ Dazu erstellen Wissenschaftler „digitale Zwillinge“ am Computer, mit deren Hilfe verschiedene Szenarien durchgerechnet werden.
In erster Linie geht es dabei um die Frage, wie lange es bis zum nächsten Vulkanausbruch dauert, Vorzeichen zu deuten und die Lage genau vorherzusagen. „Wenn sich eine große Hebung ereignen sollte, dann ist es natürlich wichtig zu wissen, wie lange die Vorlaufzeiten sind. Dazu muss man wissen, wie lange der Aufstiegsweg des Magmas noch ist. Sind es nur zwei Kilometer bis an die Oberfläche oder haben wir acht Kilometer Wegstrecke?“, erläutert Walter. „Dazu werden derzeit neue Daten erhoben. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass wir bald eine Antwort darauf haben.“
Stromboli und Ätna brechen häufiger aus – deshalb gibt es gute Prognosen
Bei italienischen Vulkanen wie dem Stromboli oder dem Ätna gibt es gute Erfahrungswerte, da die Vulkane häufiger ausbrechen. „Ätna eruptiert jedes Jahr zwei bis drei Mal und man hat einen riesigen Katalog, auf den man zurückblicken kann. Bei Veränderungen der Aktivität kann man sehr schnell schauen, wie es in der Vergangenheit war und daraus stets verbesserte Modelle für Prognosen entwickeln“, sagt Walter.
Der letzte Ausbruch von Campi Flegrei war dagegen vor knapp 500 Jahren – es gibt also keine präzisen Messdaten, auf die sich die Wissenschaft beziehen kann. Die Forscher gehen allgemein davon aus, dass vor einem Ausbruch die Alarmsignale – beispielsweise Hebung, Erdbeben, Entgasung – deutlich zunehmen werden. „Das ist ein Grund, warum bei den jüngsten Beben bei Pozzuoli die vulkanologische Gemeinschaft etwas nervös geworden ist. Man fragte sich, ist das jetzt der Beginn, sind das Vorboten eines Ausbruchs?“, sagt Walter und fährt gleich fort: „Derzeit muss man abwarten, was sich weiter tut.“
Größere Erdbeben fanden an den Phlegräischen Feldern in Italien statt
Tatsächlich hat sich am Campi Flegrei schon einiges getan: Es gab größere Erdbeben, bei denen eine Fläche von weit über einem Quadratkilometer zerbrochen ist. „Aber es wurden noch keine Veränderungen in der Entgasungstätigkeit, Temperatur und so weiter an der Oberfläche vermessen“, weiß Walter und gibt „erst einmal vorsichtige Beruhigung, aber man schaut da sehr genau drauf.“ Erst im Sommer zeigte eine Studie, dass die Phlegräischen Felder anfälliger für Risse geworden sind, wodurch ein Ausbruch wahrscheinlicher wird.
Während der Experte am Vesuv keine veränderte Aktivität sieht, ist es beim Vulkan Stromboli anders: Der habe bereits seit 2002 eine erhöhte Aktivität, seit einem größeren tektonischen Erdbeben in diesem Jahr sei der Stromboli „unberechenbarer geworden“, konstatiert Walter. „Innerhalb der letzten fünf Jahre hat sich das noch verstärkt.“ Eine Verbindung zwischen dem Stromboli, Vesuv oder den Phlegräischen Felder gibt es jedoch nicht. „Sie sind weit auseinander. Sie haben entkoppelte Magmakammern und Aufstiegswege.“
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Vesuv ist seit 80 Jahren nicht mehr ausgebrochen – das ist ungewöhnlich
Eine Sache beunruhigt die Forschung jedoch, wenn es um die italienischen Vulkane geht: Seit 80 Jahren ist der Vesuv nicht mehr ausgebrochen. „Zwischen der Eruption, die 79 nach Christus Pompeji zerstört hat und dem Ausbruch 1944 hatte der Vesuv im 19. Jahrhundert im Mittel alle zwölf Jahre einen Ausbruch. Und jetzt seit fast acht Jahrzehnten nicht mehr“, bilanziert Walter.
Insgesamt, so der Experte, komme es beim Blick auf die italienischen Vulkane auf den Blickwinkel an: Schaue er sich als Geologe die Jahrtausende währende Entwicklung eines Vulkans an, dann sei das, was man am Stromboli, Vesuv oder den Phlegräischen Feldern sehe, „durchaus normal. Die Vulkane haben immer wieder Phasen von erhöhter Aktivität oder lange Phasen der Ruhe.“ Anders sehe es dagegen aus, wenn man „aus unserem sehr kleinen zeitlichen Maßstab“ auf die italienischen Vulkane blicke. „Dann ist das schon sehr ungewöhnlich“, betont der Vulkan-Experte. (tab)