VonPamela Dörhöferschließen
Eine Untersuchung aus den USA offenbart ein höheres Krebsrisiko für jüngere Generationen. Dies ist nicht nur auf die erhöhte Lebenserwartung zurückzuführen.
Frankfurt – In Zukunft, so die Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO, werden weit mehr Menschen als bisher an Krebs leiden. Für das Jahr 2040 rechnet man mit 30 Millionen Neuerkrankungen, 2022 waren es noch 20 Millionen. Als einen der Hauptgründe führt die WHO die gestiegene Lebenserwartung an; das Alter gilt als einer der größten Risikofaktoren für Krebs. Nun kommt eine große Studie zu dem Ergebnis, dass – zumindest in den USA – die Generation der ab 1990 Geborenen für 17 von 34 untersuchten Krebsarten ein deutlich höheres Risiko hat als ältere Generationen, etwa die der Babyboomer.
Zu den Tumorarten, die bei jüngeren Erwachsenen heute häufiger vorkommen als früher, zählen unter anderem Brust-, Magen-, Nieren-, Bauchspeicheldrüsen-, Dünndarm-, Eierstock-, Hoden- und Analkrebs. Ihre Erkenntnisse veröffentlichten die Forschenden um Hyuna Sung von der American Cancer Society (der amerikanischen Krebsgesellschaft) im Fachmagazin The Lancet Public Health.
Jahrgänge ab 1983 und 1988 haben höheres Krebs-Risiko
Bereits frühere Studien hatten für die Jahrgänge ab 1983 und ab 1988 in den USA und Kanada eine höhere Krebs-Inzidenz festgestellt. Das betraf vor allem Tumorarten, für die starkes Übergewicht ein bedeutender Risikofaktor ist, etwa Dickdarm- und Nierenkrebs oder Krebs des Gebärmutterkörpers. Die aktuelle Arbeit der American Cancer Society bestätigt den Anstieg für diese Krebsarten, stellt ihn aber auch noch für etliche andere fest.
Die Studie basiert auf Daten von mehr als 23 Millionen Patientinnen und Patienten aus den USA, die zwischen dem 1. Januar 2000 und dem 31. Dezember 2019 im Alter zwischen 25 und 84 Jahren eine Krebsdiagnose erhalten hatten; einbezogen wurden 34 verschiedene Tumorarten. Außerdem sahen sich die Forschenden die Daten von mehr als sieben Millionen Menschen an, die im gleichen Zeitraum an einer von 25 verschiedenen Tumorerkrankungen gestorben waren.
Jüngere Jahrgänge haben häufiger Krebs als ältere Menschen
Der Vergleich umfasste die Jahrgänge von 1920 bis 1990, wobei die Forschenden Geburtskohorten bildeten, die jeweils fünf Jahre umfassten. Eine erste Erkenntnis war, dass die Häufigkeit für acht von 34 Krebsarten seit 1920 mit jeder weiteren Geburtskohorte anstieg. Besonders deutlich fällt diese Entwicklung für die jüngeren Jahrgänge aus: Es zeigte sich, dass die Häufigkeit von Krebs der Nieren, des Nierenbeckens, des Dünndarms und der Bauchspeicheldrüse bei Menschen, die ab 1990 geboren wurden, zwei- bis dreimal so hoch ausfällt wie bei der Geburtskohorte von 1955. Das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen.
Doch es gibt auch geschlechtsspezifische Unterschiede – und das nicht nur bei Krebsarten, die naturgemäß nur bei Frauen oder Männern auftreten: So kommt Leberkrebs und intrahepatischer Gallengangkrebs (Gallengänge innerhalb der Leber) bei jüngeren Frauen heute zwei- bis dreimal deutlich häufiger vor als in älteren Generationen.
Zudem beobachteten die Forschenden für neun Krebsarten einen verschärften Anstieg in dem Sinne, dass sie bei den jüngeren Jahrgängen zugenommen haben, obwohl sie bei den älteren bereits zurückgegangen waren. Betroffen sind eine bestimmte Art von Brustkrebs (Östrogenrezeptor-positiv), Darmkrebs, Gallenblasenkrebs, bestimmte Magentumore, Eierstockkrebs, Endometriumkarzinom (Krebs der Gebärmutterschleimhaut), Hodenkrebs sowie Analkrebs und Kaposi-Sarkom bei Männern.
„Umkehr früherer Trends“ bei Krebserkrankungen entdeckt
Der Anstieg von Analkrebs und Kaposi-Sarkom (eine Art von Hautkrebs) stelle eine „Umkehr früherer Trends“ dar und sei „etwas unerwartet“, heißt es. Für beide gilt eine HIV-Infektion als Risikofaktor, beide seien nach einer „Eskalation“ bei den Jahrgängen 1945 bis 1965 während des „Höhepunkts der Aids-Epidemie“ in den 1980er bis frühen 90er Jahren mit der Einführung wirksamer antiviraler Therapien „rasant“ zurückgegangen.
Und noch eine besorgniserregende Entwicklung stellten die Forschenden fest: Obwohl sich die Möglichkeiten der Behandlung verbessert haben, stiegen bei einigen Krebsarten die Sterberaten zusammen mit der Häufigkeit bei der jüngeren Generation an. Konkret gilt das für Leberkrebs bei Frauen, für Endometriumkarzinom, Gallenblasenkrebs, Hodenkrebs und Darmkrebs.
Warum jüngere Generationen häufiger an Krebs erkranken
Doch was sind die Ursachen für diese Entwicklung? Die Autorinnen und Autoren weisen darauf hin, dass zehn der 17 Krebsarten mit steigender Inzidenz in jüngeren Generationen durch starkes Übergewicht begünstigt werden. In den USA hat sich die Zahl der adipösen Menschen seit 1980 etwa verdoppelt. Doch nicht nur die Vereinigten Staaten sind betroffen. Laut WHO sind knapp 40 Prozent der Menschen weltweit übergewichtig, etwa 13 Prozent sind adipös.
Die USA liegen dabei unter den Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auf Platz zwei nach Chile, Deutschland rangiert im Mittelfeld (Quelle: Statista). Das Team der American Cancer Society weist in diesem Zusammenhang auch auf eine steigende Sterblichkeit durch Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems und des Stoffwechsels sowie eine sinkende Lebenserwartung seit 2014 in den USA hin.
Risikofaktoren wie ungesunde Ernährung spielen eine Rolle
Als weitere, infrage kommende Faktoren nennen die Autorinnen und Autoren ungesunde Ernährung, sitzende Lebensweise, verändertes Schlafverhalten und den Einfluss von Umweltchemikalien im Kindes- und jungen Erwachsenenalter. Allerdings seien diese Zusammenhänge „noch nicht immer gut verstanden“.
Auch Änderungen beim Mikrobiom (Darmflora) aufgrund veränderter Ernährungsgewohnheiten und einer verstärkten Einnahme von Antibiotika in den letzten Jahrzehnten könnten eine Rolle spielen, mutmaßen die Forschenden. Ihre Studie, schreiben sie, sei ein weiterer Hinweis „auf ein erhöhtes Krebsrisiko in der jüngeren Generation“. Die Ergebnisse unterstrichen „die Notwendigkeit, die Risikofaktoren, die dieser Entwicklung zugrundeliegen, zu identifizieren und anzugehen“. Auf jeden Fall spiegelten sie „eine erhöhte Exposition gegenüber krebserregenden Faktoren im frühen Leben oder jungen Erwachsenenalter im Vergleich zu früheren Generationen wider“ – und ließen zudem „auf eine künftige Krankheitslast schließen“. Denn diese Generation nehme ihr erhöhtes Risiko mit ins höhere Alter, „wenn Krebserkrankungen am häufigsten auftreten“. (pam)
