VonMax Wannerschließen
Der Bundeslandwirtschaftsminister hält zunächst eine Rede in der Stadthalle und stellt sich anschließend den wütenden Bauern. „Die Ampel muss weg“, schallt es zeitweise über den Platz.
Ellwangen. Es ist 10.15 Uhr und vor der Stadthalle in Ellwangen wird es bei Eiseskälte zum ersten Mal laut. Ein gellendes Pfeifkonzert, begleitet von „Hau ab!“- Rufen und vereinzelten in die Höhe gestreckten Mittelfinger. Es ist die Begrüßung für Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir. Über 800 Personen sollen sich vor der Stadthalle aufhalten. Nur die wenigsten können Özdemir vorfahren sehen, doch fast alle stimmen in das Pfeifkonzert mit ein.
„Die Grünen müssen weg“, hört man Demonstranten im Gespräch sagen. „Dann wählt man eben schwarz, die sind das kleinere Übel.“ Die Einstellung der meisten anwesenden Menschen gegenüber Cem Özdemir und seiner Partei ist eindeutig - die Grünen sind hier unerwünscht.
Mit Spannung wird vor den Toren der Halle auf die Lautsprecher gestarrt, um sich anzuhören, was der Mann aus der „Berliner Blase“ zu sagen hat. Nicht jedem geht es dabei darum, Özdemir wirklich zuzuhören: „Mir ist völlig egal, was der da heute labert. Ich bin hier um den Politikern zu zeigen, dass es so nicht weitergehen kann“, antwortet ein Landwirt aus Gaildorf auf die Frage, warum er hier sei und was er sich vom Auftritt Özdemirs erwartet.
Kritik an Politik in Berlin
Cem Özdemir steht zweifellos an diesem Vormittag sinnbildlich für das Feindbild der Protestierenden. Doch es sind nicht nur er und seine Partei. Als über die Lautsprecher die Namen der Bundestagsabgeordneten Roderich Kiesewetter von der CDU und Leni Breymaier von der SPD zu hören sind, fängt die Menge wieder an laut zu pfeifen. Der Unmut richtet sich gegen die Politik in Berlin und alle die, die damit etwas zu tun haben.
Warten in der Kälte
In den nächsten 45 Minuten passiert vor der Stadthalle wenig bis nichts. Die Menschen warten darauf, laut signalisieren zu können, was sie von Cem Özdemir und dessen Rede halten. Alle anderen Reden vorher ertönen aus den Lautsprechern, scheinen aber kaum Emotionen bei den Anwesenden auszulösen. „Wann redet er denn endlich?“, ist die häufigste Frage, die zwischen 10.30 Uhr und 11.05 Uhr in Ellwangen gestellt wird. Vereinzelt holen sich Menschen einen Kaffee, um die Wartezeit zu nutzen und sich etwas aufzuwärmen. Füße stampfen gegen die Kälte, gehauchter Atem wärmt die Hände und immer wieder der Blick auf dieselben Plakate, die ins Auge stechen. „Wir können gar nicht so viel Scheiße transportieren, wie diese Regierung produziert“, oder „“Sie pflügen NICHT, Sie säen NICHT, Sie ernten NICHT, aber Sie wissen Alles besser!“, ist dort zu lesen.
„Hier sieht's aus wie bei Hempels unterm Sofa“, sind um 11.05 Uhr die ersten Worte von Cem Özdemir, die durch die Lautsprecher zu hören sind. Wieder ein Pfeifkonzert. Viel kürzer und leiser jedoch, als bei seiner Ankunft vor 50 Minuten. Vor Kälte erstarrt oder doch aus Neugier auf die Rede, stellt sich die Unruhe schnell wieder ein und es wird gespannt gelauscht. Ein paar wenige Zwischenrufe, hier und da auch mal ein verständnisvolles Nicken. Es scheint, als bestehe zum Teil inhaltliche Übereinstimmung, die jedoch besser nicht zum Ausdruck gebracht werden sollte. „Ich habe mit deutlich mehr Feuer hier gegen Özdemir gerechnet“, sagt eine Ellwangerin „aber mit manchem hat er wahrscheinlich doch irgendwie recht.“
Gespräch über die Straße
Laut wird es in der Haller Straße erst wieder, als der Teil in der Stadthalle vorbei ist. Schnell wird auf der Außenbühne alles vorbereitet, die Redner bringen sich in Position, und es wird wieder etwas lauter in Ellwangens Innenstadt. Lautstark fordern die Demonstranten Cem Özdemir auf, sich nach draußen zu begeben und sich der Menge zu stellen. Als Özdemir kommt, stellt er sich auf ein Podest direkt vor dem Halleneingang. Die Redner der Bauernbekundung befinden sich auf der Bühne auf der anderen Straßenseite. Es folgt ein Dialog über alle Anwesenden hinweg mit einem emotionalen Ausbruch, als Özdemir das Wort „Agrardiesel“ in den Mund nimmt. „Die Ampel muss weg!“, schallt es dann über den ganzen Platz.
