VonWolfgang Fischerschließen
Viele Emotionen bei außerordentlicher Betriebsversammlung im Gmünder Standort des Weltkonzerns. Betriebsrat und Mitarbeiter kämpfen um Existenzen.
Schwäbisch Gmünd. Bei Bosch am Standort Gmünd werden wesentlich mehr als die nun angekündigten 1300 Stellen wegfallen. Das sagte Betriebsratsvorsitzender Claudio Bellomo am Montag in einer außerordentlichen Betriebsversammlung. Mit dem nun angekündigten Abbau, der zusätzlich zu den bereits im Papier zur Standortsicherung vereinbarten Streichungen kommt, würden auch Arbeitsplätze in Bereichen von der Pforte bis zur Personalabteilung wegfallen, die die in der jüngsten Ankündigung noch gar nicht berücksichtigt seien, so der Betriebsratsvorsitzende.
Entsprechend emotional verlief die Versammlung wenige Tage nach der Ankündigung des Bosch-Managements, die Belegschaft am Standort weiter zu kürzen. Als Symbol für die wegfallenden 1300 Stellen seien im Saal 1300 leere Stühle aufgestellt worden, berichtete der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Hüseyin Ekinci im Gespräch mit dieser Zeitung über die Versammlung. Etwa genau so viele Bosch-Mitarbeiter verfolgten die Versammlung, außerdem seien Gmünds Oberbürgermeister Richard Arnold sowie die CDU-Abgeordneten Tim Bückner (Landtag) und Inge Gräßle (Bundestag) präsent gewesen. Auch der Vorsitzende des Bosch-Gesamtbetriebsrats, Frank Sell, sei gekommen.
2050 Existenzen stehen auf dem Spiel
Insgesamt sei die Betriebsversammlung geordnet verlaufen, obwohl es teils wutentbrannte Zwischenrufe von Mitarbeitern gegeben habe. Die Boschler seien nach wie vor geschockt von der erneuten Hiobsbotschaft aus der Führungsetage. Viele sähen sich durch die angekündigten Stellen-Streichungen in existenzieller Not und vor einer ungewissen Zukunft. Denn, so ergänzt der Betriebsratsvorsitzende, viele der Mitarbeiter wissen noch gar nicht, ob sie betroffen sind – und falls ja, wann. Stand jetzt, so Claudio Bellomo, müsse der Gmünder Standort nach den Vorstellungen der Konzernleitung noch 2050 Stellen abbauen. Das seien 2050 Existenzen. Bellomo: „Das reißt einem schier das Herz aus der Brust.“ Dabei habe die Gmünder Belegschaft über Jahre Sparanstrengungen unternommen, diesem Jahr seien wieder schwarze Zahlen in Sicht.
Die Arbeitgeber-Vertreter hätten in der Versammlung den angekündigten weiteren Abbau mit den bereits genannten Argumenten begründet: fehlende Aufträge aufgrund der Unsicherheit in der Automobilbranche, günstigere Produktion im Werk im ungarischen Maklar. „Wir sind besser als Maklar“, hielt Hüseyin Ekinci in der Versammlung dem entgegen, “wir liefern bessere Qualität“ und „Hier sitzen die Experten, die Spezialisten, und nicht in Maklar.“
Die beiden Betriebsrat-Chefs kritisieren deutlich, dass im wesentlichen immense Fördergelder der Europäischen Union solche Verlagerungen für Unternehmen interessant machten. Das, so Bellomo, habe auch Inge Gräßle, die vor ihrer Zeit im Bundestag im EU-Parlament saß, deutlich kritisiert. OB Richard Arnold habe ebenfalls dafür plädiert, diese Entwicklungen im EU-Verwaltungszentrum Brüssel zu thematisieren.
Der Konzern dränge nun auf baldige Gespräche über den weiteren Abbau, doch darauf möchte sich Bellomo noch nicht einlassen. Zunächst müsse sich die Arbeitnehmerseite selbst neu ordnen, die Situation auch von externen Wirtschaftsberatern beraten lassen. Der Betriebsratsvorsitzende vermutet, dass Bosch in diesen Verhandlungen auch das bis Ende 2027 konzernweit geltende Verbot betriebsbedingter Kündigungen zur Diskussion stellen werde.
Und wenn in den nächsten Jahren wieder ein Stellen-Abbau kommt? Ist es auszuschließen, dass der Bosch-Standort Gmünd komplett verschwindet? Auf diese Frage geben die beiden Belegschaftsvertreter keine Antwort.
Erste Protest-Aktion noch diese Woche
Abseits des Verhandlungstischs wollen die Arbeitnehmer ihre Meinung zu den Entscheidungen der Konzernspitze deutlich machen. Die erste Aktion dafür werde noch in dieser Woche stattfinden, kündigt Hüseyin Ekinci an.
