Bosch-Mitarbeiter erzählen: So hat sich die Stimmung im Werk verändert

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Machen sich Sorgen um den Standort Schwäbisch Gmünd: Die Bosch-Mitarbeiter Simon Mayer (links) und Mustafa Simsek sagen, dass die Ankündigung des massiven Stellenabbaus für eine Schockstarre bei den Mitarbeitern gesorgt habe.
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Die Pläne zum massiven Stellenabbau sorgen für demotivierte Beschäftigte bei Bosch. Mitarbeiter berichten, was sich seit dem „schwarzen Freitag“ verändert hat und wie es für sie weitergeht.

Schwäbisch Gmünd. Mustafa Simsek hat nur noch einen Stehplatz bekommen. Die Stuhlreihen sind voll besetzt an diesem 22. November 2024, der als „schwarzer Freitag“ in die Unternehmensgeschichte von Bosch eingeht. Um 13.30 Uhr werden die Kollegen und Kolleginnen im Werk II im Schießtal in die Halle 9 gerufen. Dort, wo früher Lenkungskomponenten gefertigt wurden, ist jetzt „eine Eventhalle“, sagt Simsek. Hier erfahren die Mitarbeiter, dass das Unternehmen weitere 1300 Stellen abbauen will. „Nach 30 Minuten ist alles gesagt“, sagt er.

Die Hiobsbotschaft bis jetzt nicht verkraftet

„Ich habe die bleichen Gesichter gesehen. Es herrschte eine Schockstarre“, sagt Simsek (43). Auch der Industriemechaniker hat die Hiobsbotschaft bis jetzt nicht verkraftet, und er sagt über seine Kollegen, dass „viele jetzt erst realisieren, was das für uns bedeutet. Viele haben Angst um ihre Existenz.“ Seit diesem Freitag sei vieles anders bei Bosch. Der Schock sitze tief, die Stimmung auf dem Gelände und in den Hallen sei bedrückt, und das auf allen Ebenen. Auch bei den Führungskräften. „Wenn hier wirklich so viele Jobs abgebaut werden, dann ist das Schießtal irgendwann fertig. Wir brauchen dann auch keinen medizinischen Dienst mehr. Und keine Werkfeuerwehr.“

Mustafa Simsek: Viele Hallen sind leer

Der 43-Jährige spricht leise, wenn er zurückblickt. „Ich bin seit 28 Jahren im Schießtal, ich habe nie etwas anderes gesehen. Und nun mache ich mir Sorgen um den Standort Gmünd.“ Um „seinen Standort“, wie er sagt. Denn: Der Industriemechaniker ist im Werk II daheim. Zuerst bei der ZF, dann bei Bosch. „Wir haben in Krisen alles mitgemacht. Haben Überstunden gemacht, an Wochenenden gearbeitet, auf Geld verzichtet – um zukunftssicher zu bleiben“, sagt er. Und fügt hinzu: „Wir haben der Geschäftsleitung immer vertraut. Das ist ein Schlag ins Gesicht!“

Das Szenario habe sich aber abgezeichnet. „Früher habe ich auf dem Gelände kaum einen Parkplatz bekommen. Beim Schichtwechsel hat sich der Verkehr gestaut. Heute ist nichts mehr los, viele Hallen sind so gut wie leer“, erzählt Simsek.

Simon Mayer: "Es gibt keinen Sozialplan"

Dessen Kollege Simon Mayer (22) ist erst seit Juni 2023 bei Bosch. Der Teamwerker ist in der Fertigung für Lkw-Lenkungen im Werk II tätig – und damit in der Sparte, die an einen anderen Standort verlegt werden soll. Am „schwarzen Freitag“ war er nicht bei der Arbeit. „Ich habe mir aber die Übertragung angeschaut. Wir haben keine Perspektive bekommen, es gibt auch keinen Sozialplan“, sagt Mayer. Bereits am Tag zuvor habe es die Info gegeben, dass „uns die Bereichsleitung am Freitag Neuigkeiten erzählen werde“. Der 22-Jährige sei „sehr überrascht“ gewesen.

"Wo ist das soziale Unternehmen jetzt?"

Erst am Montag danach habe es eine Besprechung mit der Abteilung gegeben. „Unser Abteilungsleiter sagte uns dass er auch nicht wisse, wie es weitergeht. Und dass er nicht gut finde, was passiert. Er könne aber nichts tun, weil die Entscheidung getroffen sei.“ Mayer ist sich sicher, dass die Verlegung der Lkw-Sparte den gesamten Standort Gmünd betrifft. „Wir bekommen doch aus fast allen anderen Werken Teile zugeliefert.“ Was er der Firmenleitung vorwirft: fehlende Transparenz. „Bosch wird immer als soziales Unternehmen dargestellt. Auch mit dem Bau eines Kindergartens. Aber ich frage mich schon: Wo ist das soziale Unternehmen jetzt?“ Es gebe viele junge Kollegen, die „nicht mehr wissen, wie sie ihre Miete bezahlen sollen“. Mayer selbst ist froh, dass „ich noch keine Kinder habe und kein Haus abbezahlen muss. Ich wusste immer, dass ich zu denen gehöre, die als erstes gehen müssen.“

Weil er gerade dabei ist, seinen Meister zu machen, macht sich Mayer keine Sorgen um seine eigene Zukunft. „Ich werde bestimmt einen anderen Job finden, wenn es so kommen sollte.“ Bei vielen Kollegen sei das anders. „Die Enttäuschung ist groß. Man merkt in den Hallen, dass die Laune und Motivation plötzlich eine andere ist.“

Ekinci: „Die Beschäftigten sind demotiviert"

Das nimmt Hüseyin Ekinci genauso wahr. „Es ist erschreckend, wie demotiviert die Beschäftigten plötzlich sind“, sagt der 43-Jährige, der seit 1999 bei der ZF und nun bei Bosch im Schießtal arbeitet. Der Vertrauenskörperleiter und stellvertretende Betriebsratsvorsitzende am Standort Gmünd sagt, dass „die Kollegen jetzt erst realisieren, was der Arbeitgeber hier vor hat“. Was Ekinci nicht verstehen kann: dass Bosch Ende des Jahres 2024 mit dieser „schrecklichen Botschaft an die Betriebsöffentlichkeit geht“. Denn: „Der geplante Abbau von 1300 weiteren Stellen beginnt erst 2027, warum informiert man dann die Belegschaft schon zwei Jahre vorher? Diese zweijährige Ungewissheit würde nicht spurlos an den Mitarbeitern vorbeigehen. „Das macht etwas mit den Menschen“, sagt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende. Zumal das Unternehmen den Kollegen keine Perspektiven gegeben habe. „Niemand weiß, was die Zukunft jetzt bringt.“

"Deutschlandweit ein Industrieproblem"

Simon Mayer versucht, das Thema so gut wie möglich von sich fernzuhalten. Und er sagt, dass der angekündigte Stellenabbau bei ihm zunächst nichts ändere. „Ich werde jetzt ganz normal weiterarbeiten. Weil zum aktuellen Zeitpunkt niemand sagen kann, wen es am Ende trifft.“ Auch Mustafa Simsek lässt sich von der Nachricht nicht verrückt machen. „Ich bin noch entspannt, weil ich eine sehr gute Qualifikation habe. Und wir haben deutschlandweit ein Industrieproblem“, sagt er. Wobei der 43-Jährige auch deutlich sagt, dass er am liebsten bei Bosch am Standort Schwäbisch Gmünd bleiben möchte. An seinem Standort.

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