VonGerhard Königerschließen
An den Bundeslandwirtschaftsminister haben die Bauern der Region eine Menge offener Fragen. Hubert Kucher fordert: "Respektvoll bleiben".
Ellwangen/Aalen Bei der Delegiertenversammlung des Bauernverbands Ostalb/Heidenheim im "Kellerhaus" in Oberalfingen ließ der Vorsitzende Hubert Kucher am Dienstagabend die Katze aus dem Sack: "Cem Özdemir hat zugesagt. Er wird beim Kalten Markt 2024 in der Stadthalle sprechen."
Dass der grüne Bundesminister im Januar aus dem roten Berlin auf die schwarze Ostalb kommt, wo er sich bei den frustrierten Landwirten bestimmt keinen Applaus für seine Agrarpolitik abholen kann, spricht für den Politiker, aber auch für den Kreisbauernverband. "Man kommt gern zu uns, weil wir fair mit unseren Gästen umgehen", meinte Kucher und versprach bei der Bauernkundgebung "die Positionen aus unserem Kreis" vorzutragen. Seine Berufskollegen forderte er auf, respektvoll zu bleiben. Höflich im Ton, hart in der Sache, "nur so können wir etwas erreichen."
Özdemir hatte bereits 2019 einen Auftritt in Ellwangen, beim "politischen Aschermittwoch" der Ellwanger Grünen. Damals kam er in der Bauernstube des "Roten Ochsen" ganz gut an. Zuletzt hatte 2020 beim Bauernverband zum Kalten Markt ein Politiker der Grünen gesprochen: Ministerpräsident Winfried Kretschmann hatte damals mit seinem Landesvaterbonus Landwirte und Naturschützer ein Stück weit hinter sich vereint.
Das dürfte Cem Özdemir schwer fallen. Wie sehr grüne Politiker mittlerweile zum roten Tuch für Landwirte geworden sind, zeigte sich 2022 bei einer Veranstaltung mit Riccarda Lang im "Taj Mahal" in Ellwangen, als ein Traktor mit Güllefass direkt vor dem Lokal platziert wurde.
Bauern kritisieren die Agrarpolitik
Seine Kritik an der aktuellen Agrarpolitik, sprach Kucher vor den Delegierten deutlich aus: die Stilllegung von vier Prozent der Fläche stößt bitter auf, weil die Landwirte bei der anhaltenden Flächenversiegelung ohnehin jedes Jahr Hektar um Hektar verlieren. Die Gülleverordnung, insbesondere die Ausbringung mit der Schleppschlauchtechnologie auf Grünland, ärgert die Viehhalter, weil sie gegen die gute fachliche Praxis sei.
Besonders sauer sind die Bauern jedoch über ständig sich verändernde gesetzliche Vorgaben, die mit zusätzlichen Kosten verbunden sind. Schärfere Tierwohl-Vorschriften zwingen zu Stallumbauten, dabei sie für Fleisch der Tierwohlstufen III und IV der Markt gar nicht da. "Den Landwirten, die nach Stufe I und II produzieren, wird Geld abgezogen und damit die Ware der Stufen III und IV billiger gemacht, weil sie sonst niemand kauft", sagte Kucher.
In der Schweinehaltung habe der Druck von Lebensmitteleinzelhandel und Politik dazu geführt, das Landwirte reihenweise die Produktion aufgegeben haben, meinte Kucher und befürchtete nun eine ähnliche Entwicklung in der Milchproduktion. "Aldi diktiert die Standards und wir müssen uns fragen: zu welchen Bedingungen können wir noch produzieren?"
Bei den Landwirten hat sich der Eindruck verfestigt, die Landwirtschaft soll ins Ausland verlagert werden und immer öfter hört man von ihnen kritische Stimmen, die vor einer EU-Mitgliedschaft der Ukraine warnen, weil dies den Agrarhaushalt vollkommen überfordern würde.
Die Gemengelage bietet genug politischen Sprengstoff, um den Auftritt von Özemir zu einem spannenden Ereignis zu machen.
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