Klinikchef Rieß: "Wir muten den Mitarbeitern viel zu"

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Restrukturierung Kliniken: Welche Abteilungen es an welcher Klinik in der Zeit des Übergangs gibt, bis das zentrale Klinikum in Essingen gebaut ist.
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Der Verwaltungsrat der Kliniken Ostalb hat in nichtöffentlicher Sitzung geheim über das Zukunftskonzept und ein Maßnahmenbündel abgestimmt. Die Redaktion beantwortet die wichtigsten Fragen.

Aalen. Sie haben eine weitere Hürde genommen: Landrat Dr. Joachim Bläse und Klinikchef Christoph Rieß. Am Dienstag hat sich der Verwaltungsrat der Kliniken Ostalb einmal mehr mit dem Zukunftskonzept der Kliniken befasst – und empfiehlt dem Kreistag, das vorgelegte Konzept mit den "Restrukturierungsmaßnahmen" zu beschließen. Diese Maßnahmen betreffen schwerpunktmäßig zunächst den Standort Ellwangen.

In einem für Mittwoch anberaumten Pressegespräch lobte Bläse "den intensiven Beratungsprozess" ausdrücklich. Die Kreisräte hätten "sehr viel Zeit und Energie investiert", um sich in die "komplexen Themen" einzuarbeiten. Ebenso haben der Vorstand und die Beschäftigten der Kliniken hart daran gearbeitet, Vorschläge zu prüfen und Maßnahmen zu konkretisieren. Ziel des Konzeptes sei es, "die Klinikstruktur zukunftsfähig aufzustellen und signifikante finanzielle Verbesserungen zu erzielen". Bläse: "Wir sichern damit die hochwertige Krankenhausversorgung für den gesamten Ostalbkreis und geben allen drei Klinikstandorten eine langfristig tragfähige Zukunftsperspektive." 

Klinikchef Rieß sekundierte, "die existenziellen Herausforderungen", angefangen von den extremen Verlusten bis hin zu Fachkräftemangel und Gesetzesvorgaben, ließen kaum Spielraum. Bläse zeigte ein aktuelles Diagramm mit der Entwicklung der Schulden, in dem fürs kommende Jahr ein Klinik-Defizit von 67 Millionen Euro prognostiziert wird. Das sind noch mal sieben Millionen mehr als in diesem Jahr, für das Rieß 60 Millionen Euro Verlust errechnet hat.

Wie in der Sitzung abgestimmt wurde

In der nichtöffentlichen Sitzung des Verwaltungsrates wurde "intensiv" diskutiert, wie Christoph Rieß bestätigte. Wie Bläse erklärte, habe sich das Gremium am Dienstag darauf verständigt, geheim abzustimmen. Das bedeutet, dass die einzelnen Mitglieder des Verwaltungsrates nicht wissen, wie die anderen Mitglieder abgestimmt haben.  Auf die Frage, wieso in einer nichtöffentlichen Sitzung geheim abgestimmt werden müsse, erklärte Bläse, der Vorschlag dazu sei aus dem Gremium gekommen und beschlossen worden. Am Ende habe es eine Mehrheit für das Konzept  gegeben. Wie groß die Mehrheit ist, dazu wollte sich Bläse nicht äußern mit Hinweis auf die nichtöffentliche Sitzung. Wie die Redaktion erfahren hat, soll es zehn Stimmen für das Konzept gegeben haben und sieben Gegenstimmen.

Warum sind die Maßnahmen jetzt schon notwendig?

Die Klinikleitung argumentiert mit explodierenden Kosten, einem massiven Rückgang der Patientenzahlen, mit immer knapper werdendem Personal und neuen gesetzlichen Vorgaben. Eine Auswirkung davon sei das immer weiter steigende Klinikdefizit. Daher müssten Doppel- oder Dreifachstrukturen "konsequent abgebaut werden". Und zwar jetzt schon. "Wir haben keine Zeit", sagt Rieß. Schon jetzt würden gesetzliche Vorgaben nicht erfüllt, fehle Personal, stünden Betten leer und das Defizit könne auf Dauer nicht getragen werden.

Was ist an Maßnahmen geplant für die Zeit, bis der Regionalversorger gebaut ist?

Kliniken Defizite: Im kommenden Jahr soll das Loch noch größer werden.

Bereits vollzogen ist die Schließung der Geburtshilfe in Ellwangen. Nächster Schritt ist die Verlagerung der Viszeralchirurgie, der Unfallchirurgie und der Urologie von Ellwangen nach Mutlangen und Aalen (2025). 2026 soll dann der OP-Betrieb in Ellwangen eingestellt werden, 2027 wird die Kinderklinik am Standort Aalen fusioniert. In Mutlangen soll es aber weiterhin eine Geburtshilfe geben. Diese wird erst aufgegeben, wenn der Regionalversorger in Essingen errichtet ist.

Was erhofft man sich mit den Maßnahmen?

Aktuell machen die Kliniken im Ostalbkreis allein in diesem Jahr rund 60 Millionen Euro Verlust. Durch die Maßnahmen könne der Verlust verringert werden - rund 20 Millionen Euro im Jahr könnten auf diese Weise eingespart werden. Allerdings nicht mehr in diesem Jahr und auch noch nicht im nächsten Jahr. 2026 würden die Effekte spürbar, sagt Rieß. Neben der Wirtschaftlichkeit gehe es aber auch um die Versorgungssicherheit, "um Qualität", wie Rieß erklärt.

Was bedeutet das für die Mitarbeiter?

Auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen "Riesenveränderungen" zu, sagte Rieß und weiter: "Wir muten den Mitarbeitenden viel zu". Er sei aber überzeugt davon, "dass es das wert ist, sonst überholt uns die Wirklichkeit links und rechts". Die Klinikleitung müsse "in Verhandlungen einsteigen über Sozialpläne". In der entsprechenden Vorlage für den Kreistag ist von Nachteilsausgleichen, Abfindungsregelungen, Wechselprämien, Fahrtkosten und Besitzstandesregelungen in der Vergütung der betroffenen Mitarbeiter.  Härtefallregelungen bei Versetzungen müssten diskutiert werden. Und auch das Aussprechen von betriebsbedingten Kündigungen für die von der Maßnahme betroffenen Beschäftigungsgruppen wird genannt. Die können auch Chefärzte betreffen. Wichtig sei nach der langen Zeit der Diskussion jetzt aber, "dass die Mitarbeiter wissen, was auf die zukommt", sagt Bläse.

Was wird aus der Virngrundklinik in Ellwangen?

Das neue Konzept sieht nun eine im Vergleich zur Ausgangsversion umfangreichere Notfallversorgung am Standort Ellwangen vor. Dort ist eine Notfallstruktur an 24 Stunden und sieben Tagen vorgesehen, die in dem neuen Konzept erweitert wird: So gibt es ebenfalls an sieben Tagen rund um die Uhr ein CT, eine Endoskopie sowie eine Überwachungseinheit mit vier Betten. Zudem soll im Tagesbetrieb eine Unfallchirurgische Ambulanz mit einem D-Arzt eingerichtet werden, zehn Stunden täglich von Montag bis Freitag. "Damit können Arbeits- und Wegeunfälle aus dem Ellwanger Raum auch in Zukunft im Krankenhaus vor Ort versorgt werden", sagt Rieß. Der jährliche Aufwand dieses Angebots liegt bei rund 1,5 Millionen Euro. Dennoch bleibt es aber dabei, den OP-Betrieb dort einzustellen und die Urologie nach Mutlangen zu verlegen. Bläse widersprach, dass es da einen "Kuhhandel" gegeben habe. Aber diese Vorschläge seien eine sinnvolle Ergänzung für Ellwangen auf dem Weg zu einem "sektorenübergreifnden Versorger".

Warum soll der OP-Bereich in Ellwangen nicht weiterbetrieben werden?

Aus Kosten- und Kapazitätsgründen. Die Prüfung des Weiterbetriebs von drei OP-Sälen in Ellwangen – wie übrigens auch die Verlagerung der Urologie nach Aalen statt nach Mutlangen – habe jeweils ergeben, "dass diese vor dem Hintergrund der existenziellen Herausforderungen und des enormen Anpassungsdrucks aus fachlicher Sicht nicht darstellbar und zielführend sind", erklären Bläse wie Rieß. Zudem werde das Personal für Aalen gebraucht, den künftigen "zentralen Notversorger". Bläse: "Wenn es um Leib und Leben geht", dann sei das Klinikum in Aalen für die Zeit des Übergangs wichtig. Darauf müsse man das Augenmerk richten. In der Abwägung sei das wichtiger, als OP-Säle in Ellwangen "für Frakturen" bereitzuhalten, so Bläse.

Was wird mit den OP-Sälen in Ellwangen?

Rieß sieht keine Möglichkeit für die Kliniken Ostalb, die OP-Säle in Ellwangen wirtschaftlich zu betreiben. Allerdings könne man sich durchaus vorstellen, dass es für private Betriebe interessant sein könne, die Kapazitäten zu nutzen, wie Bläse ergänzte - er verwies auf ein erfolgreiches Modell in Schwäbisch Gmünd im ehemaligen Margaritenhospital.

Was ist mit dem Ellwanger Vorschlag für den Erhalt der Virngrundklinik?

Der Ellwanger OB und einige Kreisräte hatten Vorschläge unterbreitet, wie in Ellwangen an der Virngrundklinik weiterhin OP-Kapazitäten aufrechterhalten werden können. Neun Millionen Euro ließen sich so einsparen. Bläse und Rieß dankten ausdrücklich für das Engagement, erklärten aber, die Rechnung gehe nicht auf. Das Einsparpotenzial liege deutlich darunter – zudem gebe es Kosten, die nicht berücksichtigt worden seien. Auch habe das Bundeswehrklinikum in Ellwangen signalisiert, kein großes Interesse an einer Partnerschaft mit dem Klinikum in Ellwangen zu haben. Auch das war ein Vorschlag aus dem Ellwanger Raum.

Warum jetzt Geld ausgeben, wenn es sowieso ein neues Klinikum gibt?

Weil es sich rechnet, wie Klinikchef Rieß sagt. Investitionen seien notwendig für den OP-Bereich in Aalen und auch für die Kinderklinik in Aalen. Erweitert werden muss auch der Bereich der zentralen Notaufnahme in Aalen und die Urologische Ambulanz in Mutlangen, die ans Onkologische Zentrum an der Stauferklinik angedockt ist. 

Wie geht es jetzt weiter?

Der Kreistag entscheidet in der Sitzung am Dienstag, 24. September, über das Konzept. Zwar sprachen Rieß wie Bläse davon, dass sie mit dem Beschluss des Verwaltungsrates eine wichtige Hürde genommen haben mit ihrem Konzept. Daraus könne aber noch abgeleitet werden, wie der Kreistag entscheidet, sagte Bläse. Er habe Respekt vor dem Kreistag, werde versuchen, eine Mehrheit für das Konzept zu bekommen. "Aber sicher bin ich erst nach der Sitzung", sagte Bläse.

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