„Vergiftetes Weihnachsgeschenk“

Industriekonzern will Standort in Baden-Württemberg schließen

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Der Stahlkonzern Outokumpu will einen Standort in Baden-Württemberg bis Mitte 2024 vollständig schließen. Die IG Metall hat Widerstand angekündigt.

Hockenheim - Das sich dem Ende neigende Jahr 2023 war durch die Inflation und den hohen Kosten mit Sparmaßnahmen bei vielen Unternehmen geprägt. Auch kurz vor Weihnachten reißen die schlechten Nachrichten für Arbeitgeber nicht ab, der Elektronikzulieferer Diehl Controls hat beispielsweise angekündigt, mehr als 300 Stellen abbauen zu müssen. Eine „Schocknachricht“, wie es die IG Metall Mannheim in einer Mitteilung nennt, gibt es auch für die Mitarbeiter des Stahlkonzerns Outokumpu am Standort in Hockenheim-Talhaus (Rhein-Neckar-Kreis).

Bei Outokumpu handelt es sich um ein Werkstoffunternehmen mit Sitz in der finnischen Hauptstadt Helsinki, zu dem seit 2012 auch der Edelstahlhersteller Nirosta mit Sitz im deutschen Krefeld (Nordrhein-Westfalen) gehört. Dieser Konzern plant nach eigenen Angaben, im Zuge der „Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und der Marktführerschaft bei modernen Werkstoffen“, seinen Standort im baden-württembergischen Hockenheim bis spätestens Ende Juni 2024 zu schließen. Auch der Autozulieferer Michelin will ein komplettes Werk in Baden-Württemberg schließen, wodurch 600 Mitarbeiter vor dem Aus stehen.

Stahlkonzern will Standort in Hockenheim schließen – IG Metall „irritiert und wütend“

Aufgrund der globalen Herausforderungen sind weltweit Firmen dazu gezwungen, Kosten einzusparen. Gerade Deutschland gilt als Wirtschaftsstandort aber als besonders kostspielig, laut dem Beiratschef von Gerätehersteller Stihl ist Deutschland inzwischen sogar teurer als die Schweiz. Eben deshalb will offenbar auch Outokumpu Nirosta seinen deutschen Standort schließen, die Methode und der Zeitpunkt kommen jedoch zur Unzeit. „Das ist ein vergiftetes Weihnachtsgeschenk!“, kritisiert Thomas Hahl, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Mannheim. „Wir sind sehr irritiert und wütend über diese plötzliche Unternehmensentscheidung, die uns per Pressemitteilung ereilt hat.“

Name Outokumpu
Gründung 1932
Hauptsitz Helsinki, Finnland
Branche Metallindustrie
Mitarbeiter 10.390 weltweit
Deutschland-Zentrale Outokumpu Nirosti, Krefeld, Nordrhein-Westfalen
Standorte in Baden-Württemberg Hockenheim (Rhein-Neckar-Kreis), Sachsenheim (Kreis Ludwigsburg)
Der Stahlkonzern Outokumpu will seinen Standort in Hockenheim Mitte 2024 schließen. Dadurch stehen rund 60 Mitarbeiter vor dem Aus.

Der finnische Stahlkonzern hatte nach Angaben der Gewerkschaft bereits 2019/2020 an mehreren deutschen Standorten Personal abgebaut, von dem auch in Hockenheim 25 Prozent der damaligen Belegschaft betroffen war. Für das Werk im Industriegebiet in Hockenheim-Talhaus gab es bislang aber offenbar zuversichtliche Aussagen vonseiten des Konzerns. „Der Standort Hockenheim ist ein sehr flexibler, junger und erfolgreicher Teil der Nirosta-Sparte“, erklärt Hahl. Erst vor rund einem Jahr seien über eine Million Euro in die Maschinenausrüstung vor Ort investiert worden.

IG Metall kündigt „entschlossenen Widerstand“ gegen Standortschließung an

Die Ankündigung der Standortschließung ist für die leidgeplagten Mitarbeiter von Nirosta wohl nur der Gipfel des metaphorischen Eisbergs. „Die Beschäftigten in Hockenheim haben schwierige Jahre hinter sich“, macht der 1. Bevollmächtigte der IG Metall Mannheim deutlich. „Corona, Kurzarbeit, weltweite Handelsturbulenzen – die Kolleginnen und Kollegen aus der Eisen- und Stahlbranche haben mit äußerster Flexibilität, was ihre Einsätze angeht, mit Arbeitszeitkonten, tariflichen Flexbausteinen und langen Phasen der Kurzarbeit zum Erfolg des Unternehmens beigetragen. Und das soll jetzt der Dank dafür sein?!“

Die zehn größten Unternehmen aus Baden-Württemberg

Ein Schild weist auf eine Filiale des Lebensmitteldiscounters Lidl hin. Im Hintergrund befindet sich eine Filiale des Großflächen-Discounters Kaufland.
Die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) ist mit weltweit rund 575.000 Mitarbeitern das größte Unternehmen aus Baden-Württemberg.  © Christian Johner/dpa
Das Logo des Technikkonzerns Bosch vor der Konzernzentrale
Technologiekonzern Bosch beschäftigt weltweit mehr als 420.000 Mitarbeiter.  © Inga Kjer/dpa
Beschilderung in der Zentrale der Mercedes-Benz Group AG in Stuttgart-Untertürkheim.
Beim Stuttgarter Autokonzern Mercedes-Benz sind mehr als 172.000 Mitarbeiter angestellt. © Corporate Communication (MS/CC)
Drei Fahnen mit dem Logo der ZF Friedrichshafen AG wehen vor dem Forum und der Verwaltungszentrale des Konzerns.
Autozulieferer ZF Friedrichshafen beschäftigt rund 164.000 Mitarbeiter weltweit.  © Felix Kästle/dpa
SAP-Unternehmenszentrale in Walldorf.
SAP ist das größte europäische Softwareunternehmen und hat rund 112.000 Angestellte.  © Uwe Anspach/dpa
Martin Daum, der Vorstandsvorsitzende des Nutzfahrzeugherstellers Daimler Truck, steht vor der Firmenzentrale bei Stuttgart vor einem eActros Lastwagen.
Daimler Truck hat fast 105.000 Mitarbeiter und gilt als Weltmarktführer im Bereich der Nutzfahrzeuge.  © Bernd Weißbrod/dpa
Eine Mitarbeiterin des Handelskonzerns Würth trägt in einem Gang eines Hochregallagers eine Palette auf einem Gabelstapler.
Die Würth-Gruppe ist Weltmarktführer im Bereich Befestigungs- und Montagetechnik und beschäftigt mehr als 85.600 Menschen.  © Marijan Murat/dpa
Das Logo des Autozulieferers Mahle ist an der Zentrale des Unternehmens zu sehen
Mahle ist mit rund 71.620 Mitarbeitern einer der größten Autozulieferer Deutschlands.  © Marijan Murat/dpa
Die Firmenzentrale der Drogeriemarktkette dm in Karlsruhe.
dm ist der größte Drogeriekonzern Deutschlands und beschäftigt rund 66.000 Mitarbeiter. © Uli Deck/dpa
Ein Schild mit dem Schriftzug "Freudenberg" hängt in Weinheim an einem Bürogebäude des Technologiekonzerns Freudenberg.
Mischkonzern Freudenberg ist gleich in mehreren wichtigen Branchen tätig und beschäftigt fast 51.500 Mitarbeiter.  © Uwe Anspach/dpa

Laut Thomas Hahl dränge sich der Eindruck auf, die Mitarbeiter in Hockenheim sollten einzig und allein den Interessen des Kapitalmarktes zum Opfer fallen. „Wenn das die verantwortlichen Manager unter ‚Transformation der Industrie‘ verstehen, dann werden sie auf den entschlossenen Widerstand von IG Metall, Belegschaften und der Gesellschaft stoßen.“ Auch Benedikt Hummel, der Gewerkschaftssekretär der IG Metall Mannheim, sicherte den rund 60 Beschäftigten am Standort in Hockheim die volle Unterstützung der Gewerkschaft zu. Derzeit kämpfen zudem Mitarbeiter von Mahle um ihren Standort und die Arbeitsplätze.

Rubriklistenbild: © Jan-Philipp Strobel/dpa

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