VonGerhard Königerschließen
In Ellwangen versammeln sich auf dem Marktplatz Menschen aus dem Osten des Landkreises. Politiker und Mediziner fordern den Erhalt der Virngrundklinik.
Ellwangen Bei dieser Kundgebung, das Motto ist "So nicht, Herr Landrat!", springen dem Beobachter die geballten Gefühle einer empörten Bürgerschaft förmlich ins Auge: Wut, Ärger, Empörung auch Trauer und Verzweiflung. Mehr als zweitausend Menschen, der OB meint knapp 5000, versammeln sich auf dem Ellwanger Marktplatz, um gegen die Pläne des Landrats zu protestieren. Dr. Joachim Bläse will die Ellwanger St. Anna-Virngrundklinik zu einem "intersektoralen Gesundheitshaus" reduzieren, OP-Säle schließen, Chirurgen und ganze Abteilungen nach Aalen und Mutlangen verlegen, um das 60-Millionen Euro-Defizit, das 2024 aus dem Betrieb der Kliniken befürchtet wird, zu senken.
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Seitdem die Pläne bekannt sind, wächst in Ellwangen und dem östlichen Teil des Landkreises der Unmut. Was die Menschen umtreibt, kann man auf den Plakaten lesen: "Unsere Klinik darf nicht sterben! Keine Tricks Herr Landrat" oder "Herr Landrat, verleihen Sie uns im Notfall Flügel?" Mit Bussen sind sie aus den Virngrundgemeinden angereist. Eine Gruppe aus Tannhausen ruft: "Wir sind die 12 Prozent".
Oberbürgermeister Michael Dambacher: Nicht akzeptabel
Michael Dambacher pocht auf die gesundheitliche Versorgung des ganzen Ostalbkreises. Dass in Ellwangen keine Notaufnahme mehr sein soll und 12 Prozent der Bevölkerung im gesetzlich vorgegeben Zeitfenster nicht mehr versorgt werden können, sei nicht akzeptabel. Empört ist der OB, weil die Stadt in den vergangenen drei Jahren bei der Suche nach einer Lösung immer konstruktiv gewesen sei und bereit zu Kompromissen. Den habe man schließlich auch gefunden: Regionalversorger in Essingen und zwei Grundversorger in Ellwangen und Mutlangen, das sei Kreistagsbeschluss gewesen, der den kommunalen Frieden im Kreis wahrte. "Und jetzt? Werden im Eilverfahren Fakten geschaffen, die eine Schließung der Virngrundklinik auf Raten vorsehen", ärgert sich Dambacher und stellt fest: "Das Vertrauen in Dr. Bläse ist gänzlich erschüttert." Dann spricht er den Landrat direkt an: "Sie riskieren die kommunalpolitische Spaltung des Ostalbkreises."
Personalratsvorsitzender Harald Beyrle: Fluchtbewegung ausgelöst
Der Personalratsvorsitzende der Virngrundklinik, Harald Beyrle, meint, der Personalmangel in Gmünd und Aalen sei der Hauptgrund, weshalb Ellwangen reduziert werden soll. Er zählt die Abteilungen auf, die abgezogen werden sollen und fragt sich, was aus seinen Kolleginnen und Kollegen wird. "Wie soll ein Azubi ohne Auto, der im Osten wohnt, morgens um 6 Uhr zu Schichtbeginn in Mutlangen sein?" In Abteilungen wie der Urologie arbeiteten eingespielte, hochkompetente Teams, die sich nicht einfach umpflanzen lassen. "Die Fluchtbewegung beginnt schon", sagt er, die ersten Bewerbungen für Kliniken in den Nachbarlandkreisen seien schon geschrieben.
Landtagsabgeordneter Winfried Mack: Falsche Voraussetzung
Der Landtagsabgeordnete Winfried Mack kritisiert, Bläses Vorschlag gehe von falschen Voraussetzungen aus: "Er fußt auf einem Gesetzentwurf Lauterbachs, den alle Länder ablehnen und der so nie kommen wird." Der Gesetzentwurf des Gesundheitsministers blende den ländlichen Raum komplett aus. Die Landkreise hätten jedoch einen Versorgungsauftrag für ihre gesamte Bürgerschaft. "Ohne Notfallaufnahme in Ellwangen leidet der gesamte Altkreis Aalen, weil nämlich in Aalen die Notaufnahme jetzt schon überfüllt ist." Auch Mack sorgt sich, dass Personal aus Ellwangen nicht so einfach nach Gmünd und Aalen wechseln wird, mit solchen Entscheidungen vertreibe man das Personal aus dem Kreis.
Sebastian Hock: Der Kreis wird Patienten verlieren
Dr. Sebastian Hock, Sprecher der Ellwanger und Aalener Ärzteschaft, empfiehlt den Protestierenden: "Bleiben Sie gesund", denn man sei gerade dabei "ein immer noch gutes System an die Wand zu fahren." Die Virngrundklinik solle gewaltsam klein geschrumpft werden, nicht weil dort schlechte Medizin gemacht wird. "Ihr habt bisher richtig gute Arbeit gemacht", rief er den Klinikmitarbeiterinnen und -mitarbeitern zu. Am wirtschaftlichen Defizit und den Problemen in der Personalplanung seien andere Schuld. Über 3000 stationäre Operationen seien 2023 in Ellwangen vorgenommen worden und viele ambulante noch dazu. Vom Blinddarm bis zum Knochenbruch würden Patienten behandelt, in die Notaufnahme kämen Schul- und Betriebsunfälle, die nicht einfach an das Ostalbklinikum weitergereicht werden könnten. "In Aalen sind die Notaufnahme und immer wieder auch die Intensivstation überlastet." Deshalb sei die Virngrundklinik unverzichtbar. Würde sie abgeschafft, werde man massiv Patienten an Kliniken außerhalb des Kreises verlieren, so seine Befürchtung.
Heftig kritisiert Hock die in Aussicht gestellte 24/7 Notfallpraxis: "Eine Notfallpraxis durch Niedergelassene wird es in Ellwangen nicht geben. Die Hausärzte können das gar nicht, die sind jetzt schon überlastet." Skandalös sei, dass bis heute niemand mit den Belegärzten gesprochen habe. Schließlich warnt Hock vor schwerwiegenden Folgen auf die Struktur der Haus- und Fachärzte: Ohne Klinik und ohne ärztliche Weiterbildungen drohe der Verlust ganzer Praxen.
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Peter Jung: So wird das Defizit verdoppelt
PD Dr. med. Peter Jung, Chefarzt der urologischen Abteilung der St. Anna-Virngrund-Klinik, meint: "Keiner sagt etwas dagegen, schwierige Eingriffe an spezialisierten Abteilungen zu bündeln. Aber es gibt auch andere Operationen und Behandlungen." Ellwangen sei dafür ausgerüstet. Er spricht die OP-Säle an: "Die besten im Ostalbkreis, während die in Aalen so marode sind, dass sie aus hygienischen Grünen geschlossen werden mussten." Das Klinikum Mutlangen sei ausgelastet "und soll jetzt die Urologie aus Ellwangen übernehmen. Wo ist die Logik", fragt Jung und befürchtet, dass so das Defizit nicht reduziert sondern eher verdoppelt werde. Er schätzt, dass eine neue Urologie in Mutlangen 30 bis 40 Millionen Euro kosten könnte. In Ellwangen würde ein funktionierendes Team zerstört, einige seiner Mitarbeiter hätten bereits erklärt, dass sie nicht mit umziehen.
Die Aussage, eine Urologie brauche eine Tumorklinik, sei falsch. In Ellwangen sei die Urologie richtig platziert, weil es im weiteren Umkreis keine urologische Versorgung gebe, während Mutlangen bei dieser Disziplin mit mehreren Kliniken in der Nachbarschaft konkurriere. Er rief den neuen Kreistag auf, dem Vorschlag Bläses nicht zuzustimmen: "Das wäre der denkbar schlechteste Start in die neue Legislaturperiode."
Der Protest in Bildern: Ellwangen geht für die Klinik auf die Straße




Rainer Knecht: Raumschaft wird benachteiligt
Kreisrat Rainer Knecht beklagt den Vertrauensverlust, den der Landrat mit seinem Vorgehen ausgelöst habe: "Ich bin gespannt, wie er das wieder herstellen will." Die Raumschaft dürfe in der gesundheitlichen Versorgung nicht benachteiligt werden. "Wir im Osten haben schon jetzt Nachteile, etwa im öffentlichen Personennahverkehr. Aber beim Bau neuer Windräder werden wir bevorzugt."
Matthias Weber vom Bündnis für eine starke St. Anna-Virngrundklinik ruft die Menge auf, zu skandieren: "So nicht Herr Landrat!", was umgehend aus Inbrunst geschieht.
Michael Dambacher dankt den Menschen nach eineinhalb Stunden und fordert sie auf, ebenso zahlreich zu den öffentlichen Sitzungen des Klinikausschusses (24. Juni) und des Kreistages (2. Juli und 23. Juli) zu kommen und zu zeigen, "dass der Osten des Landkreises die Zerstörung der Virngrundklinik nicht hinnimmt."



